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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 70)
Language
German
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nur für Arbeit gibt, und daß Arbeit keine Schande, sondern der Lebenszweck auch der Frau ist. Es heißt also, die beiden Frauenarten durch entsprechende Arbeit zu einem zweckdienlichen Elemente zu erziehen, durch entsprechende Erziehung sie uns zu nützlichen Mitarbeitern für unsere Zukunft heranzubilden. Zunächst müssen die Frauen in den schon im Lande vorhandenen Industrien tüchtiger und handfertiger gemacht und für neue Industrien, je nach Bedarf und Möglichkeit ausgebildet werden. Denn die Berufsmöglichkeiten sind im Lande so sehr gering, und die Art, wie die Arbeit ausgeführt wird, so schlecht, daß der Europäer gezwungen ist, alles aus dem Auslande zu beziehen. Die eingewanderten Frauen haben selten einen andern Beruf in Händen als Nähen und Strumpfstrickerei, und es ist übertrieben, wenn man es „Beruf" nennt, denn die meisten Mädchen haben nur so ein wenijk zu Hause genäht oder Nähen gesehen, und da sie hierum andere Verdienstmöglichkeiten haben, erheben sie das Wenige, das sie nicht können, zu ihrem Beruf. Die Strumpfstrickerei ist auch unter der Kritik. Es wird schlechte Ware, grob und unmodern gearbeitet, geliefert, und die Nachfrage ist daher sehr gering. Wie; wenige Erwerbsberufe unter den Frauen noch verbreitet sind, zeigen folgende Zahlen: In Jaffa sind schätzungsweise an 180 Schneiderinnen, von denen nur einzelne ihr Fach verstehen, 20 Strumpfwirkerinnen, eine Modistin, die aber nicht für Privatkundschaft arbeitet, zwei kaufmännische Angestellte, zwei Zigarettenmacherinnen, drei Krankenpflegerinnen, zwei Ärztinnen, eine Dentistin, drei Masseusen, an zehn Hebammen, drei Lehrerinnen für Wissenschaften, zwei in der Mädchenschule, eine am Gymnasium, eine Lehrerin für Nähen in der Mädchenschule, eine Lehrerin für Spitzen im Atelier des Frauenverbandes, an zehn Kindergärtnerinnen, von denen nur zwei wirklich ausgebildete und geschulte Kräfte sind, eine Musiklehrerin, eine Gesanglehrerin, 30—40 Spitzenarbeiterinnen. Ebenso gibt es in Jerusalem nur eine namhafte Schneiderin außer den sehr vielen Näherinnen, zwei oder drei Putzmacherinnen, mehrere Zigarettenarbeiterinnen, eine kaufmännische Angestellte, an zehn Lehrerinnen, zwei Schulleiterinnen, sechs Kindergärtnerinnen, vier Krankenschwestern, eine Ärztin, drei Masseusen, eine Musiklehrerin, eine Malerin, eine Journalistin, einige europäische Hebammen, an 150 Schülerinnen und Arbeiterinnen im Bezalel, zwei Spitzenlehrerinnen. In Tiberias gibt es nur eine Schneiderin, die auch gleichzeitig Lehrerin in der Allianceschule ist, eine Leiterin der Allianceschule und eine geprüfte Kindergärtnerin. In Haifa gibt es Näherinnen, eine Lehrerin an einer Privatschule, einige Kindergärtnerinnen, zwei Ärztinnen. Die häuslichen Angestellten geben in allen Städten dasselbe traurige Bild ab. Man leidet in Palästina unter dem Mangel an gut geschultem Hauspersonal. In dieser Hinsicht herrscht unter den Eingewanderten wie auch Eingeborenen dieselbe Auffassung. Sie betrachten diesen Beruf als die größte Schande, .^tnd nur für sehr hohe Löhne und in der größten Not lassen sie sich zu diesem Beruf herab, dann zumeist auch zeitweise, damit es vor der Verlobung vergessen wird, daß sie Dienstboten gewesen sind. Es ist interessant hervorzuheben, daß eine ganz entgegengesetzte Auffassung in dieser Hinsicht bei den Deutschen in Palästina herrscht, bei denen sehr oft Mädchen aus vermögendem Hause in den. Dienst treten, wenn sie im eigenen Hause entbehrlich sind. Leider muß noch erwähnt werden, daß auch die Prostitution, von der man bis vor kurzem in Palästina unter der jüdischen Bevölkerung gar keine Spur merken konnte, in den letzten Monaten durch auswärtige Mädchenhändler hierher verschleppt ihr Unwesen zu treiben begonnen hat. In der Landwirtschaft versuchten sich vor vier Jahren einige sehr begeisterte Mädchen, die aus Rußland nach den großen Pogromen herübergekommen sind. Im Anfange arbeiteten sie nur in Judäa bei den Orangen und Weingärten, im Sommer bei der Ernte. Es waren ihrer an 30, und sie arbeiteten mit viel Enthusiasmus. Der Verdienst, auch bei der tüchtigsten, war so gering, daß sie mehrere in einem Zimmer wohnen und nur von Kartoffeln und Brotsuppe leben mußten, und als dann das Fieber sie zu plagen anfing, und die mitgebrachten Kräfte und Kleider in Stücke gingen, hatten sie nichts zu leben, und mußten sich einem andern Berufe zuwenden. Heute gibt es in Judäa keine einzige landwirtschaftliche Arbeiterin mehr, in Samarien zwei Mädchen, die in Chederah eine Kommune von zwölf Arbeitern wirtschaftlich sehr gut leiten, und in Galiläa einige Arbeiterinnen, deren Gesamtzahl nicht acht übersteigen wird. Es gibt nur eine einzige Frau, in Jemma, die selbständig einer Bauernwirtschaft vorsteht und sie mit Erfolg leitet. Das entworfene Bild zwingt uns unter Berücksichtigung der schlimmsten Not, die in den palästinensischen Städten herrscht und die zu schildern, hier nicht der Platz ist, zu folgenden Schlüssen: Wir müssen, um nicht falsch für Palästina zu arbeiten, Arbeit und Brot ins Land bringen, und durch sie ein höheres Kulturniveau. Der Schrei der Masse lautet: erst „Brot* und dann „Kultur", und wir müssen diesem Rufe gehorchen und erst den Frauen und Mädchen einen Beruf in die Hände geben. Die bisherige Erfahrung, wo man nur Kultur durch Schaffung von Schulen ins Land gebracht hat, lehrt, daß ein falscher Weg eingeschlagen wurde. Man hat in manchen Schulen ein wenig Nähen und verschiedene Handarbeiten gelehrt, aber nur soviel, wie in allen höheren Töchterschulen. Man hat Französisch und Englisch gelehrt, man bat ein wenig gestickt und Pudding und Teekuchen gebacken, man hat aber den Mädchen Kleider und Schuhe gegeben und ihnen zur Verlobung einiges Geld geschenkt, und man hat gar nicht darauf gesehen, daß aus den Mädchen etwas werden muß, daß sie die englische und französische Literatur im Leben gar nicht verwenden können, wenn sie einen armen Schuster oder Wasserträger heiraten. Es ist ein verzerrtes und, wenn es nicht so traurig wäre, lächerliches Bild eines armen Volkes, dessen hungrige, blasse, von Trachom belastete Kinder in zwei oder drei Sprachen stottern, und bei einem Feste drei Kaiser ehren müssen, ohne sich in einer eigenen Muttersprache ausdrücken zu können. Wohltätigkeitanstalten, Kinderhorte und nicht Schulen nenne ich diese Anstalten, in denen man täglich Literatur und Grammatik mit Linsensuppe und einem Stück Brot serviert. Es kommt noch dazu, daß aus all diesen Mädchen, die sechs bis zehn Jahre in der Schule sitzen, nichts wird, daß sie nichts verdienen können und nicht einmal ihre eigene Wirtschaft gut zu versehen gelernt haben. Man hat sie in all diesen Jahren poliert und mit Kultur sorgfältig

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