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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 41 DiE2§g€LT: 1015 Philosophie losgesagt hat, um Gott nicht in Analogien und Deduktionen zu suchen, sondern in der Tiefe des Qemüts und im sittlichen Bewußtsein des Menschen, — auch die Kabbala hat sich viel mit dem heiligen Lande befaßt; Qeht für sie die Erkenntnis nicht bloß von den Verstandsbegriffen aus, von der Operation der Vernunft, sondern zum größten Teil von einer innern Erleuchtung, von der Aufhellung des göttlichen Geistes im Menschen, so ist es ja selbstverständlich, daß diese Art prophetischen Schauens am besten im Lande der Propheten möglich ist. Da glimmen ja sozusagen noch einzelne Funken dieses göttlichen ewigen Feuers, wo sie nur aufgenommen und angefacht werden müssen. Da ist Gott dem Menschen viel näher als überall. Jehuda ha-Levi hat in seiner religiös-nationalen Begeisterung den Gedanken ausgesprochen, daß auf dem Boden des heiligen Landes sich das Göttliche und Menschliche am innigsten berühre. Die Kabbala hat diese Idee aufgenommen und weiter entwickelt. Alles menschliche wahre Wissen ist durch Gott, in Gott und mit Gott. Dieses Aufleuchten des göttlichen Geistes im Menschen kann man nur in Palästina erhoffen. Der schwärmerische Religionsphilosoph Nachmanides, der in allen Erscheinungen das Tiefe und Mystische suchte, der auf die Sprache des Geheimnisvollen lauschte, der nicht die. Philosophie der Klarheit suchte, sondern die des. Halbdunkels, das seinen geistigen Augen so wohl tat, — dieser Philosoph verließ eines Tages seine nordspanische Heimat, nachdem er noch dem König und dem Hof manche Wahrheiten über religiöse Fragen gesagt hatte, und wanderte nach dem Lande, wo man im tiefsten Dunkel so hell sieht, wo der heilige Geist den Menschen überwältigen kann. Aufs tiefste verwundete ihn der Anblick des nach den Kreuzzügen und den mongolischen Verheerungen verwüstet liegenden Landes. Je heiliger eine Ortschaft ist, klagte er schmerzlich, desto größer ist seine Verödung. Und aus seinem Schmerz rangen sich die bittern Worte hervor: Unsere Mutter Palästina gleicht jetzt einem Weibe, dem das neugeborene Kind entrissen ward, und das nun, um Erleichterung zu finden, junge Hunde säugt. In spätem Jahrhunderten bildete Palästina das Ziel der Wanderung für alle Religionsphilosophen, die sich nach Gott sehnten und Gott schauen wollten. Ein „Kabbalistennest" nannten rationalistische Historiker höhnend den heiligen Boden. Sie konnten es nicht begreifen, daß feinfühlige Menschen nur in der Heimat neue Kraft für geistige Schöpfungen zu gewinnen hoffen. Am Tiberiassee hatte Isaac Luria Visionen, die er nicht in Worte kleiden konnte, deren Inhalt durch schriftliche Niederlegung nur vergröbert wurde. Und der große neuere hebräische Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, Mose Chai'm Luzzatto, der in seiner italienischen Heimat und später auf deutschem Boden verkannt wurde und den härtesten Verfolgungen ausgesetzt war, wandte sich, als er endlich in Amsterdam Ruhe gefunden hatte, sehnsuchtsvoll nach dem heiligen Lande, wo allein er das klar zu sehen hoffte, was ihm außerhalb Palästinas verborgen geblieben war. Dieser große Dichter und Theosoph, der in seiner Heimat soviel produzierte, um dafür unausgesetzt verfolgt zu werden, lebte dann in seiner geistigen Heimat in stiller Beschaulichkeit. Da hat er Gott geschaut, und darüber schwieg er! Die letzte religiöse Bewegung im Judentum, die aus einem innigen religiösen Gefühl und nicht aus einem „praktischen Bedürfnis" hervorgegangen war, die chassidische, wandte ebenfalls ihre Blicke auf Palästina. In der slavischen Heimat verfolgt, aufs heftigste angefeindet, verdächtigt und verleumdet, immer im Kampf und im Streit, suchte sie in Palästina Ruhe und Sammlung. Viele der bessern unter den Führern dieser Bewegung, denen der ewige Kampf mit allen seinen vergiftenden Folgeerscheinungen verhaßt war, verließen die Heimat, um in der alten Heimat des jüdischen Volkes ungehindert nach eigner Anschauung leben und glauben zu dürfen. Die erste Ansiedlung deutsch-polnischer Juden in Palästina haben wir zum größten Teil der chassidischen Bewegung zu verdanken, wie überhaupt auch die ältere sephardische Ansiedlung auf die Lurianische Kabbala zurückzuführen ist. Das Heilige Land war stets der Zielpunkt aller Juden, denen das Judentum nicht bloß Gewohnheitssache war. Dort sollte ihnen das Judentum eine Wahrheit werden, und dort hofften sie vom prophetischen Geist Israels, der nie erloschen ist, erwärmt und erleuchtet zu werden. Alle großen Erscheinungen im jüdischen Volke, alle schöpferische Kraft im Judentum, gingen aus dem Lande hervor oder gravitierten nach dem Lande, von dem der Patriarch einst gesagt hat, als er sich anschickte, diesen Boden zu verlassen: „Das ist nicht anders als ein Gotteshaus, und da ist das Tor des Himmels." Palästina ist das Land der Religionsgeschichte im allgemeinen und noch mehr insbesondere der Heimatboden des Judentums in seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung. Palästina,, ein Knotenpunkt des Weltverkehrs Von Oberingenieur Josef Lau Der schmale Landstreifen zwischen dem Mittelländischen Meere und der großen arabischen Wüste, der die Sinaihalbinsel mit Syrien verbindet, ist von Natur aus die Verbindungsbrücke dreier Weltteile, an der ein Vorübergehen ausgeschlossen ist. Die Verkehrswege der drei Erdteile müssen unbedingt auf dieser Brücke zusammentreffen, und tatsächlich haben die Heere Ägyptens, Assyriens, Persiens und Roms seit den ältesten Zeiten Palästina als Durchzugsland benützen müssen. Der Rückgang während der letzten Jahrhunderte ist nur darauf zurückzuführen, daß die einst mächtigen Nachbarreiche in Schwäche verfallen waren, wodurch auch das Verkehrsbedürfnis abgenommen hatte. Inzwischen ist in Ägypten eine andere Weltmacht ans Ruder gelangt, und auch die Türkei beginnt die reichen Hilfsmittel ihres Ländergebietes zu würdigen. Als nächste Folge sehen wir die Ingriffannahme von Eisenbahnbauten, die jetzt zwar erst die ersten Stadien eines Verkehrsnetzes bilden, das jedoch mit der Zeit gerade für Palästina von hervorragender wirtschaftlicher Bedeutung zu werden verspricht. Oberflächliche Politiker haben Palästina in tendenziöser Weise einen Pufferstaat genannt und ihm dadurch die Kultlirfähigkeit im modernen Sinne absprechen wollen, weil ja die materielle Kultur ein Produkt friedlicher Arbeit ist und diese in einem Staate, der — wie in frühern Zeiteq— den Begegnungsort der Heere seiner mächtigen Nachbarstaaten bildet, stetigen Gefahren ausgesetzt sei. Demgegenüber dürfen wir auf die 2*

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