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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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nehmen wir den Reichtum und die Tiefe ynserer Produktivität hinzu, daß unser Volkstum eine zweimalige Blüte heranfzaführen fähig war, daß der Titel des Buchvolkes uns willig zugestanden wird, so sind das Zeugnisse für den Ernst, mit welchem das jüdische Volk jene auf Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit gerichtete Arbeit sich hat angelegen sein lassen. Aber es hatte mit dieser theoretischen Arbeit die praktische nicht gleichen Schritt gehalten. Es fehlte unserer Nation noch allzusehr jenes seines Zieles sich klar bewußte feste Wollen, eine charakterbildende, iatenwirkende, auf das Handeln gerichtete Energie. Der unserm Volke eigene Zug in die Tiefe und Höhe hatte las Volk zum Idealismus geschickter gemacht als zur Praxis: die Ereignisse und die Lebenslage haben die Individuen zur Praxis geschickter gemacht als zum eigenen Volksidealismus. Daher der innere Riß. Bald streben wir nach einer Mission, bald wollen wir uns auflösen. Unter dem schrankenlosen Suchen war uns die Notwendigkeit weiser Beschränkung, in dem ruhelosen Forschen die innere Konzentrierung abhandengekommen; wir hatten das Wissen und Ideenleben zu wenig verstanden in Handeln und Charakter umzusetzen. Darum hatten wir wohl vermocht, unser Geistesleben auch in der Diaspora zu befruchten; aber die ersten Früchte nahmen oft andere hinweg. So liefen unsere Vorzüge aus in Mängel, die unendliche Vielseitigkeit inserer Natur führte zu einer gewissen Einseitigkeit, die wunderbare Elastizität unseres Geistes zu einem Mangel m Widerstandskraft, Sprödigkeit, zu Starrheit, die Viel- Innigkeit zu einem Mangel an Eigensinn. Es ist ein unberechenbarer Gewinn des Zionismus ür alle Zukunft, daß in ihm dem jüdischen Volke zu dem lebendigen Gefühl jenes Mangels auch der feste Wille gekommen ist, ihn zu beseitigen, und die Gelegenheit, es zu können. Nach einer Zeit nebelhafter Träume und unklaren Suchens hat der Zionismus — licht den einzelnen jüdischen Gruppen, sondern dem jüdischen Stamm ein deutliches und festes Ziel nationaler Arbeit hingestellt, aus welcher auch seinem Charakter die Stählung und Reife kommen werde, welche ihm in der Diaspora abging. Er hat den gefährlichsten Feind der nationalen Entwicklung vernichtet, den Wahn, . als sei es dem jüdischen Stamm vom Schicksal bestimmt, allein im Reiche des Geistes, obendrein nur des allgemeinen Geistes, etwas zu leisten, ein Wahn, mit welchem selbst die Besten der Nation sich über das Unabänderliche hinwegzutrösten gewöhnt Uatten, ohne doch zu bedenken, daß die Passivität und Indifferenz damit zum fatalistischen Prinzip erhoben werde. Der Zionismus war es nun, der Hoffnung, Spannkraft, Wollen mit einem Schlage einem kleinen Teil des Volkes zurückgegeben und dazu die klare Einsicht, daß die endgültige Emanzipation des Volkes allein in der energischen Entfaltung der Volkspersönlichkeit liege. Aber der Einfluß des Zionismus, so geschichtlich begründet und so epochemachend er auch war, schuf erst die Aussicht auf ein solches Ziel. Die Erreichung, ja, auch das Näherrücken diesem Ziele setzt eine Reihe von Entwicklungen voraus, deren Vernachlässigung das ganze Bestreben zu einer Schimäre machen könnte. Zü diesen Vorbedingungen gehört die Palästinaliebe. Es ist dies ein integrierender Bestandteil des zionistischen Prinzips, wie das jüdische Wissen, wie die nationale Sprache. Kaum ein anderer Begriff ist in neuerer Zeit unter uns so häufig verwendet worden wie derjenige einer Heimstätte für unser Volk, und über wenige doch war die Verwirrungder Begriffe größer wie gerade über diesen. Nun hat die Zeit, in welcher wir stehen, selbst die Klärung in die Hand genommen; in dem Anschauen der Auferstehung und der Erneuerung wird dem Volke das Verständnis des Wesens der palästinensischen Möglichkeiten im allgemeinen und seiner Aufgaben im besondern nahegelegt; um so dringender aber auch angesichts der großen nationalen Pflichten, welche die nächste Zukunft in sich birgt, die Aufforderung für die Nation, dieser mahnenden Sprache, welche die Zeit selbst redet, durch ein Zurückgehen auf ein begriffliches Verständnis jener höchsten irdischen Realität entgegenzukommen. Palästina muß für das jüdische Volk eine Realität werden. Das Heimatsgefühl, das Heimweh nach Palästina besteht kaum noch bei den einzelnen, aber es besteht in den Tiefen der Volksseele und ist mit dem Hebräischen, mit der Bibel, mit den Traditionen verknüpft und verbunden. Was auch alles hinzukommen wird zur Erweiterung, Vertiefung und Erfüllung dieses Begriffs, immer wird das nationale, hebräische und biblische Gefühl die Grundlage bleiben, und der Grad, in welchem es sich zu einem lebendigen Bewußtsein entwickelt, auch maßgebend sein für die Bedeutung der treibenden Kraft, welche die Bewegung nährt und fördert. Die Intensität des Gefühls bestimmt die Geltung und Leistungsfähigkeit der Bewegung, ihre Ausdauer und die Kraft, alle tatsächlichen Schwierigkeiten und Hindernisse, wie auch die an allem mäkelnde Kritik, die zersetzende Skepsis, die wie Scheidewasser alles verzehrende Negation zu überwinden. Die Anhänglichkeit des Volkes an seine alte Heimat ist seinem Grund und Kern nach eine Naturgabe; aber es ist einer Entwicklung und Steigerung aus eigener Kraft und eigenem Willen des Volkes fähig; und es wird der Begriff der Stammesheimat seine volle Wahrheit erst dann erhalten haben, wenn zu der instinktiv und unbewußt wie eine zwingende Gewalt wirkenden Naturnotwendigkeit das bewußte Herausarbeiten, Fortbilden und Festhalten dieses Bewußtseins hinzutritt. Der Palästinismus muß ein untrügliches Erkennungszeichen der jüdischen Stammesverwandtschaft werden, ein Mittel geistiger Berührung und Verständigung, ein natürliches Band der Stammesgenossen, ein Hüter des alten, eine reiche Quelle neuen, volkstümlichen Lebens. Für die in Palästina lebenden Brüder wird die heimatliche Umgebung auch materiell die Lebensart und die Lebensformen bedingen und verzeichnen, den Reichtum edelsten Gehaltes, welche jene Schicht unseres Volkstums in sich birgt, an das Tageslicht heben und vor den Augen der Welt ausbreiten; die Diaspora hingegen muß sich mit Palästina« geistig identifizieren. Durch Palästina erhält das sonst in der Luft schwebende Judentum Gestalt, Realität, einen Mittelpunkt und ein lebenzeugendes Prinzip. Soll unser Bestehen ein allgemein-jüdisches werden, — und das ist ja unser Zweck, — so muß es ein helles und deutliches sein; es darf in nicht allzu nebelhafte Ferne zurückweichen, darf sich nicht in diejenige Breite verlieren, wo sich schließlich alle philanthropischen Projekte zusammenfinden. Es müssen endlich Mittel vorhanden sein, die Palästinaliebe lebendig zu erhalten, daß sie

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