Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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nach unten schief und glatt zur Ebene ab, so daß ein Emporsteigen von unten a priori ausgeschlossen ist. Wäre nun die Wand oben nicht überdacht, so könnten Leute auf einem Seil heruntersteigen und zu den Nistfächern gelangen. Aber das weit vorspringende Dach hält den Heruntersteigenden von der Wand fern. Lange pendelt Berg Zion er hin und her, ohne festen Fuß fassen zu können. Denken wir uns noch das bröckelige Gestein hinzu, das auf den herunterzulassenden Mann herniederhagelt und ihm jeden Moment den Kopf einzuschlagen droht, so haben wir ein ziemlich richtiges Bild von dem klug angelegten Brutplatz des Mähnenibis. Nur einen Vorteil haben solche Orte: da solche Bildungen gewöhnlich nur auf Gipsboden vorkommen, so kann man die schwarzen Vögel von weiter Ferne sehen. Der letzte und allerbedeuten dste Brutplatz dieser Art, den wir aufgesucht haben, war das obenangeführte Rheme, unweit Palmyra. Dieser Platz hat nämlich die längste Wand und befindet sich mitten in der Wüste, wo viele Monate hindurch nicht ein einziges zweibeiniges Tier die gemächliche Ruhe der Brütenden stört. Spuren uralter Kultur fanden wir hier in einer Reihe künstlich in den Felsen nebeneinander eingehauener Höhlen, die wir unter uns als Salon, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Käfig für lebende Ibise usw. verteilten. Auch ein zirka 100 Meter tiefer Brunnen findet sich hier, der uns später zur Quelle großen Unheils wurde. Ober tausend Ibisse brüteten hier. Wir wollten aber anfangs die Eier nicht anrühren, aus Furcht, daß die Vögel sonst den Nistplatz verließen, denn wir hatten noch gar zu wenig Bälge. Eines Tages kam nun ein Jäger zu mir und sagte: Wenn Sie noch Eier dieser Art haben wollen, so müssen wir uns beeilen, sonst werden alle möglichen Raubvögel, wie Bussarde, Falken, Milane, Raben usw., alle Eier zerbrechen. Leider fand ich diese Angabe bestätigt. Da wir nämlich Brutvögel töteten, so blieben deren Eier verlassen und lockten alles mögliche Raubzeug von Vögeln an. Auf den überragenden Dächern fanden wir viele ausgeschlürfte Eier. Wenn wir also nicht sofort die noch übrigen auf zugänglichem Stellen befindlichen Eier holten, so hätte ich auch diesmal nach dreijährigem vergeblichem Suchen nicht einmal ein einziges Ei dieser Art gesehen. So sehr hing das alles vom bloßen Zufall ab! Noch etwas anderes Interessantes ist uns hier begegnet: es gibt hier eine Art Giftschlange mit zwei Hörnern (Cerastes hasselquisti), die sich auch am Toten Meer befinden soll. Das war die einzige Schlangenart, die unserer Reptiliensammlung fehlte. Und ich habe sie auch nie gesehen. Wie groß war meine Freude, als mir einer meiner Jäger eine junge, anscheinend tote Hornviper brachte. Voll Entzücken betrachtete ich das gefährliche Tier, öffnete seinen Rachen, beschaute und betastete mit den Fingern seine Giftzähne und legte sie dann in eine der zahlreichen Nischen unserer Höhle. Aber wie erschracken wir alle am nächsten Morgen, als wir die vermeintliche Tote nicht auf dem Platze fanden, wo wir sie in der vorigen Nacht versteckten! Eine genaue Revision ergab, daß die Schlange vom Tode wieder auferstanden war und sich in irgendeinen Winkel der Höhle zurückgezogen hatte. Am nächsten Tage fanden wir ein Riesenexemplar dieser Art, das sich sehr lang sam bewegte (übrigens ist es ein nächtliches Tier), das nur mit der pechschwarzen Schwanzspitze drohende Bewegungen ausführte. Und wie oftmals mußten wir draußen schlafen! Solange in manchen Steinlöchern Regenwasser blieb, waren die Beduinenhorden nicht auf den obenerwähnten Brunnen an gewiesen. Wie aber alles Wasser der Wüste vertrocknete, begann der Brunnen alles mögliche Gesindel herbeizulocken, und es kam zu mehrfachen Zusammenstößen mit unsern Jägern und zum Austausch von Schüssen usw. Hätten die Beduinen, — ich weiß nicht warum, — keinen Respekt vor Europäern, so hätte die Sonne der Syrischen Wüste schon längst unsere Knochen gebleicht. Ich mochte noch die herrlich marmorierten, metallschillernden Eidechsen erwähnen, die ich für unser Museum sammelte. Solche Prachtexemplare sieht man bei uns nie. II Nach dem viermonatlichen Aufenthalt in der Syrischen Wüste suchte und fand ich eine gewisse Ahwechslung in einer vom Grunde aus verschiedenen Gegend des Antiochia-Sees im äußersten Nordsyrien. Diese letztere Gegend ist ein wahres Paradies an sich* nicht nur im Verhältnis zur Syrischen Wüste. Hier sind die höchsten Gebirge ohne Ausnahme mit üppigstem Grün, mit Fichtenwäldern und allerhand andern Bäumen bedeckt. Aber auch das Klima ist hier.gänzlich anders; denn hatten wir es früher mit einem trocknen Wüstenklima zu tun, so kamen wir jetzt in ein feuchtes, fieberbringendes Klima des echten Sumpfes, wo mannshohes Riedgras das ganze Land bedeckt. In der Zeitschrift „Palästina" erzählte ich seinerzeit von dem merkwürdigen Schlangenhalsvogel und seinen schwer zu bekommenden Eiern, nach denen ich einen Boten sandte. Dieses Jahr nun wollte ich alles mit eigenen Augen sehen und alles selbst sammeln. Von Alexandrette fuhren wir über das in landschaftlicher Pracht alle Phantasie übertreffende Beilan nach Antiochien. Der ganze Weg bis Antiochia bot einen Anblick, wie man sich ihn herrlicher gar nicht denken kann. Überall sprudeln silberhelle Quellen, die unzähligen, sich im Gras verlierenden und dem Orontes zufließenden Bächlein ihren Ursprung geben. Von Antiochien kamen wir bis zu einem ca. acht Stunden entfernten Flecken am linken Seeufer. Hier fanden wir einige Beduinen in Rohrzelten und „quartierten" uns bei ihnen ein. Die Hitze war sehr drückend, die Ausdünstungen der umgebenden Sümpfe gefährlich; aber unsere Aufgabe erforderte gerade diese Jahreszeit, und deshalb ließ sich daran nichts ändern. Schon am nächsten Tage rückten wir in einem ungemein schmalen Kahne aus, der von einem oder zwei Männern mit gewöhnlichen Stangen nicht gerudert, sondern gestoßen wurde. Der Weg führte durch halbtiefe Sümpfe, die den See mehrere Tagemärsche weit umgeben und entweder mit Röhricht oder Seelilien