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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 37)
Language
German
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No. 41 DIE^ELT; 1033 DER BEZALEL Von Professor Boris Schatz, Jerusalem*) Es ist schon recht lange her, als wir noch im goldenen Zeitalter lebten, als wir noch nicht mit verschiedenen „IstenÄ gesegnet waren, welche sich gegenseitig verfolgen und einander als die größten Feinde behandeln. Wir hatten damals alle nur einen Rendezvousplatz, das Beth-Hamidrasch. Es gab zwar verschiedene Gruppen, je nachdem sie zusammen Talmud Mischnaoth lernten oder Psalmen beteten. Eine Differenzierung existierte aber nur nach dem Grade der Gelehrsamkeit und nicht der Geldtasche. Alle zusammen besaßen wir eine Chalukabüchse, unisono riefen wir })übers Jähr in Jerusalem!", und zusammen pflegten wir im nassen Herbst am Tau und Regen zu beten, nicht etwa für unser Städtchen, das ohnehin vom Regen troff und in dem man bis über die Knie im aufgeweichten Boden versank. Zu jener Zeit war ich noch ein unschuldiger Chederknabe und lauschte den Worten meines Magid. Es war an einem Samstägnachmittag nach der drittenSabbatmahlzeit. Unser Beth- Tamidrasch war von den Bewohnern des Städtchens überfüllt, die wie Heringe an einandergepreßt waren. Wir drängten alle zum Vorbeterpult, an dem der Magid stand. Mit offenem Munde und weitgeöffneten Augen wurde jedes Wort verschlungen. Kein Laut war außer dem Wort des Magids vernehmbar, alles hielt den Atem an, und nur hier und da seufzte einer der Anwesenden, die sich in lern düstern Räume gleichsam wie stumme Schatten aus einer andern Welt versammelt hatten. Das Beth-Hamidrasch war in tiefes Dunkel gehüllt, und nur der matte Widerschein des „Ewigen Lichtes" war auf dem goldgestickten Vorhang zu sehen, den meine Tante Rahel gespendet hatte, als ihr einziges Söhnchen starb. Man sah auch etwas von dem geblüriiten „Misrach*, den ich mit großer Begeisterung als Sühne für meine großen Sünden gezeichnet hatte. Eine süße Wehmut erfüllte mein Herz, da es von dem lieben heiligen Sabbat Abschied nehmen sollte, und das Beth- Hamidrasch bekam ein fast phantastisches Aussehen. Und der Magid sprach. Er sprach in dem gleichen Tone von Trauer^ Sehnsucht und süßer Hoffnung. Er beantwortete gewandt alle Fragen, die er vorher kunstvoll aufgeworfen hatte. Bezaubernd war jedoch das, was er uns über Erez- Jisroel erzählte. Er war nämlich Abgesandter der Büchsensammlungsorganisation des Rabbi Meir Bai Ness in Palästina. Ich saß in einem Winkel zusammengekauert und sah nichts von meiner Umgebung. Ich lauschte den Worten, als ob sie aus einer andern Welt kämen. Ich sah im Geiste die riesige Klagemauer, den zweitausendjährigen Grabstein unseres Volkes, wie er mit den Juden weint, die von allen vier Enden der Erde herbeiströmen, ihr Herz auszuschütten. Ichhörtedas Weinen unserer Mutter Rahel ans dem einsamen Grabe auf dem Wege nach Bethlehem, wie sie um ihre Kinder klagt, welche vertrieben wurden und nicht heimkehren. Ich sah unser Land besät mit heiligen Gräbern und zugleich bedeckt mit prächtigen Gärten, in denen im :: Professor Boris Schatz :: Zeichnung von Jakob Stark *) Aus der Vorrede der Jargonbrosehüre „Bezalel" (Zionistische Kopekenbibliothek, Odessa). Winter die Orangen blühen, der duftende Ethrog wächst und das süße Johannisbrot sogar von den Ziegen gegessen wird.... Das Wochentags- „Wehu-Rachum", das mein Vetter Berl mit trauriger Melodie plötzlich anstimmte, entführte mich plötzlich aus dem Traumlande, und ich befand mich wieder in unserm kalten schmutzigen Städtchen. Ich empfand, wie ich mich erinnere, das unwiderstehliche Bedürfnis, wenigstens für eine Weile etwas von dem schönen verzauberten Land zu sehen, wenigstens irgend einen Gegenstand darin in meinen eigenen Händen zu fühlen. Und bald nach der „Havdalah" begab ich mich zusammen mit meinem alten Vater, welcher anscheinend dieselben Empfindungen hatte, selbst auf die Gefahr hin, im Straßenkot zu ersticken, in das Gasthaus, in dem der Emissär aus Palästina weilte. Ich entsinne mich noch des Schmerzes, der mein Kinderherz erfaßte, als ich ein geschnitztes Kästchen erblickte, das mit einer Art kärtofFelförmigem Schmuck versehen war und mit der Aufschrift „ Grab unserer Mutter Rahel". Ferner die Zeichnung einer Wand, hinter der sich vier Besen befanden und die als „Klagemauer" bezeichnet war. Ich erblickte darin gleichsam eine Entweihung unseres Heiligtumes, und ich schwur dann im Innersten meines Herzens, daß ich, sobald ich einmal ein Erwachsener und ein guter Maler sein werde, mich nach Jerusalem begeben und die gesehenen Heiligtümer so schön malen würde, daß alle Juden ihre Freude daran hätten . . . * * >: - ' * Viele Jahre sind seither ins Land gegangen. Ich wuchs auf, lernte schön malen und Bildhauerarbeiten machen.

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