Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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entluden. Sabbathai Zwi stand in ihrem Mittelpunkt. Das Wunderbare schlug wieder in heller Flamme aus der Sehnsucht des Volkes hervor und umspielte den blutleeren Träumer eine Zeitlang mit ihrem heroischen Schein. Und das Bedürfnis nach dem Wunderbaren war so stark, so sehr hatte sich die leidenschaftliche Sehnsucht der Heimatsucher in seinem Glänze gefangen, daß es seinen gaukelnden Träger überwand und sich in die Kleinmünze des Alltags umprägte (Jonathan EibenschiUz). Das Ideal war heruntergearbeitet. Die Phantasie, die stärkste Trägerin nationaler Leidenschaft, hatte den Formsinn verloren, und obwohl 100 Jahre später das Bubenstück des Jakob Frank, das sich zu Sabbathais Zauberkünsten wie das Plagiat zum Original verhält, die nationale Leidenschaft nicht mehr zu entzünden vermochte, muß es uns dennoch, wenn auch in verzerrter Vergrößerung, als geschichtlicher Ausdruck ihrer Degeneration gelten. Von diesem Tiefstand aus mußte sich die neue Entwicklung hinaufarbeiten. Die großen Bewegungen traten nicht sprungweise hervor. Wir können an der jüngsten Bewegung die Entwicklung verfolgen, wie zwei Menschenalter hindurch die Wässerchen ihren Weg suchten, ineinanderflössen und wieder auseinanderkamen, stillstanden oder weitergingen, bis ein größerer Strom hervorbrach und sie in seine Fluten hineinriß. Es ist historisch und psychologisch gleich falsch, sich die Entwicklung so* zu denken, daß die Wässerchen zuhauf kamen und dadurch den Strom erzeugten. Wenn wir vom Bild zu den Tatsachen übergehen, so sehen wir im 19. Jahrhundert die Bestrebungen Hirsch Zwi Kalischers und seines Kreises, Hess', Montefiores, Rothschilds, der Alliance, des Frankfurter Kolonisationsvereins, des Esra, der Chowewe-Zion, der Kulturzionisten: Vorgänger und Anreger, nicht Schöpfer, nicht einmal Matterboden des Zionismus. Gewiß fließen diese Bewegungen nicht in abgesteckten Betten. Der geistige Kontakt und die Wirkung verbindet sie zu einer Einheit, Diese Einheit heißt aber noch nicht Zionismus. Nicht die Verbindung vorhandener Strömungen machte den Zionismus; er fließt aus eigener Quelle, ihm fließen die in gleicher Richtung laufenden Wasser zu. Wir kommen damit unmittelbar an unsere Frage heran. Der Zionismus unterscheidet sich von den kleinern Palästinabestrebungen, die ihm vorausgehen oder ihn begleiten, durch das völkisch-politische Ziel. Zunächst nur quantitativ, nicht qualitativ. Denn mehr oder weniger bewußt wurden auch die kleinen Bewegungen von diesen Zielen erweckt und in ihrer Richtung bestimmt. Aber bei politischen und völkischen Bewegungen bestimmt das Quantum die Qualität, da es sich bei ihnen um den Durchbruch von Machtfragen handelt, auch bei völkischen Bewegungen, insofern sie aus den politischen erst hervorgehen oder, um Bestand zu haben, sich ihnen einwurzeln müssen. Und dieses neue völkisch-politische Ziel erwuchs auch nicht auf dem Boden der alten Palästinabestrebungen, wuchs nicht nur aus dem guten Herzen und der starken Sehnsucht heraus, sondern, wie bereits seine im Ghowewe-Zionismus fortbestehende erste Ausdrucksform, aus der allerdings mehr empfundenen als erkannten Veränderung der allgemein-geschichtlichen Bedingungen. Der Zionismus ist, allgemein-geschichtlich angesehen, eine der vielen Bestrebungen, die sich in dem Ziele zusammenfinden, dem vordem Orient seine weltgeschichtliche Stellung wiederzugewinnen, oder, von unserm Zweckgedanken aus gesprochen, der Zionismus stützt sein völkisch-politisches Programm auf das politische und wirtschaftliche Wiedererwachen des vordem Orients. Ich erörtere hier nicht ein Motiv, sondern eine Bedingung. Diese Bedingung wurde in der Besprechung zionistischer Fragen immer, wenn auch nicht oft genug, betont. Sie hat aber für die Ausreifung der zionistischen Gedanken und mehr noch für den Aufstieg der Bewegung viel größere Bedeutung, als anerkannt und bekannt ist. Der unter ihren Gesichtswinkel gestellte Blick führt über die Äußerungsformen der Bewegung, über praktischen, politischen und kulturellen Zionismus hinaus und weitet sich für die Erkenntnis des weltgeschichtlichen Geschehens, welches die zionistische Bewegung in ihren gewaltigen Auftrieb hineinreißt und aufwärts trägt. Diese universale Bewegung hat eine Epoche, die Durchstechung der Suezlandenge bezeichnet sie. Suezkanal und Zionismus? Ach so, höre ich, natürlich; der Suezkanal ist die erste der großen Verkehrsverbesserungen, durch welche Verkehr und Siedlung, Wirtschaft und Kultur im vordem Orient die Grundlage einer neuen Entwicklung bekommen sollen. — Aber dieser Ausblick ist zu eng. Die weltgeschichtliche Wendung, welche die heutige Entwicklung des vordem Orients bedeutet, läßt sich nur geschichtlich erfassen. Wir müssen dazu bis auf die Zeit, welche den bis jetzt herrschenden Zustand geschaffen hat, zurückgehen, bis auf die Wende des 15. Jahrhunderts, genauer auf die vier Jahrzehnte, welche der von David Reubeni geschaffenen Bewegung (1524—1532) vorausgehen. Die Einwanderung von Juden nach Palästina, welche kaum je über größere Zeiträume hin unterbrochen wurde, nahm in dieser Zeit ungewöhnlich zu. Die Vertreibung der Juden;aus Spanien erklärt dies nicht allein, da der stärkere Zuzug bereits vor ihr begonnen hatte. Die Erscheinung ist aber nicht so ungewöhnlich, daß sie nötigen würde, zu ihrer Erklärung tiefer zu graben. Erst wenn man sie neben die großen Bewegungen des 16. Jahrhunderts stellt, wenn man die Eigenart dieser Bewegungen erkennt und sieht, daß die aufsteigende Einwanderung der vorhergehenden Jahrzehnte organisch zu ihnen gehört, gewinnt das Auge die Richtung auf die allgemein-geschichtlichen Zusammenhänge, welche hier grundlegend und bedingend gewirkt haben. Kurz gesagt: eine Bewegung zur Wiederweckung eines jüdischen Staats in Palästina war vor der Wende des 15. Jahrhunderts aus allgemein-geschichtlichen Gründen nicht möglich. Auf die Verhältnisse der römischen und byzantinischen Zeit und während der unbestrittenen arabischen Herrschaft gehe ich nicht zurück. Die Jahrhunderte der Kreuzzüge sahen den Kampf christlicher und moslemischer Mächte, welcher die jüdische Konkurrenz um das heilige Land von vornherein ausschloß. Im 14. und 15. Jahrhundert stand Syrien nicht weniger im Interesse der großen vorderasiatischen Mächte. Die Türken drängten vor, und die ägyptischen Mamelucken, die es besaßen, hielten gute Wacht. Seitdem Konstantinopel gefallen war (1453) und das Zentrum der türkischen Macht sich nach Europa verschoben hatte, kam aber in die Verhältnisse der östlichen Mitlelmeerstaaten eine gewisse Beruhigung hinein. Die asiatischen Tendenzen der türkischen Politik liefen wesentlich nach Persien hin. Aber bald fegte ein kurzer Sturm über das Land, vernichtete die alten