Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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1034 DIEMKE LT No. 41 Nach Jerusalem fuhr ich jedoch nicht, das Grab unserer Mutter Rahel und die Klagemauer malte ich nicht, und meinen Brüdern, den Juden, habe ich so keine Freude bereitet. Fremde, Nichtjuden, lehrten mich die Kunst, gaben mir ihr Ideal, und für dieses arbeitete ich und schuf allerhand schöne Dinge. Ich hielt die Kunst für ein Heiligtum und die Künstler für deren Priester. Ich träumte davon, ein Hohepriester zu werden, der heiligen Kunst zu dienen, den Menschen das Ideal der Schönheit und der Größe zu lehren, sowie das Gute zu lieben und das Schlechte zu hassen. Die Kunst war die Sprache meiner Seele, die jeder fühlende Mensch verstehen kann, gleichgültig welcher der Jammerwelt und ihren berufsmäßigen Kunstkritikern, umgeben von einer lieblichen und „natürlichen" Natur. Alle sind wir körperlich gesund, mutig im Geiste und mit hochfliegenden Plänen im Haupte . . . Unser Brot verdienen wir durch unserer Hände Arbeit, aber unsere Schöpfungen, unsere Geistesprodukte verkaufen wir für kein Geld der Welt. Wir leben alle wie eine Familie und haben zusammen nur eine Aufgabe: den Menschen zu zeigen, wie schön und lieblich Gottes Welt ist und wie glücklich die Menschen leben könnten, wollten sie nur einmal anfangen, „menschlich* zu leben. Und schon damals hielt ich Erez Israel für das Land, in dem ich diesen Traum werde verwirklichen können... Und wieder vergingen Jahre und brachten neue Ent- Der Chacham Baschi im Bezalel Nation er angehört und welche Sprache er versteht. Ich wünschte, daß meine Kunst der ganzen Menschheit diene und allen Freude bringe. Und wieder vergingen Jahre und brachten Enttäuschungen. Ich sah, wie die heilige Kunst in den Schmutz gezogen und für schmutziges Geld verkauft wird; das goldene Kalb steht auf einem hohen Piedestal, und alle Priester der Kunst bücken sich tief vor ihm. Eng und kalt wurde es mir in der Künstlerwelt. Ich verlor meinen Gott, und mit zerrissener Seele, leerem Herzen und betäubtem Kopie verließ ich das prachtvolle Paris. * * * In den wolkenbedeckten pyrenäischen Bergen, an dem stillen Felsengestade des tiefblauen Mittelländischen Meeres hatte ich einen neuen Traum. Ich träumte von einer Gruppe begeisterter Künstler, fern und frei von täuschungen. Der liebliche Traum ist eben wie ein Traum verschwunden, das wirkliche Leben zeigte mir die bittere Wirklichkeit: nicht an Kunst mangelt es, sondern an Brot und Freiheit. Der freie Verstand der Menschenhat kluge Maschinen ersonnen, und die Maschinen und die Fabriken haben den Menschen zu einem gedankenlosen Sklaven gemacht. Die Maschine hat ihm Gottes schöne Natur entfremdet, ihn seiner Familie entrissen, aus seinem Heim getrieben. Sie fordert von dem Arbeiter nicht Verstand und Geist, sondern seine Gesundheit und sein Fleisch. Sie hat ihm sogar seinen letzten Trost geraubt: die Freude am Schaffen; denn in der Fabrik schafft er nie eine ganze Sache und sieht oft nicht einmal, wie sie fertig aussieht. Eine Arbeit ist ihm verblieben: mit rasende? Geschwindigkeit der Maschine nacheilen, ihr dienen und sie antreiben und auf der Hut sein, daß sie ihm die Finger nicht wegreißt. Sie ver-