Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316447--53800-3347569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Grenzen Palästinas, bestehen kann, aber seine Lebenskräfte saugt es aus dem Boden des heiligen Landes. Man dachte sich diese Religion als einen Baum, dessen Wurzel im palästinensischen Boden steckt, von wo aus seine Zweige weit hinausranken. Die schöpferische Kraft des Judentums liegt in seinem Heimatlande. In ziemlich früher Zeit hat das Judentum eine neue Religionsidee entwickelt, mit der es, wie in so vielem, eine Umwälzung im Reiche der Ideen hervorgerufen hat. Die Religion war in alten Zeiten von dem nationalen Leben unzertrennlich; sie war gleichsam in den geographischen Schranken eines Landes eingeengt. Wer seine Heimat verließ, verließ damit auch seine Religion, seine Gottheit, um sie gegen die Religion und die Gottheit seiner neuen Heimat auszutauschen. Das Judentum hat zum erstenmal die Idee entwickelt, daß die Religion, die innigen Beziehungen des Menschen zu Gott, nicht etwas Äußerliches sei, was gewechselt werden könne, sondern mit dem Menschen und mit seinem innern Wesen unauflöslich verbunden ist. Man kann seine Religion ebensowenig aufgeben, wie man sein eignes Ich aufgibt. Darin offenbarte sich, nachdem die kulturgeschichtliche Entwicklung des jüdischen Volkes weit gediehen war, der Charakter dieses Volkes: die Wahrung der eigenen Individualität. Außerhalb der Grenzen Palästinas konnte der Jude in seinem religiösen Leben gar nicht verstanden werden. Es kam den Leuten sonderbar vor, daß er gleichsam ein Stück Heimatland mit sich trug. In der Fremde leben und dabei seine eigne Religion, die in Palästina wurzelt, weiter verehren, mußte sehr verwunderlich erscheinen. Wie man sich zu dieser fremdartigen Erscheinung stellte, das hing von verschiedenen Umständen und Zufällen ab. Aber jedenfalls stand sie in schroffem Widerspruch zu der gewohnten Vorstellungswelt der zivilisierten Völker. Man konnte nicht begreifen, wie ein Volk in der Fremde lebte, mit all seiner Kultur aber den heimatlichen Boden nicht verlassen hatte. Das Gefühl der geistigen Zugehörigkeit des ganzen jüdischen Volkes an Palästina war so stark, daß es die Juden in der Fremde selbst nach Jahrhunderten nicht verließ. Es bewahrte die Juden in der Diaspora, mitten in einer fremden Umgebung und in einer fremden Kultur, vor der völligen Loslösung von der Heimat und von dem nationalen Körper. Die geistige Herrschaft der palästinensischen Judenheit über die zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes hielt sich noch mehrere Jahrhunderte nach der Auflösung des jüdischen Staates, selbst als die jüdische Bevölkerung in Palästina stark abgenommen hatte. Man kann nicht behaupten, daß dies nur ein bloßer Zufall gewesen wäre. Bei der heißen Liebe des jüdischen Volkes zu seiner Heimat wurden mehrere Einrichtungen getroffen, um die religiöse Vorherrschaft Palästinas zu sichere, als die politische längst vernichtet war. Man konnte die Juden von ihrem Boden verjagen und in die Verbannung schleppen, man konnte mit der größten Strenge darauf bedacht sein, jeden Rest von politischer Selbständigkeit des jüdischen Volkes zu vernichten, aber Palästina blieb doch das „Land Israels", weil es das Land seines religiösen Lebens, seines Kulturlebens war und blieb. Nach dem unglücklichen Krieg (66—70) mit Rom wurden gewisse Normen festgesetzt, durch die man die geistige Superiorität Palästinas wahrte. Im übrigen ist es auch ein Irrtum, wenn angenommen wird, die Juden hätten leichten Herzens den materiellen Boden des Heimatlandes aufgegeben und sich mit dem geistigen Vaterland abgefunden. Wer den Talmud und den Midrasch kennt, weiß zur Genüge, mit welcher heißen Liebe das jüdische Volk an dem Boden Palästinas hing, und welche Maßregeln getroffen wurden, um den Boden in jüdischen Händen zu behalten oder zurückzuerobern. Hat man doch gestattet, selbst die Sabbatruhe zu verletzen,, um den Rückkauf des Bodens aus heidnischem Besitz zu vollziehen. Und selbst als sich die jüdische Ansiedlung nicht mehr halten konnte, weil die Verhältnisse in der alten Heimat gar zu traurig wurden, hat das jüdische Volk lieber auf eine religiöse Einrichtung verzichtet, als sie von dem Boden Palästinas loszulösen. Man trug Scheu, das heilige Land gleichsam zu dekapitalisieren, dasselbe Land, das mitunter von der jüdischen Bevölkerung ganz entblößt war. Die Liebe und die Verehrung wurde auf die Scholle übertragen, auf die Scholle, auf der jetzt Fremde saßen. Palästina sollte doch der Mittelpunkt des jüdischen Volkes und der Sitz der geistigen Führung bleiben. Ein wichtiger Vorzug des heiligen Landes im religiösen Leben der Juden war dessen Vorrecht, daß nur auf seinem Boden ein legales jüdisches Synedrium tagen und Entscheidungen treffen konnte. Volle richterliche Gewalt, sogar auch für Zivilgerichtsbarkeit, soweit sie die Juden in der Diaspora ausüben durften, hatten nur die in Palästina ordinierten Richter. Eine große Rolle spielte die Feststellung des Festkalenders, ein Vorrecht, das nur Palästina besaß und das es nicht preisgeben wollte, selbst als sich die Verhältnisse sehr geändert hatten. Man hätte es in der ganzen Judenheit als ein frevelhaftes Attentat auf das historische Land betrachtet, wenn von jemandem eines seiner Vorrechte zerstört worden wäre. Selbst die Exilarchen in Babylonien und die Vorsteher der beiden babylonischen Hochschulen, die große Autorität und Macht besaßen, wagten nicht, Rechte an sich zu reißen, die dem heiligen Lande ausschließlich gehörten. Im Volke lebte die Überzeugung, daß nur auf dem heiligen Boden der prophetische Qeist ruhe, daß sich Gott dem jüdischen Volke nur in Palästina oder wegen Ereignisse, die mit diesem Lande in Verbindung standen, offenbart habe. Der dogmatische Spruch, wenn ich mich so ausdrücken darf, lautete: „Alle Propheten des jüdischen Volkes haben Qottes Weisungen entweder in Palästina oder wegen Palästinas erhalten." Unter solchen Umständen war eine schöpferische Fortentwicklung des Judentums in der Fremde nicht denkbar. Ich bin davon überzeugt, daß bei der Spaltung zwischen talmudischen und karäischen Juden in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts, die solch heftige Stürme in der Judenheit hervorgerufen hat, die Liebe zum heiligen Lande eine große Rolle spielte. In vielfacher Beziehung war es ein Kampf um das heilige Land und um dessen unantastbare Privilegien. Ich habe bereits gesagt, daß die babylonische Judenheit seit jeher den Versuch gemacht hat, die geistige Führerschaft des jüdischen Volkes an sich zu reißen. Es ist merkwürdig, daß die palästinensische Judenheit dagegen nur schwachen Widerstand leistete; sie war eben zu schwach, zu arm, „von der Knechtung zu sehr krank", wie sich die Agada in rührender Klage ausdrückt, um sich gegen diese Usurpation zu wehren. Andererseits schien dies auch gar nicht so dringend nötig zu sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.