Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
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die Schule müsse diesen Teil der Erziehung ganz dem Elternhause überlassen und sich selbst zur religiösen Tradition indifferent verhalten, meinen die andern, daß diese Indifferenz eine gefährliche Lücke in der Entwicklung der Kinder bedeute und auch vom nationalen jüdischen Standpunkte durchaus zu verpönen sei. Man muß zugeben, daß die Erziehung mit Zuhilfenahme der Religion, besonders in den jüngeren Jahren, viel leichter ist als bei Ausschaltung derselben. Auf die immer weiter dringenden Fragen des Kindes nach dem Ursprung und der Entstehung der Dinge wird leichter eine abschließende und das kindliche Qemüt beruhigende Antwort gegeben, wenn an das Ende einer Reihe, die das Kind nicht weiter zu verfolgen vermag, Qott als Schöpfer, sein Wille und seine Macht als prima causa gesetzt wird. Auch die Handlungen des Kindes werden leichter gelenkt, wenn Out und Schlecht von der unanfechtbaren Autorität Gottes hergeleitet wird, dessen unsichtbare Macht des Lohnes und»der Strafe Quell ist. Man kann jedoch nicht behaupten, daß in diesen beiden Fällen die Pädagogik ratlos ist. Man kann, wenn auch in umständlicherer Weise, die äußeren Erscheinungen in einer dem Alter und der Auffassungskraft des Kindes angepaßten natürlichen Art erklären, ebenso kann man die Kinder durch Belehrung und gutes Beispiel zweifellos auch zu guten Menschen erziehen, ohne die blinde Angst vor unbekannter Strafe in ihm wachzurufen. Wahr ist es auch schließlich, daß eine religiöse Erziehung eine ganze Reihe traditioneller Werte dem Kinde bietet, die es enger mit unserm Volke verknüpfen und es stärker gegen assimilierende Einflüsse isolieren. Anderseits aber darf man die Kraft der rein nationalen Erziehung, der Erweckung der Liebe des Kindes zum Lande, zu unserm Volke, seiner Geschichte, Sprache und Literatur durchaus nicht unterschätzen und nicht meinen, daß sie allein nicht ausreicht, um eine wackere, volkstreue und charakterfeste Generation zu erziehen. Ich behaupte also resümierend: die religiöse Erziehung in der Schule bildet ein gewisses Plus in der Erziehung, eine Erleichterung derselben, aber unentbehrlich ist sie nicht. Wann dieses Plus anzuwenden ist, soll einzig und allein vom Lehrer abhängig gemacht werden. Wenn der Lehrer religiös ist und Glauben besitzt, dann soll er ihn auch seinen Zöglingen einimpfen. Glauben stärkt jedenfalls das Individuum. Den Nichtreligiösen möge es nicht vor einem späteren Gesinnungswandel bange sein. Was der Lehrer von seinen Anschauungen dem Schüler mitteilt, braucht nicht sein ewiges Eigentum zu bleiben; er kann den Lehrer im späteren Leben überwinden und sein Gegner werden. Aber seine Lehre wird er wie jede andere aus der Tiefe der Seele kommende Überzeugung schätzen und in Achtung bewahren. Deshalb kann man — auch die Jugend, der der Glaube fehlt — die jüngst angebahnte Reform der Talmud-Thora und anderer Schulen, die den Anforderungen moderner Pädagogik und der nationalen Erziehung gerecht zu werden suchen und dabei den Kindern durch wahrhaft religiös gesinnte Lehrer eine religiöse Erziehung erteilen wollen, nur freudig begrüßen. Dagegen soll vor einer offiziell opportunistischen religiösen Erziehung nur gewarnt werden. Der Schüler spürt leicht Unaufriehtigkeit heraus, wodurch des Lehrers Autorität am meisten erschüttert wird, und wendet sich von ihm mit Erbitterung ab. Auch ungeschickt überlebte Formen, in denen Religionsunterricht erteilt zu werden pflegte, müssen wegfallen, da sie erhaben sein sollendes nur lächerlich machen. Religionslehre hängt also in ihrer Wirkung allein von der Persönlichkeit des Lehrers ab, der einzig über ihre Zweckmäßigkeit in unseren Schulen entscheiden kann. 4. In ebendemselben Maße als eine möglichste Einschränkung des Sprachunterrichts wünschenswert ist, ist eine weitmögliche Aufnahme der Naturlehre und realen Fächer in das Programm der palästinensischen Schulen erforderlich. Sind wir Juden an sich schon es unsern Kindern schuldig, an ihnen den Folgen einer einseitig spekulativen Hirnverbildung durch soviele vorangehende Generationen durch weiteste Hinlenkung zur Natur und Entfaltung des Anschauungsvermögens entgegenzuwirken, so wirft sich diese „Rückkehr zur Natur" hier in Palästina ganz besonders auf. Zum großen Teil ist die Sehnsucht, die die meisten, die im Lande gelebt haben, nach Palästina fühlen, auf das Wiedererwachen des Naturempfindens und die Freude an der Natur zurückzuführen, die bei den meisten Immigranten hier lebendiger ist als imGolus. Vielleicht liegt dies an gewissen Reizen, die nun hier doch das Land mit seinem Himmel, seinem bezaubernden Licht am Tag und in der Nacht, seinen grandiosen Naturerscheinungen ausübt. Vielleicht ist dies nur die Folge der intimeren Berührung mit der Natur, die der Natur meist vollständig entrückte frühere Städter sich nun erfreuen dürfen. Tatsache ist jedenfalls, daß sich die Juden hier ganz anders in der Natur ausleben als in den europäischen Ghettozentren. Insbesondere gilt dies für die Jugend, die Ausflüge und Landpartien zu ihrem engern Programm zählt und dadurch mit Leichtigkeit und ziemlich früh das Land kennen lernt. Nun kommt es gerade bei der Jugend darauf an, daß diese Liebe zum Lande und zur Natur nicht in hohle Schwärmerei ausartet, sondern durch positive und genaue Erkenntnis der Naturerscheinungen zum wahrhaften Verständnis derselben, zur innigen Vertrautheit mit ihnen führt. Besonders leicht ist dies in bezug auf die Himmelserscheinungen, . die hier mit solcher Gesetzmäßigkeit und gewaltiger Prägnanz auftreten1), durchzuführen. Ein genaues Studium der Erde und ihrer Vegetation aber ist nicht allein von bildendem, sondern für unsere Verhältnisse auch von eminent praktischem Werte. Wenn nämlich die Schule auch den Grund für einen späteren Beruf legen soll, dann darf nicht für einen Moment vergessen werden, daß wir in Palästina zu allererst und am allermeisten Landwirte brauchen. Die Schule soll die praktische Betätigung der Kinder in Gärtnerei und anderen Zweigen der Landwirtschaft schon von frühestem Alter aufnehmen, und zwar nicht als Spielerei, sondern möglichst im Anschluß an die bestehenden Kulturen in der betreffenden Kolonie. Die Kinder sollen auch zur Erntezeit und zu andern Saison- *) In diesem Zusammenhange dürfte die Bemerkung interessieren, daß, während in Europa selbst die Astronomen im Zweifel gewesen, ob der Halleysche Komet erschienen sei, da man ihn dort auch mit Teleskop von der Sternwarte nicht beobachten konnte, hier ihn jedes Kind mit freiem Auge in allen Stellungen mit prachtvoller Deutlichkeit gesehen hat.