Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 47)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316447--53831-3347600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 41 DIE2KKELT: 1043 Krankheit durch ihre Komplikationen besonders gefürchtet. Es muß auch festgestellt werden, daß die bösartigen Geschwulste (Krebs, Sarkom u. a.) nach Angabe der altern wie der neuem Arzte in Palästina selten sind, ein eminent wichtiger Faktor, wenn man bedenkt, wie viele Tausende bei uns durch ein quälendes Krebsleiden, oft . im Alter von 40 und einigen Jahren, dahingerafft werden, ohne daß es ein sicheres Mittel zur Heilung oder auch nur zum Schutze gegen dieses Leiden gäbe. Noch ein weiterer Punkt soll aus der großen Anzahl von Angaben herausgeholt werden, obwohl er nicht völlig geklärt ist, — weil darüber in der altern und neuern Literatur Übereinstimmung zu herrschen scheint: die geringe Neigung der Wunden zur Infektion. Daher soll die Zahl der Blutvergiftungen trotz der mangelhaften Sauberkeit und Wundpflege gering sein, ja, die Wunden sollen eine raschere Tendenz zur Heilung zeigen. Von besonderer praktischer Bedeutung ist diese Frage für das Wochenbett. Während bei uns, trotz der im allgemeinen nicht schlechten Asepsis, alljährlich noch immer Tausende von Frauen an Infektion zugrunde gehen, so daß man das Wochenbett mit Recht das Schlachtfeld der Frauen genannt hat, sind dort in Palästina trotz zumeist mangelhafter Asepsis unter durchschnittlich weit unsaubereren Verhältnissen die Fälle von Kindbettfieber auffallend gering. Offenbar fehlen den betreffenden Bakterien im Lande die zu ihrer Entwicklung nötigen Voraussetzungen. Aus der geographischen Lage des Landes ergibt sich nun aber eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Gesundheit seiner Bewohner, die allerdings durch weitverzweigte Maßnahmen abgewendet werden kann. Die Hinterländer Palästinas, Indien, Arabien und Persien, sind nämlich die Brutstätren berüchtigter epidemischer Seuchen, von Cholera, Pest und Pocken. Die Cholera stirbt am Ganges nie aus, und die heiligen Badefeste der Inder sowie die großen Pilgerzüge der Mohammedaner nach Mekka geben Gelegenheit zur Verschleppung der Seuche auf dem Land- und Seewege in die Häfen Vorderasiens und Ägyptens und von hier aus nach Europa. Zweifellos bedeutet der Bau der Hedschasbahn, auf der große Pilgermassen zwischen Damaskus und Arabien das Ostjordanland passieren, eine Erhöhung der Gefahr, da so die infizierten Pilger rasch nach Nordwesten befördert werden können, ehe sich Symptome der Krankheiten gezeigt haben. So kommen also jetzt für Palästina außer den Häfen noch die östlichen Bahnstationen als Eingangspforten in Betracht. Man braucht hier nicht im einzelnen darzulegen, welch enorme Leistungen im Kampf gegen diese Gefahr auf einer gewissen Stufe der Kultur vollbracht werden können. Aus der geographischen Lage Palästinas erwächst diesem Lande eine Pflicht gegenüber Europa: es ist der Torwächter an den Pforten Innerasiens, der die ehrenvolle Aufgabe hat, der Seuche den Weg zu sperren und die Gefahr zu signalisieren. Die Gefahr darf aber nicht überschätzt werden. Was zunächst die Pest anbelangt, die ja in Ägypten trotz der sanitären Maßnahmen vorkommt, und die ja auch Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Syrien und Palästina besonders häufig grassierte, so ist dieselbe längst weiter nach Osten abgezogen, so daß es in Palästina trotz der Untätigkeit der türkischen Behörden seit Jahrzehnten keine Epidemie gegeben hat. Ebenso ist die Pockengefahr^ die früher in Palästina nicht unbedeutend war, völlig im Schwinden begriffen, wohl infolge der Einführung der Pockenschutzimpfung, der sich die Bevölkerung widerspruchslos unterzieht. Es kommt also nur die Cholera in Betracht, die in der Tat von Zeit zu Zeit das Land heimsucht. Man erinnere sich noch der Epidemie von 1903. Auch damals bestätigte sich die Erfahrung, daß die unsauberen Stadtviertel am stärksten zu leiden haben; auch wütete die Epidemie in den Städten, in denen die einzelnen Bewohner ihre eigenen Brunnen hatten, weniger, als in jenen, die ihr Wasser aus gemeinsamen Zisternen und Brunnen bezogen. In einem mit allen Waffen der Hygiene ausgerüsteten Palästina der Zukunft dürfen und werden keine ausgedehnten Choleraepidemien mehr vorkommen. Die Bilanz mag nun der Leser selbst ziehen. Es ergibt sich als wesentlichstes Resultat, daß gerade die schwer bekämpfbaren Volksseuchen Europas in Palästina keine Stätte haben, während die Hauptkrankheiten des Landes durch mehr oder minder schwierige Maßnahmen einzudämmen oder auszurotten sind Das sanitäre Zukunftsbild Palästinas gestaltet sich also durchaus erfreulich. Daß wir hierbei nicht in Illusionen befangen sind, ergibt sich auch daraus, daß wir bereits heute an vielen Punkten Palästinas, obgleich bis jetzt kaum ernstliche Sanierungsversuche unternommen worden sind, eine Sterbeziffer iJoffe) finden, wie in Europa nur in den Ländern mit hochentwickelter öffentlicher und privater Hygiene. Die Sterbeziffern für eine Anzahl europäischer Länder betragen: für Rußland 36 auf Tausend, Ungarn 32, Frankreich 22, Deutschland 20, England 17,7, Skandinavien 17. Für Jaffa gibt nun Dr. Joffe die Zahl 2ü°/o> an! Dabei ist Jaffa durchaus nicht eine besonders gesunde Stadt. Auch in den jüdischen Kolonien, wo die Juden allerdings meist in auskömmlichen, zuweilen in guten Verhältnissen leben und ein gesundes Bauerndasein führen, ist — wenn man von den ungesunden Kolonien, wie Chederah, absieht — die Sterbeziffer ungefähr ebenfalls 20. Freilich dürfte infolge der Verbreitung der Malaria und Augenkrankheiten dk Zahl der Erkrankungen größer sein als bei uns. Ebenso ist natürlich die Verteilung der verschiedenen Krankheitsziffern über das Jahr eine wesentlich andere. Man kann also, wenn man das heutige Palästina mit dem heutigen Europa vergleicht, eine größere Morbidität, aber eine kleinere Mortalität feststellen. Setzt man im Geiste für beide Gebiete eine gleich hohe Kulturstufe voraus, so ergeben sich für Palästina sanitäre Chancen, die uns mit hoher Befriedigung erfüllen müssen. Das muß um so bestimmter konstatiert werden, als in Laienkreisen oft falsche Vorstellungen hierüber verbreitet sind. Die Kenntnis von der Ausdehnung der Malaria im Lande trübt das Bild zuweilen so stark, daß viele das Land allgemein für verseucht und in sanitärer Beziehung minderwertig halten Die Voraussetzung für die Ausnutzung der sanitären Chancen des Landes ist eine gesteigerte Kultur: nicht nur im Sinne der öffentlichen und privaten Gesundheitspflege, die uns aus den westeuropäischen Kulturstaaten bekannt ist, nicht nur im Sinne der großen technischen Sanierungsarbeiten, sondern auch im Sinne der Wie derauf forstung des Landes und der Bebauung alles irgend kultivierbaren Bodens. Der heutige Gesundheitszustand des Landes kann erst dann recht gewertet werden, wenn man bedenkt, wie schlecht es iu der Türkei um die Straßenhygiene, die Desinfektion verseuchter Häuser, die Durchführung der Quarantänevorschriften, die Beaufsichtigung der Nahrungsmittel, die Müllabfuhr und clgl. bestellt ist. Diesen uugünstigen hygienischen Zuständen steht allerdings ein günstiges Moment (Joffe) gegenüber: die Araber und Juden halten ihren Körper und das Innere des Hauses (aber nicht die Straße) sauberer wie die Europäer derselben sozialen Schicht. Die Bevölkerung steht in hygienischer Beziehung höher als der russische Bauer oder der jüdische Proletarier, ja, als der südfranzosische Bauer. Auch die Armen tragen meist saubere Wäsche, ja, die Reichern wechseln sie täglich. Man denke "bei der Beurteilung der Zustände aber nicht nur daran, ob und wie häufig gewisse Krankheiten im Lande vorkommen, sondern auch wie es um die Gesunden bestellt ist. Ein Gebiet kann von gewissen Krankheiten verschont sein, aber braucht deshalb nicht klimatisch bevorzugt zu sein, so daß die Bewohner zwar gesund bleiben, aber sich nicht zu besonders auffallend kräftigen und widerstandsfähigen Menschen entwickeln. Das milde, feuchte Klima Palästinas vermag aber in vielen Gegenden, wie das zum Teil der Typ der eingeborenen Bewohner zeiiit, einen blühenden Menschenschlag zu erzeugen. An einzelnen Punkten des Landes liegen die klimatischen Verhältnisse so günstig, daß sie auf gewisse Krankheitsprozesse heilend wirken, so daß sich diese Gegenden, den nötigen Komfort vorausgesetzt, zu Kurorten eignen. Hierüber noch einige Mitteilungen. * * * Viele Millionen Francs wandern alljährlich aus den Taschen der heilungsuchenden Europäer und Amerikaner nach Ägypten. Wenn nun für Palästina die Möglichkeit der Besserung oder Ausheilung gewisser chronischer Leiden durch klimatische Kuren feststeht, so ist in der Zukunft — immer den nötigen Komfort vorausgesetzt — eine bedeutende Abwanderung der Heilungsuchenden von Ägypten nach Palästina zu erwarten. Zunächst ist eine Reise nach den palästinischen Kurorten weder weiter noch umständlicher als nach dem Rande der Lybischen Wüste. Haifa ist von Europa nicht weiter entfernt als Alexandrien, und die Bahnfahrten vom Hafen zum Kurort sind in beiden Fällen unbedeutend oder kommen, wie bei der Reise zum Karmel, überhaupt nicht in Betracht. Palästina hat Ägypten gegenüber den Affektionswert voraus, und gerade unter Engländern und Amerikanern, die einen großen Teil der ägyptischen Patienten darstellen, wird mancher lieher in Palästinas Höhen und Niederungen Heilung suchen als in Ägyptens Wüste. Welche ökonomische Bedeutung dieser Fremderizustrom für das Land haben würde, erhellt schon daraus, daß es gerade Angehörige der begüterten Stände sind, die den Orient zu Kurzwecken aufsuchen, und daß ferner die für Palästina besonders in Betracht kommenden Krankheiten, z. B. die Tuberkulose oder die chronische Nierenentzündung, einen langem, mindestens mehrmonatlichen Aufenthalt erfordern. In Palästinas Kurorten und Quollen schlummert ein ungeheures Kapital, das einst das Wirtschaftsleben des Landes befruchten soll.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.