Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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Tag. Seine Genossenschaft ist gemeinsam versichert gegen Unglücksfälle und Alter. Für die Kindererziehung sorgen ihre Schulen und für ihre Bildung selbst das Beth-Haam, wo er selbst Vorlesungen besucht und sich mit seinen Genossen bei Konzerten und Theateraufführungen vergnügt. Sein Ideal ist Arbeit, Wissenschaft und Kunst. Er repräsentiert die Renaissance seines Volkes und schenkt allen Völkern, wie einst seine großen Vorfahren in Palästina, ein neues Ideal. Es existiert unter diesen Arbeitern auch eine kleine Anzahl Aristokraten; nur sind diese nicht Blaublut- oder Geldsackaristokraten, sondern Auserwählte Gottes, gesegnet mit einem göttlichen Geist für Wissenschaft und Kunst. Sie verkaufen nicht ihre Begabung für eitle Ehren, schmutziges Geld, und sehen nicht auf das Volk als auf niedrig stehende Geschöpfe herab. Sie sind wahre Kinder ihres Volkes, das sie erzogen und ihnen einen Teil seiner edlen Seele gegeben. Sie leben für ihr Volk, sind ihm im Kampfe ums Dasein behilflich und geben seinem Geiste immer neue Ideale. Es findet sich unter ihnen eine Anzahl großer Künstler. Für die Kunst hatten die Juden von jeher Befähigung, nur hatten sie im Golus zerrissene Seelen,, und ihre Talente konnten sich nur unnatürlich entwickeln. Der jüdische Knabe, der bei Fremden lernte, mußte seine angeborenen Gefühle und Instinkte unterdrücken und sein eigenes Ich verlieren. Sein Schaffen widerspiegelte immer fremde Gefühle, und deshalb hatten wir mehr Virtuosen als Schöpfer. In dem Juden aber, der seine besten Jahre, die Lehrzeit, in Palästina verbringt, in dem Lande, wo jedes Steinchen ihm vergessene Kindermärchen erzählt und wo jeder Hiigel ihm die freie Vergangenheit seines Volkes ins Gedächtnis ruft; wo er als Künstler die echtjüdischen Typen unter dem blauen Himmel seines eigenen Landes zeichnet, — in dem Juden erwacht der eingeschlummerte Geist des jüdischen Propheten von ehedem. Die neuen jüdischen Künstler haben dem alten tiefen jüdischen Geiste die jetzige moderne Technik hinzugesellt, der Künstlerwelt ein neues Wort gebracht und eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte angebahnt. Das alles hat die drüben gegründete Schule bewirkt, in der Arbeit und Brüderlichkeit sich vereinigt haben. * * * Viele Jahre träumte ich wachend diesen schönen Traum. Ich bereiste zu diesem Zwecke viele Länder und lernte hierbei das bißchen Arbeit, das die eiserne Maschine dem Menschen nicht rauben konnte. Ich las alles, was diesen Gegenstand betraf, und als ich mich mit Kenntnissen genügend ausgestattet wähnte und die Kraft in mir fühlte, allem zu entsagen, um mich nur vollständig der heiligen Sache hinzugeben ging ich zu Theodor Herzl. Ich begab mich zu dem Manne, der den' Mut hatte, was er fühlte, offen der ganzen Welt zu sagen, und in sich die Kraft fand, den Versuch zur Durchführung seiner Ideen zu machen. * } Ich sprach ihm von meinen Idealen eine ganze Stünde mit glühendem Feuer. Er wollte über alle Einzelheiten unterrichtet sein. Sein idealschönes Antlitz begeisterte mich. Auf seiner weißen Stirn waren die tiefen ^Gedanken zu lesen und in seinen traurigen Augen die edle jüdische Seele, jene Seele, die eine phantastische Welt schaut und doch die jetzige bittere Wiiklichkeit sieht. Und nachdem ich meine Rede geschlossen, wartete ich mit klopfendem Herzen: Welche Antwort wird er mir erteilen? „Gut, das werden wir machen,* sagte er ruhig und entschlossen. Und nach einer kurzen Pause fragte er: )yWelchen Namen werden Sie Ihrer Schule geben?a „Bezalel," antwortete ich, „nach dem Namen jenes ersten jüdischen Künstlers, der uns einst in der Wüste ein Heiligtum erbaute.a „Ein Heiligtum in der Wüste/' wiederholte er mechanisch, und seine schönen traurigen Augen schienen in eine unendliche Ferne zu blicken, als fühlte er, daß er es selbst nicht mehr sehen würde. . . Das hygienische Institut in Palästina Von Dr. Hans Mühsam, Berlin Anläßlich des 60. Geburtstages von Max Nord au wurde die Gründung eines hygienischen Institutes beschlossen, welches seinen Namen tragen sollte. Mit der Festsetzung der Einzelheiten beauftragte das E. A. C. die Ärzte Dr. Arndt, Prof. Lewin, Loewenheim und Mühsam, sämtlich in Berlin, und ernannte zum Obmann dieser Kommission Prof. Dr. Warburg. Dr. Arndt wurde uns durch den Tod entrissen, und die Lücke ist noch unausfüllbar. Es ist hier nicht der Ort, seine Verdienste im einzelnen zu würdigen, aber wir vermissen ihn grade hier schmerzlicher als anderswo. Er hatte in jahrelanger, eifriger, und von wissenschaftlichen Erfolgen reichgekrönter Tätigkeit nur auf das eine Ziel hingearbeitet, dereinst in Palästina dem Wohle seines Volkes zu dienen. Theoretisch und praktisch ein vollendet ausgebildeter Arzt, von einer seltenen wissenschaftlichen Begabung und phänomenalem technischen Geschick, dazu ein Zionist von unerschütterlicher Treue, war er der geeignete Mann, um das geplante Institut zu leiten, und es zu dem zu machen, was wir davon erhoffen. Da raffte ein jähes Geschick ihn in dem Momente hinweg, in dem er die Hand nach dem Ziele ausstreckte, in dem er die Früchte für sein Volk ernten wollte, die er in vieljährigem Bemühen gesät. Die Aufgabe eines hygienischen Landesinstitutes ist es, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen und zu heben, indem es die Schädlichkeiten der Außenwelt nach Möglichkeit beseitigt, und die durch das Zusammenleben der Menschen bedingten [Rücksichten des einzelnen auf die Gesamtheit festsetzt. Für die Erreichung derartiger Ziele ist eine recht weitgehende Machtbefugnis notwendig, welche wir in dem türkischen Lande vorläufig noch nicht haben. Es ist aber anzunehmen, daß über kurz oder lang die türkische Regierung sieh von dem Vorteil eines hygienischen Instituts überzeugen und gesundheitlichen Maßnahmen ihre Unterstützung leihen wird. Es ist kein Grund vorhanden, von vornherein von der Gründung eines hygienischen Institutes aus dem Grunde abzusehen, weil wir zwar die Maßregeln formulieren, sie aber vorläufig noch nicht durchführen können. Folgenden Aufgaben soll das Institut in Palästina gerecht werden. Es sollen die endemischen Seuchen bekämpft resp. verhütet werden. Vor allem ist die Malaria in Palästina sehr verbreitet. Wir kennen den Weg zu ihrer Beseitigung durch geeignete hygienische Maßregeln, wie sie in Afrika, Indien, Italien usw. erprobt worden sind. Vor allen Dingen muß die Stechfliege, welche die Malaria - Plasmodien überträgt, vernichtet werden. Das geschieht durch die Zerstörung ihrer Brutplätze, indem stehende Gewässer ausgetrocknet oder reichlich mit Petroleum Übergossen werden. Es muß aber auch dafür gesorgt werden, daß die Fliege sich nicht infiziert, um zu verhindern, daß sie den Ansteckungsstoff von einem Kranken auf einen Gesunden überträgt. Deshalb muß der Malariakranke seine Parasiten durch Chinin unschädlich machen, das ebenso wie in Indien und andern englischen Kolonien der Bevölkerung unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden muß. Wird auf diese Weise die Quelle verstopft, aus welcher die Stechfliegen sich beim Blutsaugen infizieren, so können sie einem gesunden Menschen auch keine Malaria mehr beibringen. Eine weitere Aufgabe besteht in der Prophylaxe des einzelnen. Die Bevölkerung muß über die Natur und die Verbreitungswege der Krankheit aufgeklärt, es muß dafür gesorgt werden, daß in malariaverseuchten Gegenden nach Möglichkeit keine Wohnhäuser gebaut werden, und daß der einzelne,