Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41 DIE3SKELT Fassen wir also das Vorstehende zusammen, so ersieht man, daß keinerlei Schwierigkeiten bestehen, um in Palästina, der geographischen Lage entsprechend, die fehlenden Glieder der im Entstehen begriffenen Weltbahnen auszuführen. Das Oelände bietet lange nicht die Hindernisse der Alpenbahnen, es sind weder mächtige Ströme noch hohe Bergrücken oder Pässe zu übersetzen, an vorzüglichem Baumaterial im Hauran und geschickter Arbeitskraft ist kein Mangel, und die fehlenden Gegenstände können auf dem billigen Seewege leicht zugeführt werden. 1017 * Der Betrieb hat weder Lawinenstürze noch Uberschwemmungen und Schneeverwehungen zu gewärtigen, und der große Zeitgewinn gegenüber dem Seewege macht diese Linien für die herrschenden Machtverhältnisse unentbehrlich. Ein Land mit solchen wirtschaftlichen Möglichkeiten geht demnach einer aussichtsreichen Zukunft entgegen und verspricht sehr bald wieder das zu werden, was es nach den väterlichen Uberlieferungen einstens war: Das Land, wo Milch und Honig fließt. ODO ETHNOGRAPHISCHES 0 Die jüdische Bevölkerung Palästinas Ein Beitrag zur palästinensischen Volkskunde Von Dr. Lazar Qrflnhut, Jerusalem Das Golus hat, indem es uns über alle Weltteile der Erde zerstreute, uns, die einen und dieselben Leidensgenossen, die von den einen und denselben Hoffnungen erfüllt, zuversichtsvoll in die Zukunft blicken, einander völlig entfremdet. In Sprache, Tracht und teilweise auch Sitten gleicht selten ein Jude dem andern. Das eine Golusland hat seinen Juden eben das Gepräge aufgedrückt, wodurch es sich von dem andern Goluslande unterscheidet. Diese Wahrnehmung macht man namentlich in der heiligen Stadt, indem deren jüdische Bewohner ein Konglomerat von verschiedenen Landsmannschaften darstellen. Man schätzt, — eine Statistik kennt man vorläufig hier noch nicht, — die hiesige jüdische Bevölkerung auf fünfzigtausend Seelen. Das kommt der Wahrheit sehr nahe. Aber nur die wenigsten davon sind auch Jerusalemer Juden in des Wortes engster Bedeutung, während der bei weitem überwiegende Teil sich entweder als Russen,! Österreicher, Rumänen, Ungarn, Deutsche, Holländer, Amerikaner, — Engländer und Franzosen gibt es keine, — oder sonstwie fühlen. Daß die Eingewanderten den heimatlichen Schutz nicht aufgegeben, hatte das alte Regime verschuldet. Ausschlaggebend war indes und blieb bis auf den heutigen Tag auch hier die Chaluka. Dem Mutterlande liegt es ja doch in erster Linie ob, seine eignen Armen im heiligen Lande zu versorgen. Anders darum ist es in den Kolonien. Verschiedene Elemente trifft man ja auch dort an. Weil aber von der Chaluka unabhängig, schmolzen sie allmählich zu einem Ganzen zusammen. Nicht so in den Städten. Jerusalem vollends ist innerlich so zerrissen und zerklüftet, wie es ärger nicht mehr kommen kann. Wie wäre es da auch anders möglich, all die Leute mit so vielen Sonderinteressen unter einen Hut zu bringen? Wenn ich mich nun anschicke, über die jüdische Bevölkerung Palästinas zu schreiben, so darf der Leser durchaus kein einheitliches Bild von mir erwarten. Was ich zu leisten vermag, kann nach dem Vorhergesagten lediglich darin bestehen, daß ich es versuche, ein Gebilde, auf rein objektiven Wahrnehmungen beruhend, getragen von den mannigfachsten Gruppen, wie sie hier eben in die Erscheinung treten, zu liefern. So oft von den Juden Palästinas die Rede ist, hört man einen Unterschied machen zwischen Aschkenaßim1) und Sephardim. Das stimmt allerdings, nur vergißt man, dabei zu betonen, daß Yemeniter *) (2300), Perser (300), Kurdschistaner (300), ßucharer (300), Syrer, Babylonier, Orphalier (250), Marokkaner, Maghrebiner (1200 Seelen) auch zu den Sephardim (7000 Seelen) zählen. All diese Gruppen vereinigt der gemeinsame Ritus, der sogenannte -n?D rou (Nuszach sephorod). Was sie ferner Gemeinsames miteinander haben, ist die große Anhängerschaft an die Kabalah. Rabbi Schlomo Mussajew, ein reicher, aus der Bucharei stammender Jude in Jerusalem, mit Bet- und Lehrhaus im eignen Hause, das eine Bibliothek der ausgesuchtesten Druckwerke nebst einer Handschriftensammlung birgt, wie sie in gleichartiger Reichhaltigkeit nur selten gefunden wird, hat sich vom Geschäfte zurückgezogen, um sich um so ungestörter seinen Lieblingsstudien hinzugeben: der Kabalah. Zwei Chachamim, Sephardim, von Reb Schlomo materiell unterstützt, verbringen täglich einige Stunden in dessen Lehrstube, dem Studium des Sohar obliegend. Mussajew ist ein reicher Mann, das sieht man allerdings seiner Behausung nicht an. Ein einfacher kunstloser Tisch, über den eine reiche persische Decke gebreitet ist, einige Holzstühle, die Wände mit gewirkten teuren Tüchern, in der Bucharei gearbeitet, behangen, ein großer persischer Teppich von der feinsten Sorte über den Steinboden des Zimmers gebreitet, an dessen vier Seiten arabische Sophas sich hinziehen, —das ist das Meublement der sogenannten guten Stube unseres Herrn Mussajew. Dafür aber birgt das Nebenzimmer einen reichlichen Schatz, eine großartige Sammlung von Münzen, Schmucksachen und anderer sehr wertvolle Antiquitäten, die eine wahre Sehenswürdigkeit bilden. Unser Reb Schlomo, der auch schon literarisch tätig war, ist ein großer Kunstfreund und Kunstkenner. Soll er einmal einen Kunstgegenstand verkaufen, so muß er dabei seine Rechnung finden. Früher, vor vielen Jahren, hatte sich Herr Mussajew noch mit einer Rohrmatte auf dem Fußboden begnügt. Und nachdem er sich den *) (Qen.X, 3) übersetzen die alten Bibelausleger: Germania und -n£D tObad. 20;: Hispania. 2) Die Zahlen haben bloß für Jerusalem Gültigkeit.