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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 20

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1016 DIE^ELT No. 41 geänderten Verhältnisse hinweisen, welche kriegerische Zusammenstöße der in Betracht kommenden Reiche für längere Zeit ausschließen. Die Kriege des Altertums und Mittelalters waren ja doch mehr oder weniger Raubzöge, und ohne zu großen Optimismus dürfen wir doch hoffen, daß solche im Zeitalter der Schiedsgerichte und Friedenskongresse und was noch wichtiger ist, der zunehmenden Demokratisierung auch des Orients, kaum zu befürchten sind. Ein Interessengegensatz zwischen dem englischen Ägypten und der konstitutionellen Türkei ist kaum zu befürchten, und auch die europäischen Mittelmeerstaaten werden kaum je in die Lage kommen, ihre Heere nach Palästina zu führen. Was die Qegner Palästinas Pufferstaat nennen, ist nur eine mißgünstige Umschreibung des natürlichen Merkmales eines Knotenpunktes für den Verkehr dreier Weltteile. Die Gerechtigkeit muß dem abgesetzten Sultan Abd'ul Hamid das Verdienst zuschreiben, sich mit dem Bau der Hedschasbahn ein würdiges Denkmal gesetzt zu haben. Mögen die Beweggründe welche immer gewesen sein, so ist es Tatsache, daß kein Eisenbahnunternehmer der Welt mit so lächerlich geringen Geldmitteln, ohne dem Staate eine Schuldenlast aufzubürden, einenso großartigen Bahnbau ausgeführt hat. Für uns Zionisten sehe ich darin ein äußerst ermutigendes Beispiel, welcher Leistungen ernste Willenskraft und ideale Begeisterung für ein Unternehmen bei noch so bescheidenen Hilfsmitteln fähig sind; es ist dies ein wirksames Gegengift für das so demoralisierende und zum Schluß entmutigende Heranziehen der Ica-Millionen in den Kalkül unserer Bewegung. Heute ist die ansehnliche 2200km lange Eisenbahnlinie von Damaskus nach Mekka und Medina eine vollendete Tatsache, die nebst der Beförderung der Mekkapilger noch die nicht zu unterschätzende politische Bedeutung hat, daß sie die Beduinenstämme dem türkischen Reiche näher gebracht und zur Konsolidierutig des Staates beigetragen hat. Seit ihrer Begeisterung bei Eröffnung der Bahn haben diese Stämme ihre früher so beliebten Überfälle auf die Fellachen eingestellt. Ihr damaliger Zuruf „Allah jansar sultanena" war förhilich ein Eidschwur auf die Reichstreue. Nicht minder wichtig ist diese ganz Palästina der Länge durchziehende Linie als Stammlinie eines die drei Weltteile verbindenden Bahnnetzes. Schon heute verbindet sie das Mittelländische Meer mit Syrien, Mesopotamien und der arabischen Halbinsel unter Vermittlung der Zweigbahnen Beyrut-Damaskus und Haifa- Dera'a, letztere auf kürzerem Wege als die kostspielige Gebirgsbahn Beyrut-Damaskus, welche überdies einer Privatgesellschaft gehört, daher vor allem auf Gewinn ausgehen muß, während die staatliche Hedschasbahn idealen und Reichsinteressen dient. Der beste Kenner des osmanischen Reiches und Volkes, General von der Goltz, der die ganze Linie eingehend studiert hat, macht mit Recht darauf aufmerksam, daß in dem glaubensstarken Orient Möglichkeiten vorhanden sind, die dem kühl rechnenden Abendländer unbegreiflich sind. Nur von diesem Gesichtspunkte aus ist es zu begreifen, daß man mit dem Ertrage aus dem Verkauf der Lammfelle vom Kurban Bairam eine Weltbahn erbauen konnte, ohne Börse und Gründergewinne. Die Anschlußbahnen, welche das europäische Festland mit der Hedschasbahn verbinden sollen, sind unter dem Namen Bagdadbahn bereits im Bau. In nicht zu ferner Zeit werden europäische Eisenbahnzüge, sei es mittels Dampffähre, wie zwischen einzelnen Ostseehäfen, sei es über die projektierte Bosporusbrücke und die anatolische Bahn bis zur Abzweigstation Biredjik und von da über Damaskus, Dera'a, Kerak, Ma'an bis Mekka und Medina rollen. Welche Mächte an diesen Weltverbindungen am meisten interessiert sind, braucht wohl nicht erst ausgeführt zu werden, gewiß die Türkei an erster Stelle. Aber auch die erste Weltmacht, in deren Staaten die Sonne tatsächlich niemals untergeht, die in Indien ihre Oberhoheit über 200 Millionen Menschen zu verteidigen und mit diesem ausgedehnten Gebiete einen großartigen Güteraustausch zu pflegen hat; die Süd- und Ostafrika beherrscht und in Nordafrika großartige Kulturwerke geschaffen hat, die zu erhalten und zu verteidigen sind; diese Macht hat das größte Interesse, die Zwischenräume zwischen ihren Gebieten in den drei Weltteilen möglichst abzukürzen und zu diesem Zwecke ist noch immer die Eisenbahn das sicherste und verläßlichste Mittel. Zu diesem Zwecke wird die Eisenbahn von Kapstadt nach Kairo geplant, und deren Verbindung mit dem asiatischen Eisenbahnnetze bildet ein bis ins Detail ausgearbeitetes Projekt. Hiernach wird die sogenannte Überlandbahn nach Indien ihren Ausgangspunkt in Alexandrien nehmen, das ja mit Kairo bereits verbunden ist. Von hier führt schon jetzt eine Linie nach Ismailia uncf El Kandarah, wo die Karawanenstraße nach Palästina den Suezkanal kreuzt. Über oder unter dem Suezkanal hinweg wird sie durch die Wüste Et-Tib nach El-Arisch an die ägyptische Grenze führen und sodann annähernd dem 31. Grade folgen, bis sie in einer Entfernung von rund 1100 km von El-Arisch das Euphratufer bei Naserie erreicht. Von El-Arisch geht die Trasse über Gaza und Jaffa einerseits, andererseits direkt nach der Bodensenke zwischen dem Toten Meer und Akabah, welche 160 km östlich von El-Arisch überschritten wird. Von hier bis zur Hedschasbahn ist eine Entfernung von 70 km. Nachdem die Linie den ^adi Sirhan, einen Nebenfluß des Jordan, überschritten, erreicht sie die Hochebene von EI Hamad, die sich bis zum Euphrat erstreckt. Diese Ebene ist gut bewässert und bewohnt. Von Naserie folgt sie dem Euphrat und Schat-el-Arab, überschreitet letztern bei Bassorah. Von da findet die Linie ihre Fortsetzung in den Bahnen Persiens und Beludschistans bis Kurachee. Die Länge von der türkischen zur indischen Grenze beträgt 2400 km, vom Suezkanal zur türkischen Grenze 1600km. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km in der Stunde kann die Strecke Alexandrien- Kurachee in 3V2 Tagen, der ganze Weg von England nach Kurachee in 61/« Tagen zurückgelegt werden. Bei diesem Weltverkehr wird Palästina als Zentrum des Netzes eine wichtige Rolle spielen, da die Produkte dreier Weltteile sich auf diesem Gebiete vereinigen und dadurch auf Gewerbe und Handel helebend einwirken werden. Dann wird aber auch ein ausgedehntes Netz von Zweigbahnen die unbedingte Ergänzung bilden, zu welchen in erster Linie die Libaftonbahft Tiberias-Hasbeja zu zählen ist, welche dem Lande die Herrlichkeiten der Jordanquellen und deren ausgiebige Wasserkräfte erschließen wird. Dann wird sich die Voraussage Georg Ebers bewahrheiten, daß die Europäer die verjüngenden Kräfte des Libanongebietes zur sommerlichen Erholung aufsuchen werden, wenn diese Gegend erst den modernen Anforderungen gerecht werden wird.

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