Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1022 Di£.^ Endlich npmyo/ Juden, die aus Marokko einwanderten. Marokko, arabisch Maghreb, woher der Name „Maghrebim", hat in alter Zeit sehr bedeutende Männer hervorgebracht. In physischer Beziehung machen die Marokkaner einen erschreckenden Eindruck. Es jammert uns, diese lebenden Skelette in ihren Zellen ohne Luft und Licht auf den feuchten Boden hingestreckt, zu sehen. Zudem sind die meisten noch obendrein augenkrank. Vollends dieser Umstand macht das Maß ihres traurigen Schicksals jibergehen. Durch fortgesetzten Hunger entkräftet und entnervt, — ist es da noch ein Wunder, daß sie zu keiner "schweren Arbeit tauglich sind? Geringere aber zu verrichten verbietet ihnen das stark angegriffene Augenlicht. Tagsüber lagern sie, zumal während der Fremdensaison, an der Klagemauer; sicherlich bringt aber diese Zudringlichkeit, mit welcher sie den Besucher belästigen, ihrer leeren Tasche viel weniger ein, als die sengenden Strahlen ihren kranken Augen Schaden zufügen. Man wird ihnen aber diese Zudringlichkeit gern verzeihen, wenn man bedenkt, daß diese Unglücklichen verurteilt sind zu einer Chaluka, die etwa fünfundvierzig Pfennig pro Kopf und Woche ausmacht. Was Wunder, daß sie sich aufs Betteln verlegen! Nein, das ist kein Wunder. Daß sie nicht zu Verbrechern werden, — das ist ein^ Wunder. Ihre Lage hat sich ungemein verschlimmert, seitdem die Verfolgungen in Marokko ausgebrochen sind. Dorther fließt wenig ein, und den größern Teil von dem' Wenigen nehmen, wie es auch bei Sephardim üblich, die Chachamim zu. Bloß daß die Sephardim, die Einheimischen, eher geeignet sind, ihren Lebensunterhalt, wenn auch notdürftig, zu verdienen. Auf dem sephardischen Kolel liegen große Lasten- Er hatte zunächst für die Askerijeh (Militärsteuer) aufzukommen. Sie betrug jährlich drei Medjidi pro Kopf, für Männer wie für Kinder männlichen Geschlechts, einschließlich Säuglinge. Die Bemittelten zahlten selbst die Steuer, für die Unbemittelten aber mußte der Kolel die Zahlung übernehmen. Diese ist nun eingegangen, seitdem bestimmt wurde, auch Juden zum Militärdienst heranzuziehen. Ferner obliegt es dem Kolel, Pessach die armen Leute mitMazzoth zu versehen. Und schließlich müssen sie einen gewissen Prozentsatz der Einnahmen an die Zweiggemeinden abführen. Bei den Sephardim nimmt derSohar1) einen höhern Rang ein, als selbst der Talmud. Bei jedem Anlaß müssen vorerst einige Abschnitte aus dem Sohar vorgetragen werden. Sie, die Sephardim, besitzen eine Unmenge erblicher Jeschiboth, von ausländischen reichen Juden errichtet und fundiert, deren Einkommen immer den jeweiligen Chachamim zukommt, die die Nachkommen derer sind, für die die Jeschiboth gegründet wurden. Auch die Sassons' in Bombay unterhalten hier eine Jeschibah, die so reichlich ausgestattet ist, daß diese Ausstattung ein Vermögen repräsentiert. Die Bibliothek, die alten Thorarollen mit ihren silbernen Gehäusen, die vielen Silbertassen, Kronen und die andern Geräte, die als Zierat der Thoroth dienen, die silbergestickten Mäntelchen und die schweren golddurchwirkten Damastvorhänge des Arön ha-Kodesch sind wahre Sehenswürdigkeiten. Die dreischiffige Synagoge, innerhalb der Stadt gelegen, die sog. Rabban Jochanan ben Sakkai-Synagoge ist die Hauptsynagoge der Sephardim. Unweit davon befindet sich das Bes x) Hauptbuch der Geheimlehre. KIT ' ~ No. 41 ha-Midrasch Bet El. Seine Besucher kleiden sich „weiß" und beten nach dem Siddur des R. Jizchak Lurje (Ri)> der, wie bekannt, der Begründer der neuen Kabalah ist. Die Brautschaft bei den Sephardim dauert in der Regel zwei bis drei Jahre. Früher war es verpönt, daß während der Zeit des Brautstandes Braut und Bräutigam zusammenkommen sollten.2) In neuerer Zeit sind sie darin l^Lxer geworden. Zu ixwi -wy rwön und PuHfft schickt der Bräutigam seiner Braut eine Platte. Jitfi erstem enthält sie (die T|sse) fruites (Obst und arialjHp Früchte), am letztern Backwerk und sonstige Gescheriii:!* im Talmud nurtoo genannt. Tischo be-Aw abends vSf* kündet der Vorbeter, nachdem alle Kerzen ausgelöscht werden, wie viele Jahre bereits dahingegangen seit der Zerstörung des Tempels. Das Volk bricht hierauf in tiefes Schluchzen aus, was auf den fremden Zuhörer einen ergreifenden Eindruck macht. So ist es Brauch in allen Synagogen, deren Besucher zu demselben Ritus, dem sephardischen, gehören. Bis vor wenigen Jahren hat es hier nur eine sephardisehe Gemeinde gegeben; nach dem Ableben des greisen Eljaschar jedoch sind die Yemeniten aus dem Verbände ausgetreten und bilden nunmehr eine eigne Gemeinde. Eljaschar war, wie es scheint, ihr letzter Rabbiner von Bedeutung. Zur Vervollständigung des Bildes seien noch die Bergjuden, etwa fünfzig Familien, die über das Land zerstreut leben, erwähnt, deren Einwanderung in den letzten Jahren stattfand. Daghestan, eine asiatisch-russische Provinz in Transkaukasien, soll ihre Heimat seit der Auflösung des Zehnstämmereiches und der Verbannung seiner Bewohner, zu deren Nachkommen sie sich zählen, * sein. Merkwürdig ist der Umstand, daß sich unter ihnen weder ein jro (Priester), noch ein Levite befindet. Viele ihrer Bräuche gehen auf die Zeit der Mischnah zurück. So z. B., daß Hochzeiten nur am Mittwoch stattfinden. Daß sich die Braut wegwendet, wenn sie eines Verwandten ihres Bräutigams ansichtig wird, erinnert an Genesis 24, 65. Die Töchter verheiraten sie mit vierzehn Jahren, der Mann heiratet aber erst mit achtzehn Jahren. Die Daghestaner Juden haben keine Familiennamen. Ihre Hauptbeschäftigung ist Weinbau, und Rußland ist ihr Absatzgebiet. Mit den Arabern stehen sie auf sehr freundschaftlichem Fuße. Die Rabbiner Daghestans sind unbesoldete Beamte. Dem Ritus nach gehören die Daghestaner zu den Sephardim, nicht so der Ausspfache des Hebräischen nach, p sprechen sie kaum hörbar, ähnlich wie die Haieber oder Aleppoer Juden, v ,.. lesen sie wie . Sonst sprechen sie es fast genau so wie die Aschkenasim. Ein neuer Beweis, daß die aschkenasische Aussprache so mir nichts dir nichts nicht zu verwerfen ist. Im Typus stehen sie so quasi in der Mitte zwischen Gurdschis und den Bucharern, werfrigleich man auch unter ihnen Hünengestalten antrifft. Man kann demnach die sephardischen Juden in vier bzw. fünf Typen einteilen, als: a) Bucharer, b) Gurdschis, c) Yemeniten und Perser, d) die eigentlichen Sephardim, einschließlich der Haieber, Mesopotamier und Marokkaner und, — wenn man so will, — e) Daghestaner. Mit der Hebroner sephardischen Gemeinde ist es beinahe so bestellt, wie mit der marokkanischen in 2) Bei den daghestanischen Juden ist es noch heute Brauch. Aber nicht allein, daß das Brautpaar nicht zusammenkommt, sondern sogar mit einem der Verwandten ihres Bräutigams darf die Braut nicht zusammentreffen. Trifft es sich zufällig einmal, daß ihr ein Verwandter in den Weg kommt, muß sie ihm ausweichen. Erst nachdem er längst vorüber ist, darf sie ihren Weg fortsetzen.