Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1014 DIEJ^KLT No. 41 den Festkalender nur fakultativ eingerichtet, für den Fall, daß dessen alljährliche Feststellung in Palästina durch Störungen von außen unmöglich und hauptsäch^ lieh für die Juden in der Diaspora nicht erreichbar sein sollte. Aber im Laufe der Zeit sank die alte ehrwürdige Einrichtung zu einem bloßen Formalismus herab, und am Ende emanzipierte sich die babylonische Hochschule ganz von Palästina und vernichtete damit den wichtigsten Teil der alten Vorherrschaft des heiligen Landes über die Länder der Diaspora. Die neueste Forschung hat mit Gewißheit ergeben, daß dieser Vorgang sich unmittelbar vor der eingetretenen Spaltung zwischen dem talmudischen und dem karäischen Judentum abgespielt hat, und er war zweifellos in diesem Kampfe von großer Bedeutung. Die Karäer stellten auch die alte Ordnung des Festkalenders wieder her und machten ihn vom heiligen Lande abhängig. In ihrer Polemik gegen die rabbinischen Juden, insbesondere gegen die Vorsteherder babylonischen Hochschule, äußerten sie sich mit voller Erbitterung über die Neuerung, die ihnen als eine schmähliche Degradation des heiligen Landes erschien. Zweifellos lag ja im neuen Kalender eine bewunderungswürdige Leistung; er ist5 den Anforderungen der Zeit angepaßt, und was noch mehr ins Gewicht fällt: er war unter den damaligen Verhältnissen unentbehrlich. Aber volkspsychologisch ist doch der Widerspruch der Karäer verständlich und auch sympathisch. Man sträubte sich gegen die Preisgabe des heiligen Landes, des Bodens, in dem nicht nur unser geschichtliches Leben so tief wurzelt, sondern auch unser religionsgeschichtliches, von dem man noch so viel erwartete und erhoffte. Im Bewußtsein des jüdischen Volkes lebte die feste Überzeugung, daß dereinst auf diesem heiligen Boden die Prophetie wiedererstehen werde. Die karäische Bewegung, die noch nicht in allen psychologischen Tiefen vorurteilslos erforscht ist,brachte auch eine Bewegung zugunsten des heiligen Landes. Das halb vergessene Palästina wurde wieder in Erinnerung gebracht. Viele Karäer wanderten dorthin, unstreitig in erster Reihe aus religiösen Motiven. Nur dort erwartete man eine neue göttliche Inspiration. Wir haben den Eindruck, als ob Brüder in der Fremde in heftigen Streit untereinander geraten sind, und die einen die Schwächern sind und im Streit zu unterliegen Gefahr laufen; da machen sie sich auf und kehren in die Heimat zurück, — in das halb verfallene, so traurig verödete Vaterhaus. Da hoffen sie ihren Frieden und neue Kraft zu finden. Aber es waren nicht bloß die Karäer, die in Palästina die Verjüngung des Judentums, die Erneuerung seiner seit einiger Zeit erlahmten schöpferischen Kraft erhofften. Das ganze jüdische Volk hing noch mit Liebe an der alten Heimat, sie galt ihm noch immer als der Boden des Judentums. Und in der Tat entstand bald in Palästina neues geistiges Leben, indem beide feindliche Parteien, talmudische und karäische Juden, miteinander wetteiferten. Die talmudischen Juden hatten den Vorteil, daß sie die Agada nicht verschmähten, was die Karäer, töricht genug, -inblindem Parteihaß taten. Mit den Karäern gemeinsam förderten sie das Bibelstudium, das Jahrhunderte hindurch, arg vernachlässigt war: Und aus all diesen rein wissenschaftlichen Bestrebungen entstand auf dem Boden des Judentums eine neue köstliche Frucht, — die religiöse Poesie. Die Propheten Israels haben nur in Palästina oder wegen Palästinas die prophetische Gabe erlangt, — haben die Alten angenommen. Vor unsern Augen steht jetzt eine neue Erscheinung, an deren Richtigkeit nicht gezweifelt werden kann. Es liegt in diesem Fall keine religiöse Mystik vor, sondern greifbare Geschichte. Die herrliche nationale und religiöse Poesie des Mittelalters, die größte geistige Schöpfung des Judentums in der Diaspora, steht auf palästinensischem Boden und hat ihn zur hauptsächlichen Voraussetzung. Es hat nichts auf sich, daß nur die wenigsten unserer großen nationalen Dichter im heiligen Lande gelebt haben. Wenn sie nicht in Palästina die Weihe der nationalen Dichtung erhalten haben, das Ideal ihrer Schöpfungen war Palästina. Die Liebe zur geschichtlichen Heimat gab ihnen die süße Sprache, die vollendete Formschönheit der Poesie, den hohen Gedankenflug, die geradezu prophetische Begeisterung. Sie lebte in den herrlichsten Erinnerungen der Vergangenheit und in der frohen Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Jehuda ha-Levi verzehrte sich in der Sehnsucht nach dem Heiligen Lande. „Mein Herz ist im Osten, und ich bin im Westen", sang er. Sein religionsphilosophisches Buch „Kusari", die einzige Apologie nicht nur des Judentums, sondern auch des jüdischen Volkes, klingt aus in einem begeisterten Hymnus auf das Land der Väter, auf den Boden, der die schönsten und herrlichsten Früchte dem jüdischen Volke gebracht hat. Die Göttlichkeit ruht noch immer auf diesem Boden, und wer dort weilt, schaut Gott. Er schließt seine Worte mit einer bittern Selbstanklage, daß er bei solcher Liebe zu Palästina in der Fremde weilt. Er eilt nunmehr dorthin, das Land seiner Sehnsucht zu schauen. Die Reise des großen gefeierten Dichters nach dem Morgenlande glich einem Triumphzug. Die besten Männer des jüdischen Volkes wetteifern darin, den Dichter zu feiern, aber er wird dadurch von seinem heiß ersehnten Ziel abgehalten. Man will ihn gar überreden, dieses Ziel aufzugeben. Da bricht die dichterische Kraft in einem begeisterten Hymnus auf das Heimatland hervor. Schöneres und Bezaubernderes hat die hebräische Poesie niemals hervorgebracht. Selbst ein Dichter, der nicht so tief im traditionellen Judentum wurzelt wie Jehuda ha-Levi, selbst der kühne, pantheistische Philosoph Salome, ibn Gabirol, der Gott überall und in allem fand, das heilige Land, der Boden der Geschichte Israels begeistert ihn zu poetischen Schöpfungen, die einzig in ihrer Art sind. Jehuda ha-Levi war der große religiös-nationale Dichter Israels, Salomo ibn Gabirol war kein religiös-nationaler, sondern ein religiöser und nationaler Dichter von seltenem Schwung und seltener Tiefe. Seine Religion ist universell, sein Gott ist der Gott des Alls, aber der nationale Dichter in ihm ist jüdisch-palästinensisch. Noch in später Zeit hat der Boden Palästinas als einen der letzten Ausläufer der hebräischen religiösen Poesie den Dichter Israel Nagära erstehen lassen, der dieses Land wie eine inniggeliebte Braut besang, mit der ganzen Glut der heißen orientalischen Liebe. Die-Agada und die religiöse Poesie sind Früchte, die der palästinensische Boden hervorgebracht hat, aber auch die Kabbaia, die, innige Religionsphilosophie, des Judentums, die sich von.den Syllogismen der griechischen