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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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*w No. 4i DIBBELT 1013 In der ganzen Judenheit blickte man mit Liebe und Ehrfurcht auf das heilige Land, auf dessen Boden einst die Väter gewandelt haben, und auf dem, wie man fest glaubte, Gottes Herrlichkeit und der prophetische Geist noch immer ruhten. Wer aus Palästina kam, wurde ohne Widerspruch in der Judenheit aufgenommen. Die letzte große Schöpfung aus Palästina war noch die genaue Feststellung des Bibelkanons, des Textes des heiligen Schrifttums, — bis auf das „Pünktchen über dem i", die Einführung der Vokalisation und der Interpunktion, so sehr man sich auch in Babel anschickte, sich dagegen aufzulehnen. Die Autorität des heiligen aus der Zeit, wo Israel frei und glücklich war, „jedermann unter seinem Weinstock oder im Schatten seines Feigenbaums, und niemand wagte ihn aufzuscheuchen". Aber die harte Notwendigkeit, die in den Verhältnissen lag, war doch zu mächtig. Palästina verlor seine geistigen Vorrechte allmählich. Um die Zeit des Kaisers Julian, den sie den „Apostaten" nennen, mußte sich der damalige Patriarch entschließen, einen festen Festkalender einzusetzen, um die Festfeiern nicht mehr von widrigen Zufällen abhängig sein zu lassen, wie es bis dahin der Fall war. Es war dies ein schwerer und folgenreicher Schritt. Das heilige Land hat damit in E. M. Lilien Jerusalem vom Dache eines Hauses gesehen*) Landes, „dessen Luft weise machte", wie es damals hieß, genügte, um mancher Neuerung Eingang zu verschaffen. Der schöpferische Geist derpalästinensischen Judenheit war auch unter den widrigsten Verhältnissen tätig, und als eine würdige Fortsetzung des Prophetentums schuf er die unvergängliche Agada. Der Ausspruch, daß die „Luft Palästinas weise mache", schien auch seine volle Berechtigung zuhaben. Solche Volkspoesie, köstlich an Inhalt und Form, entstand auf dem Boden, wo das Volk in der drückendsten Armut lebte, wo die Verfolgungen unerträglich waren, wo die Demütigungen, denen das Volk unaufhörlich ausgesetzt war, um so drückender und erdrückender sein mißten, als sich die zeitgenössische Judenheit stets der einstigen nationalen Größe in frühern Jahrhunderten erintw^fe^ — gewissem Sinn selbst seine Dekapitalisierung beschlossen, „Gottes Herrlichkeit wanderte in das Exil", wie sich die Agadisten in solchem Falle auszudrücken pflegten. Einst, in den Zeiten des schweren Kampfes unter Bar Kochba, hatte der gefeierte Rabbi Akiba ausnahmsweise ein Gleiches getan und für das laufende Jahr den Festkalender im Auslande festgestellt. Die außerordentlichen Vorgänge ließen diesen Schritt gerechtfertigt erscheinen. Als aber später ein anderer Lehrer dasselbe tun wollte, nahm man es ihm sehr übel. Und im übrigen scheint der Patriarch Hillel IL, der Freund Julians, dabei sehr schonend verfahren zu haben. Er hat, wie mich dünkt, *}.Mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers und des Verlags Westermann in Braunschweig aus dem Ende Oktober erscheinenden neuen Bibelbande.

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