Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Luxus gestattete, die Matte mit einem Teppich zu vertauschen, da fügte es sich, daß gerade dieser Teppich einem Touristen, — Herr Mussajew wird häufig von Touristen aufgesucht, — besonders gut gefallen hatte. Und der Fremde hat das Kunstgewebe — erstanden. Die Tracht der Bucharer ist fast Sommer wie Winter die gleiche. Die der Männer: eine Pelzmütze, ein gestreifter kaftanähnlicher Rock, hohe schwere Stiefel, die in Halbschuhen stecken, welche vor dem Eintritt in ein fremdes Haus, vor dem Hausflur abgelegt werden. Im Winter kommt noch ein mit Pelz gefütterter Oberrock hinzu. Die der Frauen: ein oder zwei Kopftücher, Pelzjacke, mindestens ein halbdutzend Röcke und ebenfalls hohe Stiefel. So kleiden sich auch die jungen Damen, bloß daß sie anstatt Tücher ein schiffähnliches, von Qold und Silber durchwirktes Samtköpfchen aufsetzen. Die Knaben bleiben im Cheder bis zu ihrer Verheiratung, die bisweilen im 15.oder 16., in der Regel aber erst im 18. Lebensjahre stattfindet. Die Mädchen,—abernicht alle, — besuchen eine öffentliche Schule. Vor dem 13. Lebensjahre heiratet keine Tochter. In der Bucharei gibt es verhältnismäßig viele reiche Juden, zumeistKaufleute, welche mit Rußland in Geschäftsverbindungen stehen. Darum sprechen die meisten von ihnen nebst Persisch, welches ihre Muttersprache ist, auch Russisch, Hebräisch nur die wenigsten. Religiös angelegt, liquidieren die Bemittelten ihre Geschäfte, um ihrem Herzenszuge, in Jerusalem zu leben, nachgeben zu können. Hat jemand aber Brüder oder erwachsene Söhne, so wird das Übereinkommen getroffen, daß je ein Teil der Familie abwechslungsweise in Jerusalem weilen kann, währenddem der andere daheim die Geschäfte zu versehen hat. Die bucharische Kolonie, Rechowot genannt, liegt zwanzig Minuten nordöstlich von der Stadt auf einem Hügel. Schmucke Häuser, ein bis zwei Stock hoch, breite Straßen, sauber gehalten, ist das Viertel das schönste, natürlich auch das reichste in ganz Jerusalem. Durch Eleganz zeichnen sich die bucharischen Juden im Benehmen nicht aus, wenngleich es auch nicht „devot" genannt werden kann. In bezug auf Wohltätigkeit bleiben sie weit hinter dem Europäer zurück. Die größte Gabe, die bis heute bekannt wurde, ist die Summe von 13 000 Francs die ein reicher Bucharer zum Bau des sephardischen Waisenhauses in Jerusalem gespendet hat. Jerusalem: Der Ölberg Aus welcher Zeit die erste Niederlassung der Juden in der Bucharei1) datiert, ist nicht 'bekannt. Glaubwürdige Belege gibt es dafür nicht. Auf mündliche Traditionen in derlei Sachen ist nicht» immer zu geben. Aber auch diese fehlen hier gänzlich. Indes so viel ist gewiß, daß die Juden in der Bucharei älter als das 13. Jahrhundert sind. Im Besitze des Herrn Mussajew befindet sich ein handschriftlicher, von einem Landsmanne verfaßter Pentateuch-Kommentar, der nunmehr über sechshundert Jahre alt ist, und ungefähr um dieselbe Zeit lebte und wirkte in Gurgäng (Urgendsch)2) welches einst zu der Bucharei gehört hatte, ein Gelehrter, den Prof. Bocher (ein hebräisch-persisches W.b. Budapest 1900) zu einer Berühmtheit machte. Als Schriftsteller von Bedeutung in unsern Tagen ist rühmlichst bekannt geworden: Rabbi Schimeon ha-Zaddik, der aber schon vor zwei Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Rabbi Schimeon war wirklich ein Zaddik und ein biederer offener Charakter, wie die meisten seiner Landsleute. Diesem Zweige des jüdischen Volksstammes körperlich nahe verwandt sind die Juden Georgiens, hier nach dessen persischem Namen Gurdschis3) genannt. In der Erziehung zurückgeblieben, was eine Folge ihrer schlechten Schulen sein mag, sind auch ihre Chachamim unbedeutend. Bemittelte Leute gibt es wenig unter ihnen; gleichwohl kennen sie die Chaluka bloß demNamen nach. Im Gegenteil. Die Gemeindekosten bestreiten sie aus Eignem. Unter den mannigfachen Schattierungen, aus denen die sephardische Gemeinde sich zusammensetzt, sind die Gurdschis die einzigen, welche sich freiwillig dem Zionismus anschlössen. Hauptbeschäftigung dieser Leute besteht im Hausier- und Kleinhandel. Ein wohlhabender Mann unter ihnen hat neulich eine Talmud-Thora in seinem Hause eingerichtet, deren Kosten zum großen Teil er aus Eignem bestreitet. Man hält die Gurdschis für Heißsporne. Vielleicht mit Recht. Rohheiten kann man ihnen aber keinesfalls nachsagen. Ausschreitungen zumal hat sich noch kein Gurdschi zuschulden kommen lassen, L) Zur Zeit des R. Benj. von Tudela (gest. 1173) zählte Chiwa (Khiwa), Hauptstadt des gleichnamigen Khanats im Turkestanischen, 8000 jüdische Seelen. (R. Benj. v. T. ed. Grünhut T. II, S. 72.) Über Buchara selbst liegt kein Bericht vor. 2) In dieser Gegend hat es aber sicherlich schon Juden im XII. Jahrhundert gegeben. Siehe die vorhergehende Anmerkung. 8) Georgien, asiatisch-russische Landschaft in Transkaukasien, heißt persisch Gurdschistan. Daher der Name Gurdschis.