Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41 dies|ki ELT: 1041 die Existenz- und Entwicklungsbedingungen unterbunden. Es ergibt sich also von selbst, daß im Hochsommer, wenn sich die Augenkrankheiten oder, wie auch bei uns, gewisse Kinderkrankheiten zu mehien beginnen, die Malaria nachläßt, und daß sie im Winter zur Regenzeit überhaupt kaum vorkommt, daß dagegen Frühling und Herbst die gefürchtesten Malariazeiten sind. So findet der Wechsel von „gesunder" und „ungesunder" Jahreszeit seine einfache Erklärung. Im Herbst, bei beginnender Anfüllung der Zisternen und beginnender Durchfeuchtung des sumpfigen Bodens und der Misthaufen, also etwa im September und Oktober, treten gleich die schlimmsten Formen, sogar tödliche auf. Wie mit einem Zauberschlage aber versehwindet die Seuche, sobald der Boden überflutet ist; die Regenmonate März und April sind überhaupt die gesundesten des Jahres, so daß sich diese beiden Monate am meisten für Reisen von Touristen eignen. Die Frage der Akklimatisation sowie der verschiedenen Resistenz verschiedener Rassen gegen die Malaria soll hier nicht besprochen werden. Die Akklimatisation spielt übrigens nicht die Rolle, die ihr oft in Laienkreisen zugewiesen wird, zumal die jüdische Rasse mit einer hervorragenden Akklimatisationsfähigkeit begabt ist. — Die übrigen Krankheiten Palästinas sollen nun weit flüchtiger als die Malaria abgehandelt werden, die eben als Hauptkrankheit des Landes von besonderer Bedeutung ist. Ein Wort noch über den Kampf gegen die Malaria. Manche glauben, daß es erst neuer eingehender Studien bedürfe, uin den Kampf gegen die Malaria in Palästina aufnehmen zu können. In der Tat liegen alle diese Fragen nicht so einfach und schematisch, wie sie hier dargestellt werden, auch zeichnen sich hier die Regein durch die Fülle der Ausnahmen aus, es hat sieh bereits eine enorme, täglich wachsende Malarialiteratur angesammelt. Auch bezüglich der speziellen Verhältnisse Palästinas sind noch zahlreiche theoretische Fragen zu lösen. Aber abgesehen davon, daß auch hierin schon manches geleistet worden ist (besitzen wir doch bereits eine Karte Palästinas, auf welcher die von den 6 Anophelesarten, die an jedem Orte vorkommen, eingezeichnet sind), so wären wir auch heute bereits imstande, viele Millionen, die uns etwa für Sanierungszwecke zur Verfügung ständen, in zweckmäßiger und erfolgversprechender Weise für den Kampf gegen die Malaria aufzuwenden. Die Drainierung der Sümpfe Studie von Jakob Stark von Chederah, die Bebauung und Drainierung der Ebene Jesreel, der Bau einer Wasserleitung und Kanalisation in Jerusalem und die noch zu erwähnenden „kleinen" Maßnahmen sind gewaltige, erfolgversprechende Aufgaben, die wir zu lösen haben, ehe wir an neue theoretische Malariastudien herantreten. Auch ist zu erwähnen, daß die Malaria, da die Mücken nicht Uber weite Flächen fliegen, sich in nur geringem Umkreise verbreitet, so daß auch die Sanierung einer einzelnen Kolonie, einer einzelnen Gemeinde lohnend und möglich ist, während bekanntlich die Ausrottung einer Epidemie, z.B. der Pest, solange illusorisch bleibt, als nicht das ganze Land von der Seuche gesäubert ist. Man kann daher auch, je nach den verfügbaren Mitteln, schrittweise vorgehen. Endlich sei bemerkt, daß man auch schon mit kleineren Mitteln, wie z. B. die Versuche der Engländer in Palästinas Nähe, in Ismailia und Port Said, gezeigt haben, die Erkrankungsziffer wesentlich herabdrücken kann, noch ehe man an die radikale Ausrottung mit Hilfe größerer technischer Arbeiten herangetreten ist. Wir nennen einige dieser Maßnahmen. Das beste Mittel zur Verhinderung eines Anfalls und oft auch zur Auaheilung der Krankheit ist das Chinin, das in allen Erkrankungsfällen angewendet werden müßte 5 doch ist die systematische Darreichung von Chinin an die gesamte Bevölkerung 35U prophylaktischen Zwecken, wie Koch z. B. in Neu-Guinea gezeigt hat, auch ein Mittel zur Ausrottung der Malaria. (Freilich gehen die Ansichten über diese Wirkung auseinander.) Weiterhin kommt der mechanische Schutz gegen den Mückenstich (Schleier, Drahtnetze usw.) in Betracht.*) Die Sanitätspolizei muß systematisch ein Stadtviertel nach dem andern in Behandlung nehmen. Lachen müssen zugeschüttet, Misthaufen entfernt, Aborte und faulende Stoffe mit Petroleum versetzt, stehende Gewässer mit einem verfilzten Pflanzengefleeht, das völligen Luftabschluß herbeiführt, oder mit einer dünnen Petroleumschicht bedeckt werden. Die Zisternen müssen — die Trinkbarkeit des Wassers wird dadurch nicht beeinträchtigt — von Zeit zu Zeit über Nacht ausgeschwefelt, oder das Trinkwasser mit einer Petroleumschicht bedeckt oder gewissen Pulvern bestreut werden. Brunnen müssen sorgfältig bedeckt, und an Stelle der Schöpfeimer Pumpen eingeführt werden. Gräben und - Bewässerungsanlagen müssen vor Versumpfung bewahrt werden, indem man sie regelmäßig vertieft oder das Gefälle erhöht. Die Mücken, besonders während sie überwintern, müssen in ihren dunklen, kühlen Schlupfwinkeln, an den Decken der Scheunen, Ställen, Keller und Böden, aufgesucht und durch Abbrennen oder Ausschwefelung vernichtet werden. Welch bedeutende Erfolge wären schon durch derlei Maßnahmen zu erzielen! Wir heben, «ehe wir das Kapitel verlassen, nochmals hervor, daß gerade die Hauptkrankheit des Landes durch Maßnahmen, die durchaus irn Bereich der Möglichkeiten liegen, ausgetilgt werden kann, und daß ein solcher Erfolg von Dauer sein kann, trotzdem große Malariaherde in der Nähe des Landes (die Küsten von Kleinasien und Arabien) bestehen, ja, daß der Kampf in einzelnen Orten gesondert aufgenommen werden kann. Vergleichen wir nur damit den Kampf mit dem Würgengel unserer Breiten, der Tuberkulose, die ein Fremdling in Palästina ist! Wie außerordentlich schwer ist der Kampf gegen diese mörderische Krankheit, um wieviel hinterhältiger und zerstörender tritt sie auf, und wie unmöglich ist es, gegen sie mit kleinen Mitteln in einen engumgrenzten Bezirk aufzukommen! Daß die Lepra in Palästina vorkommt, ist jedem Touristen mehr als nötig bekannt, weil die armen Kranken, soweit sie nicht in Leproserien Aufnahme gefunden haben, vom Bettel leben und das Mitleid der Fremden dadurch zu erregen suchen, daß sie ihre scheußlich verstümmelten Glieder auf offener Straße herzeigen. In Wirklichkeit ist diese Seuche praktisch bedeutungslos. Die Zahl der Kranken und die Gefahrder Ansteckung ist gering. Vor allem erkranken aber nur Araber daran, während unter Juden und Europäern kein sicherer Fall festgestellt worden ist. Wichtig dagegen ist das Trachom, die ägyptische Augenkrankheit, auch Kornerkrankheit genannt, die eine wahre Geißel der warmen Länder ist. In Ägypten gibt es kaum einen Eingeborenen mit normaler Bindehaut. Diese Krankheit, leicht übertragbar, von langwierigem Verlauf, aber heilbar, bei ungenügender Behandlung indes selbst zur Erblindung führend, ist in Palästina häufig, wenngleich nicht so häufig wie in Ägypten. Die niedrigen Volksschichten, die in stumpfsinnigem Fatalismus jede Behandlung unterlassen oder mit abergläubischen Mitteln betreiben, oder deren Sauberkeit gar zuviel zu wünschen übrig läßt, leiden besonders schwer darunter. Da die Übertragung ausschließlich durch Berührung des kranken Auges erfolgt, so ist der Kampf gegen diese Seuche in anderer Weise zu führen als gegen die Malaria. Auch ist hier nicht eine so komplizierte Belehrung der Bevölkerung, die schon eine gewisse Intelligenz voraussetzt, und auch nicht ein so geduldiges Warten auf den Erfolg notwendig wie meist bei der Malaria. Vielmehr läßt sich der Erfolg der einfachsten Maßnahmen mit beispielloser Schnelligkeit demonstrieren. Schon der geringste Grad von Steigerung der Sauberkeit kommt in einer geringem Erkrankungsziffer zum Ausdruck. So gelang es den Ärzten in den jüdischen Kolonien, die Seuche auf ganz geringe Ziffern zu reduzieren, nicht etwa durch radikale *) Der Tourist, «umal wenn er im März oder April reist und die infizierten Orte kennt, wird mit Chinin und Moskitonetzen völlig auskommen.