Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Der^Wad il Chanin, abends Radierung von Hermann Struck diese Kraftleistung, wenn es quer durchs Feuer geht, ohne daß die breiten, weit herunterwallenden Beinkleider von den Flammen erfaßt würden. Frauen lassen sich bei diesem Feste nur selten sehen, und wenn ja, auch nur in ganz geringer Zahl. Die Frau nimmt im Familienkreise eine ganz respektable Stellung ein. Bei den Yemeniten finden in der Regel sehr frühe Heiraten statt. Erst neulich traf ich in der Augenklinik eine junge Yemenitin, die, ihr Kind an der Brust, das fast erblindet war, vom Augenarzte behandeln ließ. „Haben Sie gestern gefastet?**1) „Der Arzt hat es mir verboten, um meines Kindes willen." „Wie alt sind Sie?" Die Frage brachte die junge Mutter einigermaßen in Verlegenheit. Sie schwieg. Ich wiederholte meine Frage. Nun taten sich ihre fahlen Lippen auf. Sie sei, erwiderte das arme Weib, zu ihrer Hochzeit elf — sage und schreibe elf! — Jahre alt gewesen, sei nunmehr fünf Jahre verheiratet, das Kind am Arme sei ihr drittes Kind, dessen ältere Geschwister seien jedoch nicht mehr am Leben. Nunmehr war mir die fahle Blässe, die auf dem jugendlichen Gesichte wie ein Schleier hingegossen lag, erklärlich. Die Yemenitinnen bleiben körperlich zurück, weil ihnen keine Zeit gegönnt wird, sich zu entwickeln. Eine schlank gewachsene Yemenitin ist mir noch nicht unter die Augen gekommen, sie sind entweder mittelmäßig oder auch unter mittelmäßig. Hochzeiten finden bei den Yemeniten Freitagmorgens statt. Abends vorher ist der Bräutigam der Gast seiner Schwiegereltern. Nach eingenommener Mahlzeit verläßt er das Haus. Mit Tagesanbruch findet der Morgengottesdienst im schwiegerelterlichen Hause statt, während die hierauffolgende Trauung in der Wohnung des Bräutigams vollzogen wird. Die Braut, deren Herzensauserwählter voranschreitet, folgt in ganz respektabler Entfernung dahinter. Die Zeremonie ist sehr einfach. Anstatt eines Ringes ist es bei den Yemeniten üblich, daß der Trauakt mittels einer Münze besiegelt wird. Die Kosten der Hochzeit fallen, wie zur Zeit der Mischnah, dem Bräutigam zu. Die „siebentägige Feier", weil schon in der Heiligen Schrift erwähnt, ist allen Schichten der jüdischen Bevölkerung *) Es war der Tag nach tischoh beow. gleich heilig. Besonders feierlich geht es zu, wenn, der Bräutigam sich das Haar schneiden läßt. Das geschieht drei Tage vor der Vermählung. Nachdem alle seine Verwandten sich versammelt haben, steckt man große Kerzen, eigens zu diesem Zwecke verfertigt, an, der Gesang2) beginnt, und der Tanz, nach orientalischer Weise, geht unter Händeklatschen, begleitet von Trommelschlägen, los. Diese Feststimmung dauert bis zur Vermählung und nach der Vermählung noch volle sieben Tage. Mit Musik, Gesang und Tanz begehen die Yemeniten auch das Beschneidungsfest. Für alle Anlässe des Lebens haben sie eigene Gesänge, verfaßt von landsmännischen Dichtern, deren manche ganz Bedeutendes leisteten. Der Yemeni singt mit großer Ekstase; er geht völlig im Gesänge auf. Alles tanzt an ihm, wenn er singt. Viele dieser Gesänge, wenn auch orientalische Gesangsweisen, entzücken geradezu, zumal, wenn der Vortragende über genügende Stimmmittel verfügt, was sehr häufig auch der Fall ist. Die Yemeniten sprechen unter sich Arabisch, im Verkehr mit andern Jehudim Hebräisch. Ihre Aussprache steht viel näher der der Aschkenasim, als der der Sephardim. Ihre Ansässigkeit in Yemen soll auf die Zeit des ersten Tempels zurückgehen. Ihre Niederlassung in Palästina datiert aus dem Anfang der Achtziger des vergangenen Jahrhunderts. Sie haben drei Quartiere inne. Das eine liegt im Südosten der heiligen Stadt, nächst dem Dorfe Siloa; das zweite, Schaare Pina genannt, im Nordosten, unweit der Vorstadt Meah Schearim; das dritte teilen, sie mit den Persern. Sie verfügen über eigne Synagogen und Talmud-Thoras, welch letztere durch nichts sich unterscheiden von den Schwesteranstalten der heiligen Stadt. Eigentümlich bloß mutet es an, wenn man beobachtet, wie zwei einander gegenübersitzende Schüler sich desselben Buches bedienen und mit gleicher Geläufigkeit darin lesen^ Der Pentateuch wird nach Saad Gaons arabischer Übersetzung unterrichtet. Handschriftlich ist 2) „Anmutige Gazella, steh* du mir bei in der Zerstreuung!" Gedichtet vonSchibzi, der auch anderweitig als einer der bedeutendsten yemenitischen Dichter bekannt ist. Angeredet wird hier dieKabalah, die tlübvJ HDDh heißt, worauf das Wort >n in vorstehender Strophe anzuspielen scheint.