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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 43

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 43)
Language
German
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No. 41 DIE3SELT: 1039 genen Pfaden zu den Ufslfccljteft gelangen, die die Verseuchung eines Stück Landes mit bestimmten Krankheiten, die ständige oder zeitweilige Freilassung eines andern Stückes herbeiführen. Wir schicken daher einige Bemerkungen über das Klima Palästinas voraus. Neben den von Natur gegebenen klimatischen Faktoren kommt noch als bedeutsam ein von den Menschen verschuldetes Moment in Betracht: die Verwahrlosung und Verwilderung des Landes, die z. B. eine Änderung der Bodenbeschaffenheit und damit die Einschleppung und ständige Domizilierung gewisser Krankheiten zur Folge hatte. Die Erkenntnis der Zusammenhänge gibt hier oft den Schlüssel zur Ausrottung Jahrhunderte alter Seuchen. Selten findet man in einem so kleinen und schmalen Ländchen wie Palästina so verschiedenartige klimatische und geologische Verhältnisse dicht beieinander. Zerlegt man das ganze Land in eine Anzahl schmaler Längsstreifen: die Küste, das Gebirge, das Jordantal und das Ostjordanland, so kann man hinzufügen: so viele Streifen, so viele Klimaten. Daß dieser Mannigfaltigkeit auch eine solche der Vegetation und der sanitären Verhältnisse entspricht, liegt auf der Hand. Die Küste hat ein gemäßigtes Klima, wie etwa Unteritalien und Sizilien, mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 20° C. Erfrischende Seebrisen, die regelmäßig wehen, mildern die Hitze. Etwas festländischer ist das Klima des breiten Streifens der gebirgigen Zone, wo Gegensätze zwischen Sommer uud Winter, zwischen Tag und Nacht schärfer ausgeprägt sind. Für den Europäer ist sogar der schroffe Gegensatz zwischen Tag- und Nachttemperatur oft von empfindlicher Wirkung. Gleichwohl unterscheiden sich hier die Jahreszeiten weit weniger von einander als etwa in unsern Breiten. Die durschschnittliche Jahrestemperatur z. B. von Jerusulem beträgt an 17° C. (Berlin 9°). Außer den erfrischenden Seebrisen, die bereits erwähnt sind, ist es besonders der großen Lufttrockenheit zu danken, daß die Hitze auch in den heißen Monaten verträglich ist. Die Luft ist nämlich trotz ler im Verhältnis zur Küste hier reichlicher fallenden Niederschläge ärmer an Wasserdampf. Im ganzen ist also das Gebirgsklima zwar rauher als das Küstenklima, aber auch gesünder. Grade hier werden wir eine Anzahl Gegenden kennen lernen, die sich für klimatische Kuren hervorragend eignen, in erster Reihe Libanon und Karmel, besonders an jenen Handpartien der Gebirge, wo sich gleichzeitig die Wirkung der Höhenluft, der Seeluft und der Waldluft bemerkbar macht. Eine große Rolle spielen, wie erwähnt, die Winde, und es gibt kaum ein Land, in dem Gesundheit und Behagen der Bewohner so unmittelbar durch die Windrichtung beeinflußt wird, wie Palästina, das überhaupt in naturwissenschaftlicher Beziehung viele eigenartige, oft sogar einzigartige Erscheinungen aufweist. Erwähnt war schon der Westwind, der die Hitze mildert und die erfrischenden und befruchtenden Niederschläge bringt. So ist oft die Temperatur in Jaffa angenehm, während es im nahen Jerusalem äußerst heiß ist. Abwechselnd nach Tag und Nacht, nach Sommer und Winter weht der Wind vom Meer zum Lande, vom Land zum Meere. Auch in Jerusalem und Galiläa ist seine wohltätige Wirkung regelmäßig fühlbar. Der Nordwind bringt im Sommer «ebenfalls Erfrischung, aber im Winter ist er kalt und scharf und befördert die Entstehung von Erkältungskrankheiten. Unangenehm aber sind die Südwinde. Schon der Südwestwind wirkt, wenn er in Jerusalem weht, erschlaffend und benimmt die Lust zur Arbeit. Wenn aber zuweilen der Südostwind, der Schirokko, im Sommer die Hitze der arabischon Wüste ins Land treibt, dann empfindet Mensch und Tier eine schwere Ermüdung, das unangenehme Gefühl der Austrocknung der Schleimhäute, Kopfweh und Brustbeengung; heißer Staub wird aufgewirbelt und benimmt den Atem. Es regnet in Palästina nicht während des ganzen Jahres, sondern es gibt eine Regen- und eine regenlose Zeit, deren jede etwa die Hälfte des Jahres einnimmt. Die Regenzeit beginnt etwa im Oktober mit dem Frühregen und endet im März mit dem Spätregen. Von Dezember bis März gehen heftige Regengüsse herab, so daß die im Sommer austrocknenden Flüßchen oft zu Pokalaus Siberfiligran (Bezalel) reißenden Gebirgsbächen anschwellen. Im Norden des Landes ist. die Regenmenge bedeutend größer als im Süden. Aus dieser für uns ungewöhnlichen Verteilung der Niederschläge folgt aber keineswegs, daß ihre Gesamtmenge gering ist; sie übertrifft im Gegenteil mit 662 min als Durchschnittsmenge für ganz Palästina die von Berlin (521) und selbst die von London (5S9). Ziemlich rasch vollzieht sich dann der Ubergang zur regenlosen Zeit, die von Mai bis Oktober währt, und in der höchstens nachts reichlicher Tau fällt; der Juli ist völlig iegenlos. Wir werden sehen, daß dieser eigenartige Wechsel von höchster Bedeutung für die Verteilung der Krankheiten über das Jahr ist, und daß entsprechend der Regen- und regenlosen Zeit auch gesunde und gefährliche Jahreszeiten in einer Schärfe abwechseln, wie sie der Europäer nicht kennt. Das Klima des Jordantals hat, wie auch seine Vegetation, tropischen Charakter, so daß der Europäer dort im Sommer nicht leben kann. Ist doch dieses tiefe Tal völlig im riegen- und Windschatten gelegen. Das Ostjordanland, dessen Klima übrigens noch festländischer ist als diesseits des Jordans und noch schroffere klimatische Gegensätze zeigt, hat vorläufig für uns kein praktisches Interesse. Neben diesen wichtigsten klimatischen Erscheinungen kommen noch andere weniger bedeutsame hinzu; aber schon die erwähnten machen es verständlich, daß zwei ziemlich nah aneinander gelegene Städte oder Kolonien durchaus verschiedene sanitäre Zustände aufweisen können. Oft liegt wenige Meilen neben einem schweren Malariaherd ein seuchenfreier Ort, zuweilen sogar mit vorzüglichem Klima Schon hieraus folgt, daß sich die Erforschung der Gesundheitszustände des Landes niemals auf bestimmte Gegenden beschränken darf, sondern sich auch auf die besondern Verhältnisse eines jeden Ortes erstrecken muß. Für diese Gestaltung der Zustände ist aber das Klima erst in zweiter Reihe verantwortlich zu machen, die Hauptschuld trägt der Mensch. Und hier kommen wir zu den praktisch wichtigem Ursachen der heutigen Zustände; denn die durch Vernachlässigung und Verwüstung des Bodens entstandenen Quellen der Verseuchung können durch die wiedererwachende Kultur auch wieder verstopft werden. Die Malaria insbesondere ist eine Krankheit der verwahrlosten Länder. An der schmalen Küste Palästinas können sich keine ansehnlichen Elußläufe entwickeln. Wenn im Winter große Was-sermengen auf das Gebirge herabströmen, so werden sie heutzutage weder durch Terrassierungen noch durch die wassertechnischen Anlagen zum Teil zurückgehalten und aufgespeichert, sondern sie strömen die nackten Felsen zur Ebene herab und verrinnen hier im Boden; ein anderer Teil sickert.im Kalk des Gebirges ein und erscheint ebenfalls wieder im Grundwasser der Ebene. Während eine angemessene Verteilung der Wassermassen dem Lande im Sommer wie im Winter einen ausreichenden Wasser\rorrat sichern würde, ergibt sich heute das doppelte Übel: im Winter eine zu starke Durch feucht ung des Bodens, im Sommer eine zu starke Austrocknung Welchen Schaden dieser Mißstand für die Landwirtschaft bedeutet, soll hier nicht erörtert werden. In sanitärer Hinsicht ist von Bedeutung, daß die ungenützt zum Meere fließenden Wassermassen das Niveau des Grundwassers steigern und zur Versumpfung des Bodens führen. Das im Sommer schwer vermißte Wasser geht also nicht nur dem Lande verloren, sondern wird auch noch eine Quelle der Krankheiten; denn in diesen Sümpfen gedeihen die Larven der Stechmücken, die das Malariagift vom kranken Menschen auf den gesunden überimpfen. Die Ausrottung der palästinensischen Wälder hat überhaupt dem Lande in sanitärer Hinsicht mannigfachen Schaden gebracht. Seit Titus Zeiten bis herab zu den Kreuzfahrerkämpfen ist der ehemals blühende Waldbestand des Landes immer mehr vernichtet worden, ohne daß man je an Wiederaufforstung gedacht hätte. Zudem fressen die Ziegen jeden jungen Baumtrieb Wiedelah. Die wenigen Waldbäume.auf dem Karmel und in der Ebene Saron sind die kümmerlichen Überreste eines mächtigen Waldes, der einst die Küste und einen Teil des Gebirges bedeckte. In bewaldeter Gegend wird ein großer Teil des Regens von den

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