Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316447--53816-3347585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1028 DIEIqKELT: No. 41 den „Sprüchen der Väter": „Nicht dir liegt es ob, die Sache zu endigen", haben wir kein Recht, uns unserer Pflicht zu entziehen. Ich begann also meine Tätigkeit für unser Museum mit dem Norden, und zwar mit einer viermonatlichen Reise in der Syrischen Wüste und einer Reise nach dem überaus reichen Antiochia-See, wo ich wegen der sehr vorgerückten heißen Jahreszeit und der schädlichen fieberbringenden Ausdünstungen der Sümpfe leider nicht länger als drei Wochen weilen konnte. I. Meine besondere Tätigkeit in der Syrischen Wüste galt der Ibis eremita, jenem wunderbaren Mähnenibis, der vor Jahrhunderten in Europa gebrütet hat, daselbst ausgestorben und vor mehrern Jahren in der Syrischen Wüste entdeckt worden ist. Drei Jahre suchte ich vergebens nach dessen Eiern, aber erst im Vorjahre gelang es mir, drei lebende Junge zu erbeuten, die ich dem Berliner Zoologischen Garten übergab. Nun hielt ich es für lohnend, dieses Jahr wieder den Brutplatz dieses interessanten Vogels aufzusuchen und seine Lebensweise gründlich zu studieren. Ich sagte mir auch, daß ein Platz, den ein solch kluger Vogel wie der Mähnenibis auserkoren hat und dort tatsächlich jahrhundertelang dem spähenden Auge der europäischen Naturforscher verborgen bleiben konnte, auch andere interessante Vogelfamilien beherbergen müsse. Ich reiste also von Damaskus über Jabrud und De'fr-Attiyeh nach Karyatein, nächst Palmyra die schönste Oase der Syrischen Wüste. Auf den ersten Blick schon sieht man den gewaltigen Unterschied zwischen Palästina und Syrien: hier ist das Klima sehr kühl und angenehm; hier begegnet man gar keinen Augenkranken; in allen von Mohammedanern und Christen bewohnten Dörfern sieht man nur gebräunte, von Gesundheit strotzende Frauen- und Männergesichter. Alle Bäuerinnen tragen sehr saubere Kleider aus schwarzem Samt mit über den ganzen Rücken herabhängendem ebenso gefärbtem Tüllschleier. Auch die Kinder sind hier viel gesitteter und höflicher als in unsern Fellachendörfern, denn überall gründete die dänische Mission Knaben- und Mädchenschulen mit englischer und arabischer Unterrichtssprache. Die Haustiere sind hier wegen des kalten Klimas und der ausgezeichneten Weide, — natürlich solange nicht die Wüste beginnt, — ungemein stark und ausdauernd. In den sehr kalten Dörfern, wie Jabrud z. B., wo alle umliegenden Bergkuppen mit Schnee und Eis gekrönt sind, sät man Flachs und andere Gewächse, die kälteres Klima bevorzugen. Und mehr als einmal bedauerte ich es, daß die osteuropäischen Juden, denen diese klimatischen Verhältnisse doch weit zusagender wären als die Südpalästinas, es sich gar nicht angelegen sein lassen, auch hier Fuß zu fassen. Schon bei Jabrud fiel mir eine wie ein schwarzer Kohlfleck auf dem weißen gipshaltigen Boden sich ausnehmende Lerche auf, die ich zwar noch nie zuvor in Händen hatte, in ihr aber sofort die vom Herrn Baron Walther de Rothschild von mir verlangte Ohrenlerche (Otocorys penicillata) vermutete. Später traf ich sie sehr oft mit einer andern von mir entdeckten Lerche (Calandrella) und konnte konstatieren, daß sowohl Tristram als auch alle andern Palästina-Ornithologen bezüglich des Aufenthaltsortes dieser Art falsche Angaben machten. Denn außer im Libanon fand ich sie in der ganzen Syrischen Wüste und, was noch auffallender ist, nie im Gebirge, wie bisher angenommen wurde, sondern immer in der Ebene, wiewohl es auch hier an Gebirgsmassiven nicht fehlt. In Karyatein nahm ich sofort eine Anzahl Jäger, — denn für einen oder zwei ist es wegen der häufigen Oberfälle der räuberischen Beduinen (Hanschel genannt) gefährlich, weite Ausflüge zu machen, — und sandte sie zu dem einzigen vor mir bekannt gewesenen Brutplatze des Mähnenibis. Aber zu meinem Bedauern kehrten sie mit der Nachricht zurück, daß der Ibis noch nicht gekommen sei. Also ist dieser Vogel hier nicht Stand-, sondern Zug- oder Strichvogel. Ich begann unterdessen verschiedenes andere Tiermaterial zu sammeln. Auf Jagdzügen, die wir bis zu einer siebzehnstündigen Entfernung von Karyatein unternahmen, gelang es uns, von Säugetieren folgende zu erbeuten, beziehungsweise zu beobachten: eine sehr interessante Wildziege, drei wertvolle Hasenarten, zwei verschiedene Varietäten des Wildschweins, die für Syrien unbekannte Gemse (!) (arabisch Rmehe), zwei Gazellenarten, von denen eine arabisch „rim" heißt und dem hebräischen „reem" entsprechen dürfte. Auch der Steinbock unterscheidet sich hier gänzlich vom Sinai-Steinbock des Toten Meeres. Und während bisher nur zwei Fuchsarten aus Palästina und Syrien bekannt waren, kann ich eine dritte hinzufügen, die gänzlich schwarz ist. Auch zwei Wolfsarten gibt es hier, von denen die kleinere Art („dib rumi" auf Arabisch) viel kühner und gefährlicher ist. Der syrische Bär bewohnt hier alle Berge, auf deren Spitzen sich Schnee und Eis den größten Teil des Jahres erhält. Die Hyäne wird hier ebenso gefürchtet wie bei uns im Süden. Überall sieht man Wüstenspringmäuse umherhüpfen, bei deren komischem Anblick man sich des Lachens nicht erwehren kann. Der Blindmoll und andere zum Teil sehr geschätzte Mäusearten durchwühlen den Boden in allen Richtungen und machen so den Ritt bei Nacht sehr gefährlich, denn so manches Reittier stolpert bei so einem Loche und bricht* das Bein. Aber bevor ich mich von den Säugetieren verabschiede, muß ich noch einen sehr interessanten Fall erwähnen. Das war ungefähr einen Monat nach meiner Ankunft in Karyatein. Da kam ein Jäger und teilte mir mit, daß der Ibis schon gekommen sei. Sofort rüsteten wir uns und kamen noch, bevor die Vögel der Schlafstelle zuzogen. Als es zu dämmern begann, kam eine Schar von 50 Paaren und ließ sich auf ihr vielleicht schon seit Jahrhunderten eingenommenes Nachtquartier nieder. Sofort begaben sich die Jäger dorthin und erlegten davon leider nur vier Stück. Aber wie entzückt waren wir über ihre herrlich-schillernden Metallfarben, und wieviel Hoffnungen versprachen wir uns von diesem Platze für die Zukunft! Unterdessen rückte die Nacht heran, und wir mußten uns in einer Höhle zur Ruhe begeben. Ein jeder von uns legte Schrotgewehr und Revolver zur Seite, als Schutzmittel gegen große gefährliche Feinde. Daß es aber hier einen kleinen Feind gäbe, gegen den man mit diesen Waffen gar nichts auszurichten vermag, das kam uns nicht in den Sinn. — Aber wie erschrocken und erstaunt waren wir alle, als wir am nächsten Morgen alle vier Ibisse mit ganz zerfressenen Schädeln vor uns liegen sahen! „Das kann nur die Um m Urs angerichtet haben," sagten alle Jäger einstimmig, „wir müssen ihr eine Falle legen." Und wir stellten die zweite Nacht, — in der übrigens die Ibisse nicht mehr zurückkehrten, — der Umm-Urs eine Falle. Aber wie verblüfft war ich, als ich in der Falle ein kleines herrliches Nagetierchen erblickte, das ich hier niemals vermutet hätte; denn das war die ungemein seltene EMomys melanura, die laut Tristram bisher nur in zwei Exemplaren bekannt ist, die von Schubert vom Sinai mitbrachte. Später fand ich von dieser niedlichen Art noch mehrere und erfuhr, daß sie hier durch das Plündern der Obstbäume sehr schädlich wird. Aber wiederholt mußte ich mich über die- Unvollkommenheit der Kenntnis von der Verbreitung unserer Tiere wundern. Und das bestärkte mich in der Meinung, daß unsere Fauna nur von ständig hier wohnenden Forschern gründlich studiert werden kann. Weit ergiebiger war unsere Ausbeute an wertvollen Stand- und Zugvögeln. Ich will michhier auf die allerwichtigstenbeschränken. Einer der schönsten Vögel, die in Syrien bisher nur vom hohen Libanon bekannt waren und deren Beine und Schnäbel ebenso rot gefärbt sind wie die des Ibis, ist die Alpendohle (Pyrrhocorax älpinus), die ich zuerst im wildzerklüfteten, schauererregenden Gebirgsstock von Kohle und später auch überall zusammen mit dem Ibis fand. Ganz besonders entzückend ist sein Flug im heftigsten Sturme, wo er seine Flügel mantelartig um den Leib schlägt und sich gar nicht zu bewegen scheint. Nebenbei bemerkt, fand ich hier noch den