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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 68

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 68)
Language
German
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historischen und theologischen Charakter gehabt hat und zukunftig mehr ein psychologisches, philo sophisches und ethisches Wesen annehmen soll. Die Wissenschaft des Judentums ist mit der Literatur Israels eng verbunden. Die Befürchtung, daß die Jabnehakademie wie eine rein literarische Akademie die Entwicklung der Individualitäten hemmen würde und eine literarische Hierarchie erzeugen könnte, was unter Umständen noch schlimmer als eine literarische Anarchie wäre, ist in bezug auf die Juden ohne Belang; denn der judische Individualismus ist so mächtig, daß keine noch so bedeutsame Einrichtung ihn ernstlich schädigen könnte. Auf die in meiner Schrift behandelte Frage, was zur jüdischen Literatur gehört, will ich hier nicht eingehen. In bezug auf die jüdische Kunst kann ich mich auf die Bemerkung beschränken, daß ihr eine Jabnehakademie den Weg zeigen und ebnen könnte. Da die Jabnehakademie keine Utopie ist, wenn auch viel Zeit verstreichen sollte, bis sie Wirklichkeit werden wird, machte ich den Versuch der Aufstellung eines literarisch-kulturellen Programms. Hier werde ich bloß die Punkte aufzählen, ohne sie näher zu beschreiben. 1. Gründung von jüdischen Bibelgesellschaften, Förderung der Bibelübersetzungen und Herausgabe eines Bibelkommentars, der das wichtigste aus den alten und neuen jüdischen und nichtjüdischen Kommentaren umfaßt. 2. Erklärung und Verbreitung der apokryphisehen Literatur, der philosophischen Schriften Philos und historischen des Josephus. 3. Aus den Werken der Halacha und der Targumim das literarisch Nationale herauszusuchen und für Gebildete, die nicht Fachgelehrte sind, zu verarbeiten. 4. Die Kenntnis der hagadistischen Literatur zu verbreiten und zu vertiefen. 5. Den Talmuden einen Ehrenplatz in der Weltliteratur zu erringen, eine talmudische Universalbiographie zu schaffen, eine Systematisierung des Talmuds zu versuchen, den syrischen und aramäischen Teil der Talmude ins reine Hebräisch zu übertragen. 6. Herausgabe der poetischen und philosophischen Klassiker der arabisch-spanischen Epoche. 7. Erforschung der nach Hunderttausenden zählenden, alle Länder umspannenden, sich von alten Zeiten bis in die Gegenwart ausdehnenden Responsenliteratur zu kultur-historischen Zwecken. 8. Behandlung der originell jüdischen Dialektik, Pilpul genannt, im Dienste der Geschichte logischer Irrtümer und der Völkerpsychologie. 9. Behandlung der Kabala als eine Philosophie der Phantasie, als eine eigenartige Verstandspoesie. 10. Darstellung der Ethik und Homilethik, Geschichte und Sage des Chassidismus, Herausgabe einer chassidaischen Universalbiographie. 11. Poetische Schilderung des „Chassidim-Ghetto". 12. Sammlung moderner Studien über Talmud und Midrasch, sozialpolitischer Reden und Schriften von Juden und über Judentum, hebräischer und jüdischer Aufsätze, Artikel aus der jüdischen Journalistik. 13. Konstatierung eines modernen. Midrasch, eines Predigt-Jalkut. 14. Herausgabe eines hebräischen Wörterbuches durch viele Gelehrte. 15. Verbreitung der jungjüdischen Literatur im Hebräischen und im Jargon und Einführung derselben in die Weltliteratur. 16. Entwicklung des Jargontheaters zu einem jüdischen Kunstinstitute, Gründung eines hebräischen Theaters in verschiedenen Sprachen. 17. Förderung der jüdischen Kunst im allgemeinen und eines Zentralmuseurns in Palästina. Zu diesen Punkten, die ich 1902 behandelte, fügte ich 1906 hinzu: 18. Übertragung der jüdischen Realenzyklopädie vom Englischen in die andern Sprachen, die von vielen Juden gesprochen werden, Herausgabe einer hebräischen Enzyklopädie des Judentums nach dem Plane Achad-Haams, eines hebräischen Konversationslexikons, nach dem Plane Sokolows und eines allgemeinen jüdischen Archivs. 19. Ein Jahrbuch nach der von Goldstein in „Ost und West" vorgeschlagenen Art, das ein Resümee der wichtigsten Arbeiten der Juden auf den Gebieten der allgemeinen Wissenschaften und Literaturen enthalten soll, dürfte sich nicht auf die deutsche Geisteswelt beschränken, sondern müßte Gesamtisrael und das Weltreich der Kultur berücksichtigen. 20. Herausgabe einer Zeitschrift» Bath-Kol", „Echo", welche nach dem Vorschlage von Rüben Brainin das wichtigste von dem in verschiedensten Sprachen über Juden und Judentum Publizierten hebräisch, gleichsam für die Ewigkeit, widergeben soll. 21. Sammlung der jüdischen Melodien. 22. Herausgabe einer jüdischen Geschichte, welche nach den Theorien und Methoden der modernen Geschichtswissenschaft bearbeitet wird, die Kultur, Politik und Ökonomie in gerechter Proportion berücksichtigt. 23. Bearbeitung der Philosophie der jüdischen Geschichte als besonderes Fach. 24. Die Ethik des Judentums und der Juden sollte in allen Phasen der Entwicklung erforscht werden. Lazarus' Ethik des Judentums ist in der Erforschung der jüdischen Moral von epochaler Bedeutung, ist aber nicht der Schlußstein, sondern vielmehr ein Grundstein zum großartigen Gebäude der Ethik Israels. 25. Aus der jüdischen Religionsphilosophie könnte eine Philosophie der Juden herausgeschält werden. Die mosaische, talmudische und rabbinische Gesetzgebung müßte immer mehr Anerkennung in der Wissenschaft der Jurisprudenz erringen. 26. Förderung der Forschungen auf den Gebieten der jüdischen Statistik und der Volkskunde. V. Die Jabnehakademie ist noch mehr als eine Gelehrtengesellschaft zu literarischen Zwecken, eine Institution, die andere Kulturinstitutionajn ins Leben ruft. IhreMission nach dieser Richtung will ich hier nur andeuten. 1. Gründung einer universalen interterritorialen Rabbinerunion. An der Spitze eines solchen Weltverbandes sollte ein großes Komitee als eine Art Synedriurti stehen, ein engeres Komitee, ein Gaonat unserer Zeit würde die Exekutive und Repräsentanz haben. Die Furcht Abraham Geigers vor einem jüdisch-orthodoxen Papsttum in Jerusalem ist unbegründet. Eine aus vielen und vielerlei Gaonim, d. h. aus den erstklassigen Eührern der verschiedenen religiösen Paiteien zusammengesetzte Autorität könnte dem Judentum nützen und nach außen in bezug auf die Apologetik des Judentums imponieren. 2. Einberufungeines all jüdischen Kongresses, dessen Exekutoren ein modernes Exilarchat darstellenwürden.

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