Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 44)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316447--53828-3347597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1040 DIE^ELT No. 41 Blättern der Bäume, dem Moos und den Sträuchern des Waldbodens aufgefangen. Die Pflanzen saugen das Wasser samt den darin enthaltenen Nährstoffen auf und geben es als Wasserdampf wieder ab. So vermehrt der Waldbestand nicht nur den Regen, sondern er verhütet auch eine zu starke Durehtränkung und ebenso eine zu starke Austrocknung des Erdreichs. In der Tat ist der versumpfte Boden einiger palästinensischer Malariaherde durch die Anpflanzung schnell wachsender Bäume ausgetrocknet und die Krankheit damit eingedämmt oder nahezu ausgerottet worden. Das gleiche gilt, wenn auch in geringerm Grade, von jeder Art Bebauung des Bodens. Wo der feuchte Boden unter Kultur genommen ist, wird er langsam durch das Wachstum der Pflanzen ausgetrocknet Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß die Wälder zur Verbesserung der Luft beitragen, da sie bekanntlich Sauerstoff und auch Ozon ausatmen. Mit Recht nennt man daher die Wälder in der Nähe unserer Großstädte die Lungen der Stadt, Wir sind so bereits bei der Besprechung der Plauptkrankheit des Landes, der Malaria, der Krankheit der versumpften Ebenen, angelangt. Wir werden ihr eine Übersicht der Verbreitung und Bedeutung* der übrigen Hauptkrankheiten des Landes folgen lassen, um endlich die Bilanz zu ziehen. Es genügt hier mitzuteilen, daß die Stechmücken (insbesondere die Abarten der Gattung Anopheles) dem Blute des kranken Menschen durch Stich die Malariakörperchen entnehmen, in gewisser Weise in ihrem Magen verändern und durch neuen Stich auf gesundes Blut übertragen. Hier tritt nun in regelmäßigen Zwischenräumen eine Vermehrung jener „Plasmodien" im Blute ein, die nun bei jeder neuen Vermehrung, d. h. bei jedem neuen Anfall in die roten Blutkörperchen des Menschen von neuem eindringen. Jeder Malariafall ist also durch den mikroskopischen Nachweis der Plasmodien im Blute feststellbar. Es treten nun zu bestimmter Stunde, entweder täglich oder alle zwei oder drei Tage, Frost- und Fieberanfälle auf, die mehrere Stunden andauern. Die Krankheit heilt nach einer gewissen Zeit aus, oder sie geht in ein chronisches Stadium über, das meist durch gewisse Allgemeinerscheinungen, wie Schwäche und Blutarmut, charakterisiert ist. Schließlich kann sich die Malaria in den unbestimmtesten Formen äußern, so daß die Diagnose nur durch den Blutbefund zu stellen ist. Freilich gibt es auch seltene akute Malariaformen von heftigster, zerstörender, zuweilen auch töd? lieber Wirkung. Ein wichtiges und bekanntes Symptom ist die cnorino Vergrößerung der Milz. Da eine solche Vergrößerung mit einem Griff feststellbar ist, so ist ihr Nachweis bei Massen- Untersuchungen, bei denen eine Biutuntersuchung schwer durchführbar ist, von praktischer Bedeutung. Daß der Laie in Mittellind Nordeuropa so wenig von jener Krankheit weiß, ist bezeichnend genug. Einst gab es inHolland,England undMitteldeutschland berüchtigte Malariaherde, ja im Mittelalter war die Krankheit in Mitteleuropa so allgemein, daß sie als „das Fieber" schlechthin galt, an dem alt und jung litt. Heute kennen wir diese Zustände nur noch aus den medizinischen Chroniken; denn die Krankheit ist in diesen Gegenden selten geworden oder auch ganz vertrieben worden durch Ausbreitung und Intensivierung der Kultur jener Gegenden, durch den Getreidebau, durch Trockenlegung von Sümpfen, durch Flußregulierungen und Uferschutzbauten, durch Terrainerhöhungen und Einführung der Kanalisation, die nämlich auch austrocknend wirkt und so in mehrfacher Beziehung Segen schafft. Die Malaria ist eben die Krankheit der Unkultur. Wenn in Palästina einst der gesamte anbaufähige Boden in Bearbeitung genommen sein wird, so wird auch die Malaria, wenigstens als verbreitete endemische Seuche, der Geschichte angehören. Es ist für die Gesundheitsbilanz von großer Bedeutung, festzustellen, daß die Hauptseuche des Landes, die übrigens auch heute in den meisten Fällen harmlos, äußerst selten tödlich verläuft, in vielen Fällen aber chronisches Siechtum zur Folge hat, in einem zukünftigen Palästina dieselbe unbedeutende Rolle spielen wTird, wie im heutigen Mitteleuropa. Nach dem Vorausgehenden ist es verständlich, weshalb die Malaria besonders die Ebenen des Landes heimsucht. Wie aber ist es denkbar, daß die Stadt Jerusalem, die an 1000 m über dem Meeresspiegel auf Kalkfelsen erbaut ist, trotz ihrer Wasserarmut und dem Fehlen von Sümpfen in einem Umkreis von mindestens 20 km, besonders in den überfüllten jüdischen Quartieren, derart mit Malaria verseucht ist, daß nur die Herde an der westafrikanischen Fieberküste eine höhere Erkrankungsziffer aufweisen? Es war von vornherein klar, daß hier in erster Linie menschliche Schuld im Spiele sein müsse. Schon 1875 war durch einen Versuch wahrscheinlich gemacht und vor wenigen Jahren ist durch wissenschaftliche Untersuchungen festgestellt worden, daß der Hauptherd der Seuche in allerlei Tümpeln und Schmutzhaufen, insbesondere aber in dem austrocknenden Wasser der Brunnen und Zisternen zu suchen sei, wo die Larven der Moskitos in Massen gedeihen. Es gibt, wie eine englische Statistik zeigt, in den städtischen Kolonien Jerusalems Häuser, in denen alle oder fast alle Kinder, und jüdische Schulen, in denen ein Drittel der Schüler und mehr an Milzvergrößerung leiden. Uberall ist dort die Anopheles in Zisternen und Wohnungen zu finden. Die Unterernähung der armen jüdischen Kinder wirkt in hohem Grade disponierend, und nicht minder die schlechten Wohnungsverhältnisse, deren Bedeutung der Leser sofort begreifen wird, wenn er hört, daß sich die Stechmücke, wie sich auch in Jerusalem gezeigt hat, tagsüber in den dunkelsten, kühlsten und feuchtesten Schlupfwinkeln aufhält, während sie die trocknen, gut belichteten, weißgetünchten Räume meidet. Die kleinern städtischen Kolonien, die keine Zisternen besitzen, oder die Bauern, die sich ihr Wasser aus dem Gebirge holen, leiden nicht an Malaria. Anderseits wird zuweilen die Stechmücke, und so auch die Malaria, mit dem Zisternenwasser meilenweit verschleppt. Die wenigen schweren Formen der Malaria („Ringform") scheinen aus dem südlichen Jordantal eingeschleppt zu werden. Da aber für die überwiegende Mehrzahl der Fälle in Jerusalem die oben geschilderten Ursachen zutreffen, so ist zur Frage der Ausrottung der Seuche mit den Worten Wohnungs- und Straßenhygiene, Wasserleitung und Kanalisation alles gesagt. Sehen wir von Jerusalem ab, so herrscht die Seuche also am stärksten in den Niederungen. Da diese aber zugleich die fruchtbarsten Teile des Landes sind, so ergibt sich eine Art Kollision zwischen wirtschaftlichen und sanitären Interessen. Diesem Widerstreit mußten die ersten Pioniere, die den zumeist fruchtbaren Boden ohne Rücksicht auf die tiefe Lage und die nahen Sümpfe wählten, schwere Opfer bringen. Sehr stark ist besonders das Jordantal, sowohl im Norden in der Nähe des Merom- und Tiberiassees (nicht ohne Ausnahmen) wie auch im Süden, heimgesucht. Im Norden litten einige Kolonien, wie Jessod Hamaalah, sehr empfindlich unter den Wirkungen der Malaria und des Schwarz Wasserfiebers. Die im Laufe der letzten Jahre erfolgte Besserung ist aber unverkennbar. Im Süden des Tales, um Jericho, kommen sogar jene verderblichen Ringformen der Malaria (wakham) vor, von denen bereits die Rede war. Weiterhin ist die Malaria in den fruchtbaren Ebenen Jesreel, Saron und Schephelah endemisch. In der judäischen Küstenebene liegen zahlreiche blühende jüdische Kolonien. In Sichroh Jakob und Pethach Thikwah und besonders in Chederah litten die Juden lange Jahre in schwerster Weise, ebenso auch die deutschen Templer in Sarona. Die zugewanderten Juden wurden von der Malaria und dem Schwarzwasserfieber weit stärker als die Eingeborenen ergriffen. Pethach Thikwah mußte, wenn auch nicht allein aus diesem Grunde, von den Kolonisten wieder verlassen werden. Heute aber, nachdem der Boden längere Zeit bebaut, und systematisch Eukalyptuspflanzungen angelegt worden sind, kommt der Malaria in Sichron Jakob und Pethach Thikwah kaum noch wesentliche Bedeutung bei. Pethach Thikwah zumal hat sich in ein ziemlich gesundes, blühendes, wohlhabendes Dorf verwandelt und beginnt die Eukalypten in der Nähe der Häuser wieder auszuroden. Hier zeigt sich bereits im kleinen die sanierende Wirkung der Kultur. Auch Chederah mit seinem noch längst nicht voll ausgenutzten vorzüglichen Boden ist nicht mehr das gefürchtete Fiebernest, dessen mörderisches Klima die Bevölkerung dezimierte. Als hauptsächlichste Ursache der Besserung wird von den Kolonisten allgemein die Anpflanzung der 400 000 Eukalyptusbäume angenommen. Diese rasch wachsenden immer grünen Bäume trocknen in der Tat den Boden relativ schnell aus. Freilich sind noch immer kaum eine halbe Meile von Chederah entfernt, zwei größere Sümpfe vorhanden, und in den Pfützen nahe der Kolonie wie in den Ställen sind immer Anopheles nachweisbar. Daher kommen auch noch zur Fieberzeit Erkrankungen vor. Indes ist die Besserung der Zustände offenkundig, ja, während 1908 kam überhaupt kein schwerer Fall von Neuinfektion vor. Völlig frei von Malaria sind aber auch unter den heutigen Zuständen jene Gebirgsorte, wo es an den Voraussetzungen für das Gedeihen der Stechmücke fehlt: so die galiläischen Städte Safed und Nazareth, die samarische Hauptstadt Nablus, in Judäa das Gebirge südlich von Jerusalem (Hebron) und ebenso der Karmel. Die Malaria muß am stärksten dann auftreten, wenn nach der langen trockenen Periode die Frühregen das Erdreich anzufeuchten beginnen, so daß sich Lachen, Tümpel und modernde Pfützen bilden; desgleichen gegen Ende der Regenzeit, wenn die Austrocknung beginnt. Anderseits muß die Malaria verschwinden, wenn die Lachen entweder völlig ausgetrocknet oder im Gegenteil völlig überflutet sind; denn dann sind den Larven

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.