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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 46)
Language
German
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Maßnahmen, sondern nur durch Hebung des Verständnisses für allgemeine Sauberkeit (besonders die erkrankten Augen nicht berühren!) und durch systematische Behandlung eines jeden Falles von Augenerkrankung. Man begreift den Wert unentgeltlicher Behandlung in städtischen Augenpolikliniken. Also auch diese zweite Seuche stellt kein unentrinnbares Fatum dar. Sie kann bei einer gewissen Höhe der Kultur ihrer Schrecken beraubt werden. Koch eine dritte, bei uns seltene, dort zu den Hauptkrankheiten des Landes zählende Seuche ist zu erwähnen: die Ruhr. Doch denke man hier nicht an die berüchtigte Ruhr der tropischen Länder. Der üble, oft tödliche Verlauf, die gefährlichen Zwischenfälle, die uns von der tropischen Ruhr geläufig sind, und hier eine Seltenheit. Die Krankheit ist hier zwar häufig, nimmt aber einen günstigen Verlauf; sie kommt Jederzeit, besonders aber im Sommer vor. Daß natürlich die Säuglinge, zumal die schlecht gepflegten und ernährten der untersten Schichten, im Hochsommer in großer Zahl der Krankheit zum Opfer fallen, ist um so weniger verwunderlich, als ja auch bei uns die Kindersterblichkeit im Hochsommer eben infolge der berüchtigten Sommerdiarrhöen eine gewaltige ist. Aber wenn man von gewissen bekannten Punkten des Landes absieht, so ist es geradezu auffallend, wie selten in den jüdischen Kolonien die Darmkrankheiten der Kinder trotz des warmen Klimas sind, und welch günstigen Verlauf die Erkrankungen nehmen. Bedenkt man, daß an denselben Orten die Kindersterblichkeit der Feilachen wesentlich größer ist angeblich 10 bis 20 mal so groß), so begreift man, daß hier hygienische Faktoren die Hauptrolle spielen, nicht eine ungünstige Disposition des Landes. Eine gewisse Disposition für die Erkrankung wird allerdings durch vorherige Erkrankung an Malaria geschaffen. Ganz anders liegen die Verhältnisse in dem tropischen Jordantale, wo auch die Ruhr ernste Formen annimmt. Im übrigen Palästina aber besteht keine Neigung zu heftigen Darmerkrankungen, besonders wenn eine vernünftige Lebensweise innegehalten wird, deren Einzelheiten heute jeder Gebildete kennt. Also die „Ruhr1' Palästinas ist alles eher als eine mörderische Seuche. Werden nun aber schon die Passiva unserer Bilanz vom Publikum meist überschätzt, so haben die Aktiva gar meist das Unglück, überhaupt unbekannt zu sein. Jedem, der an die Zukunft Palästinas glaubt, und dem diese „Aktivposten" unbekannt sind, wird es eine freudige Überraschung gewähren, seine Vorstellungen vom jüdischen Zukunftslande damit bereichern zu können. In Deutschland hat sich durch Erfahrungen auf Grund zahlloser Sektionen ergeben, daß 70—80 °/o aller Menschen Spuren von Tuberkulose in sich tragen, die freilich meist nicht klinisch in die Erscheinung tritt. 14 °/o aller Menschen aber erliegen dieser Krankheit. Die Hygiene ist mit Erfolg bestrebt, die Seuche einzudämmen, doch sind diesem Kampfe von vornherein natürliche Schranken gezogen. Weder vermag man jeden Menschen, der Infektionsträger ist, aus der Familie zu reißen und zu isolieren, noch kann man die durch Vererbung geschaffene Disposition beseitigen, noch den gesetzlichen Heiratskonsens einführen, noch das Küssen kranker Menschen verbieten. Was ist gegen das mörderische Wüten dieser Volksseuche die palästinische Malaria, die, wie erwähnt, äußerst selten tödlich, oft mit schwerem Siechtum, meist aber harmlos verläuft, und die vor allem in absehbarer Zukunft auszurotten ist. Engeres Beieinanderwohnen der Menschen hat eine Erhöhung der Kultur und damit in Malariagegenden die Ausrottung der Krankheit, in Tuberkulosegegenden dagegen die Erhöhung der Ansteckungsgefahr und weitere Ausbreitung der Seuche zur Folge. Jahrzehntelang nahen früher Ärzte in Palästina praktiziert, ohne einen schweren Fall von Lungentuberkulose konstatiert zu haben, während ihnen eine Tuberkulose des Kehlkopfs, der Knochen, der Gelenke, der Nieren, überhaupt nicht zu Gesicht kam. 1886 berichtet ein jüdischer Arzt, daß inzwischen die Tuberkulose durch die russischen Immigranten eingeschleppt worden sei. Die russischen Juden, in überfüllten, engen, feuchten Kasernenbauten wohnend, schlecht ernährt, durch Malaria geschwächt, boten den Infektionskeimen, die sie aus Rußland mitgebracht, einen günstigen Boden. Aber man ist sich darüber einig, daß die Krankheit dem Lande eigentlich fremd ist und daß sein Klima den Verlauf der Krankheit günstig beeinflußt. Auch die von den Immigranten eingeschleppten Fälle nehmen keinen schlechten Verlauf, werden nicht chronisch und heilen oft aus. Jeder Arzt in Palästina kennt zahlreiche Fälle — und auch mancher Leser wird Beispiele kennen —, in denen leichtere Tuberkulose, die in Europa Fortschritte machte, nach der Übersiedelung nach Palästina zur Ausheilung gelangt ist, ohne den Träger der Krankheit an der Erreichung eines patriarchalischen Alters zu stören. Selbst der deutsche Arzt Liebermeister berichtet von jungen Ärzten und. Apothekern, deren Tuberkulose bei dauerndem Aufenthalt in Palästina oder Ägypten zur Ausheilung gelangt ist. Es drängt sich sofort die Frage auf, oh sieh nicht Palästina überhaupt zu dauerndem oder vorübergehendem Kuraufenthalt für Tuberkulöse empfehle, ein Moment, das begreiflicherweise auch von großer wirtschaftlicher Bedeutung wäre. Die Frage, die unbedingt zu bejahen ist, soll aber in einem besondern Anhange behandelt werden, da zu den klimatischen Vorzügen auch andere, besonders zu besprechende Heilfaktoren, die Quellen, hinzukommen. Freilich darf man nicht wahllos jeden Fall von Tuberkulose nach Palästina schicken. Ein solches Verfahren wäre besonders sinnlos, wenn es sich um fortgeschrittenere, schwere Fälle oder solche mit Neigung zu Blutungen handelt, denn die Luftveränderung würde hier nur akute Verschlimmerungen auslösen. Besonders geeignet sind natürlich beginnende Fälle von Lungenspitzenkatarrh. Als Kurorte kommen auch nur bestimmte Gegenden des Landes in Betracht, nicht etwa Jerusalem mit seinem jähen Temperaturwechsel, seinen zuweilen zu starken Regengüssen und seinen heftigen Winden, die im Sommer Staub aufwirbeln — ebenso wenig etwa Safed mit seinen scharfen Nordwinden und Temperaturschwankungen. Wenn auch der Europäer, der eben ins Land kommt, bei dem Witterungswechsel zwischen Tag und Nacht, zumal bei Nordwind, sich leicht einen Katarrh, zuweilen sogar eine Lungenentzündung zuzieht, so sind doch die Erkrankungen der Atmungsorgane dort günstiger und seltener als hierzulande, nehmen selten einen chronischen Verlauf und gehen nicht in Tuberkulose über. Recht bedeutsam ist auch, daß die Influenza, die nach langer Abwesenheit von Euroj)a bei ihrem ersten Wiederauftauchen in ihrer Gefährlichkeit unserschätzt, dann aber als häufige Quelle von Herzfehlern und Tuberkulose erkannt wurde, in Palästina selten ist, einen günstigen Verlauf nimmt und sehr selten zu den erwähnten Komplikationen führt. Man sollte annehmen, daß bei der Unsauberkeit der Straßen Palästinas (pflegen doch die Araber allen Unrat auf die Straße zu werfen, wo er sieh zu Bergen anhäuft und das Niveau der Straße verändert^, bei der trauten Nähe, in der sich Senkgruben und Brunnen befinden, bei der fortwährenden Verunreinigung des Grundwassers der Typhus in Palästina als endemische Seuche herrschen müsse, zumal doch die Bevölkerung in ihrer fatalistischen Untätigkeit keine jener Maßnahmen dagegen ergreifen würde, durch die z. B. Pettenkofer die Typhusstadt München saniert hat. Da ist es interessant zu sehen, daß sich die Arzte über die Frage streiten, ob es überhaupt Typhus in Palästina gibt. Anscheinend ist sein Vorkommen, selbst in kleineren Epidemien, doch erwiesen, aber die Fälle sind spärlich, relativ harmlos und führen nur höchst vereinzelt zum Tode. Man muß sich überhaupt wundern, wie vorzüglich an vielen Orten der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist, trotzdem es an den primitivsten hygienischen Voraussetzungen fehlt. Nicht die Sauberkeit allein, sondern allerlei physikalische, im Lande gegebene Faktoren, die zum Teil noch nicht erkannt sind, sind hierfür ausschlaggebend. So zweifellos die Reinhaltung des Grundwassers und andere hygienische Maßnahmen, überhaupt die Sauberkeit, in unsern Typhusgegenden sanierend wirkt, so wenig schadet die Unterlassung der Maßnahmen in Palästina, wo aber wieder bei der Ausrottung der Augenkrankheiten der ganze Segen der Sauberkeit und Hygiene klar zutage tritt. Überblicken wir nun die übrigen Allgemein- und Organerkrankungen, die nach Gefährlichkeit und Häufigkeit für die Bilanz von Bedeutung wären, so fällt als ungünstiges Moment nur noch die Häufigkeit der Nervenerkrankungen auf. Eine Reihe anderer Krankheiten unterscheidet sich nicht wesentlich von den gleichen Krankheiten unserer Breiten. Dagegen vermögen wir noch eine ganze Anzahl kleinerer Aktivposten zu erwähnen, die insgesamt die Bilanz nicht unwesentlich verbessern. Da ist zunächst zu erwähnen, daß die Rhachitis (englische Krankheit) der kleinen Kinder, die u. a. die bekannten Knochenverkrümmungen zur Folge bat, in Palästina kaum bekannt ist. Bei der ungenügenden Hygiene, der schlechten Ernährung und der Verbreitung der Malaria ist es kein Wunder, daß die Zahl der armen Kinder, die alle Zeichen der Blutarmut, Unterernährung und Schwäche an sich tragen, groß ist; rhachitisch aber sind sie nicht. Die Kinderkrankheiten, Masern, Scharlach und Diphtherie, nehmen in Palästina einen günstigeren Verlauf als hierzulande; ja, die ältern Arzte machten die durch kleinere Epidemien -inzwischen widerlegte Angabe, daß Scharlach im Lande überhaupt nicht vorkomme. Bekanntlich ist gerade diese

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