Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316447--53851-3347620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Politische nicht ausschließt. Jabnehismus deutet auf die Fähigkeit des Judentums hin, sich nach den Anforderungen der Geschichte zu ändern und verschiedenartige Formen anzunehmen. An Stelle des Tempels kam das Lehrhaus, die Akademie; an Stelle Jerusalems Jabneh; an Stelle der Könige und Priester, Mitglieder des Synedriums und Gelehrte. Das Heiligtum zu Jerusalem war das Symbol eines priesterlichen Judentums, der Talmud das des rabbinischen Systems; der Prophetismus das einer fortschrittlichen Bewegung; Zion das eines politischen Judentums und Jabneh das eines kulturellen Judentums. Rabbi Jochanan ben Sakkai verneinte nicht die andern Formen des Judentums, suchte aber in erster Reihe im Kulturellen die Rettung der Juden. III. Die Mission einer Kulturunion Israels Das von Häckel formulierte und von Lilienfeld auch in der Soziologie angewandte Gesetz des Parallelismus in der Entwicklung des Individuums und der Art hat auch in bezug auf das Judentum seine Bedeutung. Eine Kulturunion aller Juden würde auch einer Vereinigung aller Geschichtsepochen entsprechen. Die Mission einer Kulturunion soll durch eine allisraelitische Akademie vollbracht werden. Auch andere Akademien haben einen Vereinigungszweck. So z. B. die rumänische Akademie den, alle Zweige des in verschiedenen Staaten lebenden rumänischen Volkes geistig, sprachlich und literarisch zu vereinigen. Selbstredend wird eine jüdische Akademie eine Akademie sui generis sein, da Israel ein Volk sui generis ist, — eine originelle Mischung von Konfession, Nationalität und Kultur. Wir bilden eine Konfession ohne bindende Dogmen, eine Religion, bei der der eigentliche Glaube in zweiter Reihe steht, eine Nationalität, die ihr geschichtliches Territorium — politisch nicht besitzt, eine Kultur, die in verschiedenen Sprachen zum Ausdruck gelangt. Wir sind ethnisch ein Volk und ethisch in mancher Beziehung eine internationale Gesellschaft. Alle auf unsern Stamm angewandten Beziehungen haben einen relativen Wert, da sie nicht ganz dem eigenartigen Wesen Israels entsprechen. Auch die Institution, die wir vorschlagen, muß ein eigentümliches Gepräge haben, ein Abbild des Israels derVergangenheit, ein Ebenbild des gegenwärtigen Israel und ein Vorbild für das Israel der Zukunft sein. Der Titel Synagoga magna wäre wohl zur Bezeichung der Institution, die wir vorschlagen, geeignet; wir wählen jedoch die Benennung Akademie, die zugleich das Kulturelle und das Moderne zu betonen vermag. Unter Akademie verstehen wir in der Gegenwart entweder eine hervorragende Gelehrtengesellschaft im Dienste der Forschung oder eine Hochschule für ein bestimmtes Gebiet des Wissens und des Könnens. Die Jabnehakademie soll eine Gelehrtengesellschaft sein zur Förderung verschiedener Zwecke unseres Geisteslebens; sie soll keine Hochschule sein, aber eine Gesellschaft, welche an die „traditionelle" Synagoga magna erinnert; ihr „altneuer" Charakter und alljüdisches Wesen ist im Hinweis auf Jabneh angedeutet. IV. Wesen der Akademie Dem eigenartigen Wesen unseres Volkes ent sprechend müßte die Akademie religiöse, nationale, kulturelle, wissenschaftliche, literarische und künstliche Zwecke verfolgen. Vor allem gilt es jedoch festzustellen, was die Akademie nicht sein darf. Sie darf sich nicht in eine Synode verwandeln, welche über religiöse Fragen, die Meinungsverschiedenheiten aufweisen, urteilt. Sie könnte jedoch eine Religionskommission, aus den Vertretern der verschiedenstenreligiösenNuancenzusammengesetzt, eine Art Synedrium wählen zu dem einzigen Zweck, allen Juden gemeinsame Heiiswahrheiten zum öffentlichen feierlichen Ausdruck zu bringen. Die Jabnehakademie darf keinen politischen Charakter annehmen, kann kein jüdisches Parlament werden, aber eine Repräsentanz des jüdischen Stammes darstellen. Für ein politisches Parlament fehlen den Juden die nötigen Voraussetzungen. Nur in einem politischen Territorium, dessen Majorität Juden sind, ist ein jüdisches Parlament möglich. Was denkbar wäre, ist ein panjüdischer Kongreß, eine periodische Synagoga magna. Der Jabnehakademie könnte als friedliche interterritoriale Institution die Aufgabe zufallen, einen allgemeinen jüdischen Kongreß einzuberufen und dessen kulturelle Beschlüsse durchzuführen. Die vorgeschlagene Akademie, welche nach der Forderung der Geschichte in Jerusalem ihren Hauptsitz haben sollte, die aber aus praktischen Gründen vorläufig im Golus bleiben muß, soll keine eigentliche Palästina-Institution sein. Die rein palästinensische Arbeit sollte eine besondere Institution haben, da die Zentralakademie ihren Blick vom allgemein Israelitischen nicht ablenken darf; praktische Gründe können auch dafür sprechen, daß diverse Sektionen der Akademie in verschiedenen Orten, wie Jerusalem, Konstantinopel, New York, London, Paris, Berlin, Wien, Warschau, Odessa, Budapest, Amsterdam und Florenz ihr Heim aufschlagen. Die Jabnehakademie darf keine rein hebräische sein. Die Pflege der hebräischen Sprache gehört zu den Kardinal aufgaben der fraglichen Akademie, da das Hebräische das bedeutsamste Einigungsmittel der Juden bildet, ein Yolapük, ein Esperanto für Allisrael darstellt. Die Zentralakademie darf jedoch nie die Tatsache außer acht lassen, daß die jüdische Kultur, der sie zu dienen hat, auch in andern Sprachen zum Ausdruck gelangt. Wir glauben mit Achad-Haam, daß ein hebräisches Palästina ein mächtiges Zentrum für Gesamtisrael werden kann und soll; wir halten uns jedoch von jeder hebräischen Exklusivität fern und glauben an allgemein jüdische Erfolge einer universelljüdischen Kulturinstitution. Die Hauptfelder der Tätigkeit der Jabnehakademie sind die Wissenschaft des Judentums, die Literatur der Juden und die jüdische Kunst. In bezug auf die Wissenschaft teile ich die Ansicht Ludwig Geigers, daß es keine jüdische Wissenschaft gibt, sondern nur eine Wissenschaft des Judentums. Die Naturwissenschaften sind vom religiösen und nationalen Bekenntnis der Forscher unabhängig. Auch im Reiche der Geisteswissenschaften, in welchem religiöse und nationale Momente eine gewisse Rolle haben, soll das Internationale und Interkonfessionelle vorherrschend sein. Das Judentum suchte freilich seit Philo mit der jeweiligen Zeitphilosophie in Frieden zu leben; auch in unserer Zeit ist es uns Geistesbedürfnis, den kogitanten Charakter des Judentums zu wahren und dasselbe mit der Philosophie der Gegenwart, welche mit den Resultaten der Naturwissenschaften rechnet, zu versöhnen. Die Haupttätigkeit der Akademie auf wissenschaftlichem Gebiete aber gehört der sogenannten Wissenschaft des Judentums, welche bis jetzt mehr einen philologischen,