Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1006 DIE3§lELT No. 41 nalen Einheit. Vereinigt die gemeinsame Nationalsprache die zerstreuten Genossen desselben Volkes trotz aller räumlichen, staatliehen und politischen Geschiedenheit zu einer unsichtbaren Gemeinde, so sehließt sie wie ein Magnet alle Glieder der Nation zusammen und wird der eigentliche Grund, auf welchem die andern Bindemittel eines nationalen Lebens erst erwachsen. Darum schien es uns als ein Gebot der Selbsterhaltung, — und dieser Begriff muß immer mehr in das Bewußtsein der Massen dringen, — daß die Pflege der Nalionalsprache im zionistischen Programm einen Hauptpunkt bilden muß. Die hebräische Sprache ist ein unentreißbares Palladium unserer Nationalität. Kein äußerer Druck wird uns vernichten können, solange wir uns diese Wurzel unversehrt und diesen Born ewiger innerer Erneuerung ungetrübt erhalten. Es gibt kaum eine Sprache der Welt, welche so organisch sich entwickelt, so gleichmäß alle Wandlungen des innern Lebens begleitet und widergespiegelt hätte, wie die hebräische. Keines der großen Erlebnisse des Volkes, das nicht zugleich auch epochemachend für die Sprachentwicklung gewesen wäre. Die große Zeit des ersten Tempels, die babylonische Gefangenschaft, die fruchtbare Epoche des zweiten Tempels, die Periode der Mischnah, des Talmuds, Spanien, die Kre.izzüge, das Ghetto, — sie haben alle in der hebräischen Sprache ihre tiefen Spuren hinterlassen, welche bezeugen, daß die großen Erfahrungen des äußern und die gewaltigen Erschütterungen des innern Lebens der Nation auch fruchtbare Impulse wurden für die Entwicklung der Sprache. Es hat auch trübe Zeiten gegeben, in welchen der Verfall und die Entartung der Sprache immer auch ein Zeichen war der Schwächung und des Sinkens des Nationalgefühls. Aber die Zähigkeit, mit welcher die nationale Sprache immer und immer wieder ihre historische Stellung zurückgewann, beweist ihre unverwüstliche Lebenskraft. Die nationale Sprache ermöglicht das Sicheinswissen in der Begeisterung für die nationalen Großtaten, in dem Verständnis der nationalen Sage, Dichtung und Geschichte. Freilich nur dann, wenn die Begeisterung selbst wieder fruchtbar wird, neue Taten zu wirken. Und das ist der eigentliche Zionismus: es ist das Bestreben nach einer Genieinsamkeit der Natur- und Geistesbestimmtheit in Heimat, Sprache und Schrifttum. Das Gefühl, die Gesinnung, das Verständnis sind die notwendigen Voraussetzungen, aber sie sind noch nicht Zweck. Es wird dasjenige Volk zwar höherstehen als ein anderes, in welchem das Gefühl physischer und geistiger Verwandtschaft lebendiger entwickelt ist, oder in welchem das sittliche und geistige Leben zu ebenmäßigerer, reicherer, tieferer Ausgestaltung gelangt ist als in einem andern: die höchste Gewähr für die Bedeutung einer Nation ist sie doch nicht. Es muß ein helles Bewußtsein seiner Eigentümlichkeit, eine klare Selbsterkenntnis des engern Wertes, wie der eigenen Mängel, ein gehaltvolles Selbstgefühl, endlich als Frucht alles dessen ein charakterbildendes, tatenwirkendes Wollen hinzutreten; es muß auch aus ihm selbst (was das höchste Ziel aller Einzelbildung ist) eine auf das Höchste gerichtete und in Demut zugleich seine Grenzen erkennende, vertiefte, charaktererfüllte Persönlichkeit geworden sein. IV. Nun vollzieht sich das bewußte Herausarbeiten einer Volkspersönlichkeit, wie auch einer einzelnen Persönlichkeit zunächst als eine auf das Erkennen gerichtete Arbeit des Wissens. Das ist der Sinn unserer nationalen Thora. Die Anhänglichkeit an die Thora ist dem angeborenen Zuge des Gemütes entsprangen, sich über die Probleme um und in uns klar zu werden. Sie ist darum eine nationale Notwendigkeit. Nationale Belehrung, nationale Sprache und nationale Heimstätte hängen im Judentum zusammen. Die Thora ist in dem Adel der Seele begründet, welche, zum Bewußtsein erwacht, nach ihrem Ursprung sucht, weil sie dies muß. Aber sie ist auch ein freies Wollen, eine nach innen gekehrte Arbeit. Denn wenn die wissenschaftliche Forschung auch noch so ausschließlich der Erkenntnis des Objekts an sich zu gelten scheint, so ruht in ihrem innersten Grunde doch der Bildungsstrieb, welcher ein Wollen ist der Vervollkommnung der nationalen Seele. Dasjenige Gebiet, in welchem das Suchendes jüdischen Gemütes nach seinem Ursprünge und die geistige Arbeit des Volkes an sich selbst am reinsten zum Ausdruck kommt, ist die Thora; und wenn unsere AUen dem Prinzip huldigten, daß alle andern Gebiete in dieses einmünden, was anders liegt darin ausgesprochen, als daß auch in den übrigen verhüllt der Zug nach Erkenntnis des nationalen Ichs vorhanden ist oder sein soll; daß auch alle andern der Arbeit des Volksgeistes an sich selbst dienstbar werden. Da ist denn die andere Seite in dem bewußten Herausarbeiten der Persönlichkeit, die Arbeit des praktischen Handelns, eine notwendige Ergänzung und ein heilsames Korrektiv. Die bewußte Ausgestaltung des Lebens soll Zeugnis ablegen von der Klarheit und Sicherheit, mit welcher ein Volk an der Erziehung und Läuterung der eignen Persönlichkeit arbeitet. Der ursprünglichste Ausdruck jenes Willens, welcher darauf gerichtet ist, seine Persönlichkeit zu behaupten und ihr Anerkennung zu verschaffen, ist der Mut und die Ausdauer, die Fähigkeit und Bereitwilligkeit, die Persönlichkeit einzusetzen und sie zu erstreiten. Aber noch höher steht die nach innen gerichtete Arbeit, deren Summe sich zusammenfaßt in der Ausgestaltung eines Gemeinwesens, das ein adäquater Ausdruck ist der lautersten nationalen Sitte und der vollkommensten nationalen Bildung. Es wäre das Bild einer vollendeten Volkspersönlichkeit, in welcher hohe Begabung und hervorragende Energie des Wollens mit so lebendigem Thorageiste zusammengingen, daß die nationale Lehre alle Arbeit und alles Schaffen der Nation in ihren Dienst nähme, Sitte und Bildung in gleicher Weise durchdränge. Ein solches Ziel weist über die Nationalität hiuaus, ohne sie aufzuheben; nur ihre Verklärung ist es; nur die Weihe ihrer Arbeit; nicht wird diese selbst darum unnötig. Es führen viele Wege nach demselben Ziele; der Grad der Klarheit, mit welcher das Ziel verlangt, der Einmütigkeit, mit welcher es erstrebt wird, der relativen Annäherung an dasselbe nach dem Unterschiede der Individualität, Sitte und Bildung erzeugt eine reiche Mannigfaltigkeit von Volksindividualitäten. Darum ist die Behauptung richtig, daß wir kein Volk sind wie die andern Völker, daß wir überhaupt keine Nationalisten im landläufigen Sinne sein können, sein sollen. Wir sind eben ein anders geartetes Volk. Das Geistige bildet den Grundzug unseres Wesens. Und