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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 75

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 75)
Language
German
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No. 41 DIE^ELT 1069 austeilten, mußte man ferner energisch betonen, daß sogar Länder auf einer sehr hohen Kulturstufe wie Deutschland nicht nur die in frühern Zeiten errichteten Stationen erhalten, sondern deren Zahl unaufhörlich noch vermehren. Wenn man aber mit solchen Argumenten kam, die auf eine durch lange und mühevolle Untersuchungen gewonnene Kenntnis der allgemeinen wie auch der besondern landwirtschaftlichen Bedürfnisse Palästinas sich stützten, dann passierte es manchmal, daß einige unserer durch ihren Eifer und ihre Allwissenheit gefährlichen Freunde, welche alle Fragen um so besser zu kennen glauben, als sie niemals die Qeduld gehabt hatten, auch nur eine einzige zu studieren, mit ganz unwiderleglichen Gegengründen auftraten; „Jeder Kolonist ist schließlich eine Versuchsstation!" „Wir haben ietzt genug Erfahrungen in Palästina, über diese Phase sind wir schon längst hinaus!" usw. Wenn man dagegen damals versuchte, der wissenschaftlichen Welt auseinanderzusetzen, was die Versuchsstation will, welche Probleme der palästinensischen Landwirtschaft zu lösen seien und auf welchem Wege, da stimmten alle Spezialisten überein, daß die Lösung dieser Probleme für die Überwindung der Schwierigkeiten der Kolonisation von höchster Bedeutung sei, und sie fügten hinzu, daß die hierzu vorgeschlagenen Mittel ihres Erachtens die richtigen seien, um alle Hoffnungen zu rechtfertigen. Daher versuchten wir im Vertrauen auf die moralische Stütze, die wir bei den Männern der Wissenschaft gefunden hatten, den Plan der Station auch einigen großherzigen Juden auseinanderzusetzen, die gute Projekte gern aufzunehmen pflegten, selbst wenn sie von Mitgliedern einer Partei ausgingen, welcher sie nicht angehörten. Als man ihnen nun erklärte, von welchem Interesse für die Menschen und insbesondere für das jüdische Volk die Probleme sind, welche die Versuchsstation sich zu lösen vornahm, da sahen diese Menschen nur das Gute, welches für unser Volk entstehen konnte, und waren bereit, obwohl sie nicht immer mit der Tätigkeit unserer Partei einverstanden waren, manchmal sie sogar aufs schärfste bekämpften, in ihrer wirklich großherzigen Art die für die Schaffung der Station nötigen Geldmittel herzugeben. Wenn wir heute, wo die Versuchsstation materiell gesichert ist, an die frühere Opposition erinnern, die man uns gemacht hat, so tun wir das nur, weil wir überzeugt davon sind, daß dieselbe Nutzen ziehen wird aus den Lehren, welche die Wirklichkeit und das Leben ihr erteilt hat. Möge so der Weg auch für alle die geebnet sein, welche uns später nach reiflichen Vorbereitungen mit andern Institutionen beschenken wollen, deren wir noch bedürfen. Und nun wollen wir versuchen, die Aufgaben der Versuchsstation zu entwickeln und zu erklären, wie sie dieseben durchzuführen gedenkt. Der leichtern Verständlichkeit halber müssen wir aber zuerst auf einige allgemeine Tatsachen hinweisen, die, so einfach sie auch sind, wahrscheinlich manchem Leser nicht bekannt sein dürften. Die landwirtschaftliche Industrie ist wie jede andere Industrie, selbst da, wo sie schon eine sehr hohe Entwicklung erreicht hat, unzweifelhaft verbesserungsfähig. Sie ist aber anderseits — und das dürfen wir nicht vergessen — unendlich verwickelter als die meisten andern Industrien. Wer nur einen Augenblick hierüber nachdenkt, wird uns zustimmen, daß z. B. die größte Baumwollspinnerei in ihrer Organisation schließlich unendlich einfacher ist als die kleinste und bescheidenste Farm. Die Fabrik verwendet immer den gleichen Rohstoff, derselbe geht stets durch dieselbe Reihe von Maschinen, und diese Maschinen liefern immer das gleiche Produkt. Der Boden, auf dem die Fabrik steht, Klima und Zeit sind ohne Einfluß auf die Feinheit des Fadens. Gliedert man an die Spinnerei eine Weberei an, so wird das Unternehmen allerdings sofort komplizierter, aber man hat immer noch nur mit Baumwolle zu tun und mit nichts anderm. Bei der Landwirtschaft dagegen gibt es eben so viele Produkte als Kulturen, ja noch mehr; diese Produkte müssen zumeist einen Umwandlungsprozeß durchmachen, bevor man sie an den Verbraucher abliefern kann. Dies führt notwendigerweise zur Angliederung einer Reihe von Nebenindustrien an die Hauptindustrie. Dazu kommt, daß sich die landwirtschaftlichen Produkte nicht nur entsprechend dem ökonomischen, sondern insbesondere je nach dem physischen Milieu jeweils zu verändern haben. Ich glaube, das genügt, um die Schwierigkeit der landwirtschaftlichen Probleme im allgemeinen zu illustrieren und darzutun, durch welche zahlreiche Voraussetzungen man sich durcharbeiten muß, ehe man zu Verbesserungen schreiten kann. Anderseits finden wir in der Landwirtschaft alter Kulturländer, zu denen Palästina zu rechnen ist, lokale Gebräuche vor, die meist Produkte einer 100 jährigen Erfahrung sind, Gebräuche, welche, wenn sie nicht noch jetzt ihre Daseinsberechtigung haben, dieselbe sicherlich lange Zeit hindurch gehabt haben. Ehe man also Änderungen vornehmen kann, muß man diese Dinge studieren. Man muß die zufälligen Abweichungen, ihre Ursachen und Voraussetzungen kennen lernen, um schließlich mit sicherer Logik ihre Wirkung modifizieren zu können. Damit stehen wir schon vor einer der Aufgaben der Station. Sie hat ein eingehendes Studium der lokalen Landwirtschaft, so rückständig sie vom Standpunkte der Technik auch sein mag, zu betreiben, und eine gründliche Kenntnis aller lokalen Gebräuche und Methoden, sowie deren Ursachen zu erwerben, ehe man es sich einfallen lassen darf, diese umzustoßen und durch solche Methoden zu ersetzen, die man einfach andern Ländern absieht. Manchen neuerungssüchtigen Geistern wird dies sicherlich als eine recht zwecklose Arbeit erscheinen. Aber diejenigen, welche ein wirkliches landwirtschaftliches Wissen besitzen, werden sich nicht schämen, einzugestehen, daß sie zu viel Hochachtung vor der landwirtschaftlichen Routine empfinden, welches sie antreffen, um sie einfach abzulehnen. Palästina gehört infolge seiner geographischen Lage zu denjenigen Ländern, die unzweckmäßigeweise „subtropische" heißen, welche die Amerikaner richtigerweise als „trockene bzw. halbtrockene Regionen" bezeichnen. Diese Regionen waren dank der außerordentlichen Fruchtbarkeit ihres Bodens Wiege und Mittelpunkt der großartigen Kulturen des Altertums, und alle Gelehrten sind sich einig, daß sie bis heute noch nichts von dem verloren haben, was ihre Fruchtbarkeit in jenen Tagen bedingte. Ihre gegenwärtige ökonomische Minderwertigkeit ist ausschließlich den politischen und administrativen Systemen zuzuschreiben, welchen diese Länder unterworfen sind. Von allen Ländern, die ihrer landwirtschaftlichen

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