Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41 DIEl^ELT 1067 und echte Bildung, statnmestümliche Bildung kann nur auf eignem Studium erwachsen. Dieses ist aber ausschließlich vom Buche und damit von der Sammelstätte der Bücher, von der Bibliothek abhängig. Und wie die Schulen sich auf Kindergärten und Volksschulen aufbauen, um in der Spitze der Hochschule ihren Gipfel zu finden, so bedürfen wir der Dorfbibliothek und der Schulbücherei nicht minder als der Stadtbibliotheken, um schließlich in der Landes- und Nationalbibliothek den Ausdruck und die umfassendsten Mittel der Landes- und Nationalkultur zu finden. Nun ist es keine Fage, daß die Gründung und Erhaltung von Bibliotheken zwar ein Teil unseres friedlichen Krieges ist, daß aber zu dieser Art, Krieg zu führen, ebenfalls in erster Linie Geld gehört, und zwar sehr viel Geld, ohne aber dem Einzelnen greifbare wirtschaftliche Vorteile sofort zu bieten. Und doch findet die kulturelle Höhe eines Volkes greifbaren Ausdruck am allerwenigsten in seiner materiellen Wehr, am meisten in seinen Schulen und Universitäten, aber keinesfalls weniger in seinem Bibliothekswesen. Aber die Schulen selber können gar nicht die Bibliotheken entbehren. Ein Gymnasium kann keine ausreichende Bildungsanstalt sein; wenn nicht wenigstens der Lehrkörper in einer ausreichenden Bibliothek die Mittel findet, sich mit den Fortschritten der Wissenschaft einigermaßen in Berührung zu halten. Ohne diese innige Beziehung zu der täglich fortschreitenden, schürfenden und forschenden Wissenschaft wird das beste Lehrerkollegium bald einrosten und die Ziele der Mittelschule mit der Zeit herabdrücken. Eine Universität oder Hochschule ohne eine entsprechende große und stetig fortschreitende Bibliothek ist ebenso undenkbar, wie ein chemischer Unterricht ohne ein chemisches Laboratorium. Die Bibliothek ist die Bildungs- und Fortbildungstätte aller Lehrer im Amte, ganz gleich, welcher Stufe des Unterrichts sie ihre Kräfte widmen. Wenn man aber daran denkt, daß eine intelligente Bevölkerung in Jerusalem daran arbeiten soll, den Kulturschmutz der Jahrhunderte und Jahrtausende aufzuräumen, um auf dem alten Schutt eine moderne Pflanzung gedeihen zu lassen, so ist wiederum das erste Mittel, dessen eine intelligente, gebildete und zum Teil gelehrte Gesellschaftbedarf, die Bibliothek, undzwar die „große Bibliothek" in Jerusalem, die das Rüstzeug für den modernen Forscher und geistigen Arbeiter jeder Art bietet. Schon dieser Umstand allein verlangt gebieterisch, daß die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem sich keineswegs bloß auf Bücher hebräischer Sprache und jüdischen Inhalts beschränkt, dennalles Kulturwissen ist notwendig, um die jüdische Nation auf jener Höhe der Kultur zu halten, die alle in einem an Zahl so kleinen Volke die Existenzberechtigung und Lebensdauer gewährleistet. Es wäre auch ein Irrtum, zu glauben, daß nur Dr. J. Chazanowicz Begründer der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem das spezifische hebräische und jüdische Wissen der geistige Eigenbesitz des jüdischen Volkes sei. Vielmehr ist alles Kulturwissen ebenso Eigentum des jüdischen Volkes, wie jeder andern Nation, die an der Sammlung und Schaffung dieses menschlichen Kulturbesitzes mitgeschaffen hat und weiter mitarbeitet. Was der menschliche Geist geschürft und erdacht, gefühlt und gedichtet hat, ist ebensogut jüdisches Nationaleigentum, wie Eigenbesitz jedes andern mitwirkenden Volkes. Deshalb schon muß die Nationalbibliöthek, wie jede deutsche, englische,französische Nationalbibliothek, das ganze menschliche Wissen und Streben umfassen, wenn auch der natürliche Verlauf der Dinge und . der Ort der Bibliothek im orientalischen Zentrum des Judentums dem Hebräischen und Jüdischen die hervorragendste Stelle von selber einräumen wird. Der Versuch von Joseph Chazanowicz, diese verdienstvolle und unübertreffliche Arbeit eines Einzelnen konnte natürlich bisher nur diesem hebräischen Schrifttum, und auch diesem lange noch nicht genügend, wirklich zugute kommen. Aber man darf die Wirksamkeit dieses aufopferungsvollen Mannes nicht an den Werken anderer Nationen messen. Denn er ist ein Einzelner, der sogar nur ganz geringe Unterstützung gefunden hat, wo es sich um eine Aufgabe der Nation handelt. Die Königliche Bibliothek zu Berlin vermag trotz eines jährlichen Vermehrungsetats von 186 400 Mark und trotz des für das Königreich Preußen bestehenden Pflichtexemplarzwanges nur noch dadurch den Anforderungen zu genügen, die die wissenschaftliche Welt an sie stellt, daß sie die Bibliotheksgebühr eingeführt hat, eine Abgabe mit staatlichem Zwang. Selbst eine so kleine Universitätsbibliothek wie Kiel hat einen jährlichen Vermehrt!tigsetat von 27400 Mark und bekommt dochnebenbei Pflichtexemplare. Diese Vermehrungsetats enthalten aber eben nur die Ausgaben für die Vermehrung durch Erwerb von Büchern, wobei alle andern sächlichen und personlichen Ausgaben nicht miteinbezogen sind. Um die Bibliothek zu einem wirklichen Nationaleigentum zu machen, bedarf es nicht bloß der nötigen notariellen Instrumente und Akte, sondern vor allem der Mitarbeit der die jüdische Nation als Einzelbehörden vertretenden großen Organisationen. Die Bibliothek zu Jerusalem muß eine geregelte Verwaltung haben, die einem wirklichen Fachmanne untersteht und die zugleich die Oberleitung und Aufsichtsbehörde für sämtliche übrigen jüdischen Bibliotheken im Lande Israel wird. Von großer Wichtigkeit ist bei allen öffentlichen Bibliotheken, die nicht von Staats wegen erhalten werden können, die Herausgabe eines regelmäßigen Bulletins, weil dies, wie die Erfahrung besonders in Amerika gelehrt hat, die breite Grundlage für den kostenlosen Erwerb eines recht großen Bücherschatzes bildet. Daß dieses Bulletin einer geschickten Verwaltung zugleich die Druckkosten zehnfach dadurch