Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine große Anzahl Kurorte käme einfach für Kühe- und Erholungsbedürftige, Rekonvaleszenten, Blutarme und Nervöse, ferner für die aus Palästina und seineu Nachbarländern rührenden Fälle von chronischer Malaria, einige ferner — die genaueren Indikationen müssen erst in Zukunft festgestellt werden — für Erkrankungen der Atmungsorgane, besonders an Tuberkulose, in Betracht. Bezüglich der letztern Krankheit verweisen wir auf das oben Ausgeführte. Man vergesse auch nie, daß eine Überernährung des Körpers und eine gleichmäßige und bequeme Lebensweise bei der Tuberkulosekur von Bedeutung ist, und daß somit bei mangelndem Komfort der hieraus erwachsende Schaden den Nutzen des Klimas überwiegen könnte. In erster Reihe nennen wir den Libanon und den Karrnel. Der Libanon hat heute bereits eine große Anzahl herrlicher Villenorte, so in der piniengeschmückten Umgebung von Beirut. Man genießt hier die Vorteile der kühlen Seeluft, der reinen Gebirgsluft und der würzigen Waldesluft. Landschaftlich sind beide Gebirge von hervorragender Schönheit. Der vom Karrnel durch die reine Luft dringende Blick schweift über das blaue Meer, die Küste von Cäsarea bis Tyrus entlang, über die Ebene und die Stadt Haifa, das immer grüne Gebirge, dann weit über die Berge des Landes hinaus bis zum schneebedeckten Hermon — ein fesselndes Bild voll entzückender Farben. Hier oben ist es infolge der Seebrisen noch kühl, wenn es in Haifa bereits empfindlich neiß ist aus dem gleichen Grunde ist die Luft auch feucht. Nur Rheumatischen ist hier wegen der rauhen Nordwinde das Klima nicht zuträglich; dagegen sind die Temperaturgegensätze nicht sehr schroff. Aber nicht nur für Heilanstalten, Badeorte -isw. ist das Gebirge besonders geeignet, sondern auch für Villen, für Sommerfrischen all der Leute, die im heißen Sommer ihren Aufenthaltsort zu verlassen pflegen, die bemittelten Engländer und europäischen Kaufleute in den Großstädten Ägyptens, die reichern Einheimischen und Fremden aus Ägypten, Syrien und Palästina. Kein Zweifel, daß gerade der Karrnel im wiedererwachenden Palästina sich bald den ihm gebührenden Platz als Kuraufenthalt erobern wird. — Von den durch ihr gutes Klima zu Kurorten geeigneten Gebirgsorten werden z. B. von Joffe folgende Städte und jüdische Kolonien hervorgehoben: in Galiläa die Kolonien Rosch Pinah. Sedschera und am Fuße des Libanon Metule, von Städten Safed, weiter südlich Nablus und Hebron, sowie die Küstenkolonien Katra, Kastinie und Rechoboth, auch Moza bei Jerusalem. Zum Teil zeichnen sich die Bewohner dieser Gegenden durch ihre kernige. Gesundheit aus. Besonders Rosch Pinah verdient hervorgehoben zu werden. Mit seinem warmen gemäßigten Klima, seiner reinen Gebirgsluft vereint es die ganze Schönheit des galüäischen Hochlandes. Es ist die Perle aller jüdischen Kolonien; von jeder Ei höhung aus genießt man ein herrliches Panorama, in dem der Blick weithin nach allen Himmelsrichtungen dringt. Von ganz anderm Charakter wäre der Kurort Jericho. Hier stehen wir bekanntlich an einer der tiefsten Stellen der Erdoberfläche, in einem tiefen Grabenbruch, in dem kaum ein Wind weht, selten Regen fällt, und ein heißes Klima herrscht. Der Ort ist für rheumatische Leiden und für Krankheiten der Atmungsorgane und der Nieren, besonders im Winter, wo auch keine Malaria herrscht, höchst geeignet. Dazu kommen die heilkräftigen Quellen in der Nähe des Ortes. Auch ist ja dieser nahezu tropische Winterkurort so leicht erreichbar! Freilich müßte erst wieder das tropische Paradies entstehen und die Palmenhaine erblühen wie einst, als das Jericho, das heute inmitten einer interessanten, aber toten Landschaft liegt, die gefeierte Winterresidenz des Tetrarchen Herodes war. Ähnlich liegt die Stadt Tiberias, wenn auch längst nicht so tief und abgeschlossen. Auch hier könnten die milden Winter für Kurzwecke ausgenutzt werden. Hier hat auch die Natur für eine prachtvolle Ausschmückung der Landschaft Sorge getragen, und vor allem befinden sich hier die heilkräftigen Quellen, von denen bald die Rede sein soll. Endlich sei noch der Strand der jüdischen Küste als für Seebäder geeignet erwähnt, mit einer Wiiitertemperatur ähnlich der von Älgier, wo Tuberkulöse, ruhebedürftige und nervöse Personen und skrophulöse Kinder Heilung suchen werden. Die erwähnten Quellen vulkanischen Ursprungs, meist von hoher Temperatur und reich an Salzen, besonders schwefelhaltigen, finden sich an verschiedenen Punkten des Jordantales. Die berühmtesten sind die von Tiberias, dem Talmudkenner als „Chamme Tewarjoh" bekannt, Thermen von etwa 48° R., die verschiedene Schwefelverbindungen enthalten, schweflig-bitter riechen, salzigbitter schmecken. Sie stehen den Karlsbader Hei'quellen nahe und werden auch mit ähnlicher Wirkung getrunken. Die Hauptanwendung finden sie indes zu Badezwecken. Nach arabischen Berichten kamen einst hinkende (wohl Gelenkkranke), Gichtbrüchige, Magenleidende und Hautkranke zu diesen Quellen, um Heilung zu suchen. Zwischen dem einstmaligen Residenzort Tiberias und dem Badeort zogen sich zur Römerzeit die Landhäuser der Vornehmen hin, und noch heute zeugen granitne Säulen von verschwundener Pracht. Das römische Gepräge des Badelebens von Tiberias wandelte sich später in ein jüdisches um, als dort eine große rabbinische Gelehrtenschule errichtet wurde. Wo heute kahle und nackte Felsen stehen, waren ehemals die Ufer mit einem Kranz von Dörfern und Städtchen umsäumt, und auf dem jetzt öde wogenden See trieben die Kähne der Vergnügungsbesucher. „Wenn dieses Bad", so ruft Seetzen aus, „mit seinen Umgebungen in Europa läge, würde es einer der besuchtesten Badeorte sein." „Das Bad ist eins der wenigen Heilbäder", wie Dechent sagt, „die eine unuuteA*brochene Tradition von zwei Jahrtausenden besitzen . . . Vielleicht schlägt auch für dieses einmal die Stunde neuen Aufschwungs." Die Quellen werden auch heute besucht, sind aber recht verwahrlost. Ich schöpfte das salzige Wasser, das nutzlos in den See rinnt, mit der Hand vom Boden. Hier könnten rheumatische, Haut-, Frauen-, Knochen- und Gelenkkrankheiten Heilung finden — nicht etwa nur durch die Heilquellen, sondern auch durch das höchst geeignete Klima von Tiberias, das zuweilen ein wahres Treibhausklima ist. Zudem ist diese Gegend mit ihren herrlichen Ausblicken über die Berge bis hin zum Libanon, mit dem schönen tiefblauen See und dem bunten Blumenteppich des Strandes und — last not least — seinen historischen Erinnerungen ein prachtvolles Stück Erde. Herzls Phantasie hat in „Altneuland" von dem wiedererwachten Badeorte Tiberias eine schöne Schilderung entworfen. „Es ist der Garten Eden!" — lautet der Schluß. Weniger heiß sind die Quellen von Gadara (oder Hama), s. ö. vom See Genezareth. Die Gegend ist wild-romantisch; der brausende Jannukstrom ist von weißen Kreidefelsen eingefaßt, in die schwarze Lavastücke eingesprengt sind. Hier finden sich 10 Quellen, die zum Teil einen starken Schwefelgeruch verbreiten, und deren Temperatur zwischen 27 und 35° R. schwankt. Auch hier herrschte einst zur Römerzeit ein reges Badeleben, von dem die Ruinen des großen römischen Badehauses, die Quadern eines römischen Theaters und zerstreute Säulenstümpfe beredtes Zeugnis ablegen. Das Bad befindet sich in primitivstem Zustande und wird von einigen hundert arabischen Gästen besucht. Das Wasser aber ist von kräftiger Wirkung und kommt ebenso wie die Tiberiasquellen z. B. für rheumatische und Hautkrankheiten in Betracht. Die Landschaft hat hier einen andern Charakter wie in Tiberias, ist aber ebenfalls prächtig; auch hier sind die Winter milde. „Würde El Hamma", so sehreibt der Engländer Merrill, „wieder aufgebaut, so könnte es einer der anziehendsten Versammlungspunkte von Syrien und einer der interessantesten Orte der ganzen Welt werden.11 Man gelangt heute bereits mit der Bahn Haifa-Samach bis an die Quellen — wann aber wird man daran gehen, mit geringen Kosten den Abfluß der heißen Quellen zu regulieren? Nicht nur, daß das kostbare Wasser verloren geht, es versumpft auch, indem es im Boden verrinnt, die Gegend und verwandelt sie in einen Malariafieberherd! Fluch statt Segen--. Die dritte Gruppe von heißen Schwefelquellen (42—45° R.), von den Griechen unter dem Namen der Quellen von Kallirrhoe zusammengefaßt, befinden sich im Osten des Toten Meeres. Sie sind am stärksten verwahrlost. Auch hier sind R«ste alter Kultur vorhanden, und die von Norden und nach Süden führende Römerstraße weist auf den ehemaligen Badeverkehr hin. Heute ist nicht einmal mehr eine Badehütte vorhanden. Das Nebeneinander von heißen und kalten, süßen und bittern Quellen würde allerlei Kombinationen der Badekur gestatten. Neben den heißen Quellen sollen auch Dampfsprudel aus der Erde hervorbrechen. Auch hier könnte, zumal das bei der Besprechung von Jericho erwähnte Klima den Anforderungen entspricht, neben den erwähnten Leiden die chronische Nierenentzündung günstig beeinflußt werden. Der hohe Gehalt an Kochsalz und alkalischen Erden, bei hohem Schwerelgehalt und beträchtlicher Temperatur, stellt für eine Anzahl von Leiden eine äußerst glückliche Kombination dar. Überflüssig auseinanderzusetzen, was die Ausnutzung der Quellen und klimatischen Kurorte für die Hebung des Verkehrs, des Handels und der Industrie, für den Kultur aufschwung, für die Mehrung des Nationalreichtums bedeuten kann. Man vergegenwärtige sich nur irgend ein Beispiel! * * * Bei der Erschließung dieser Quellen wie bei der Sanierung der verseuchten Gegenden handelt es sich nicht darum, Neues