Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 41 =D1E3 Glieder eines demselben Boden entstammten Geschlechts zu sein. Das jüdische Volk, im frühesten Altertum schon seßhaft geworden, hat vor andern als ein nicht hoch genug zu schätzendes Charisma ein tief eingewurzeltes Heimatsgefühl empfangen. Keine Sprache hat für diesen Begriff und die durch ihm erweckten Empfindungen so eigenartige sinnige Bezeichnungen wie die hebräische, in den Worten: „Moledeth* (Geburtsstätte), „Nachlath Aboth" (das Erbstück der Väter), „Achusah« (Besitzteil), „Erez Z'vi* (das Land der Huld), „Erez Chemdah* (das Land der Lust, der Sehnsucht), ^J'feh nofÄ (die schöne Gegend); in keinem Volke hat das durch den Ort bestimmte Naturgefühl einen so reinen und tiefen Ausdruck gefunden als beim jüdischen in den ureigensten Schöpfungen ihres Genies und ihrer Offenbarungen. Ein Zug zartesten Naturverständnisses geht durch die ganze antike Dichtung unseres Volkes als ein lebendiges Zeugnis, wie innig der Zusammenhang zwischen dem jüdischen Volk und seinem heimatlichen Boden zu allen Zeiten des normalen Bestehens geblieben ist. Und daß sich diese Anhänglichkeit atavistisch erhalten hat, — beweist das ganze jüdische Schrifttum. III. Zu der gleichartigen Naturbestimmtheit, welche die gleiche Heimat erzeugt, tritt als ein weiteres Kennzeichen der auf gemeinsamer Abstammung gegründete Verwandtschaft die gleiche Geistesbestimmtheit in gleichen Anlagen, Temperamenten, Neigungen, Abneigungen, Vorzügen, Fehlern. Auch ein Volk ist ein Individuum mit individuellem Gepräge, an welchem die einzelnen Glieder desselben teilhaben, in dessen Gemeinschaft sie sich verwandt fühlen. Je größer die Eigentümlichkeit dieses Gepräges, desto ausdruckvoller die Volkstümlichkeit; je: gleichartiger diese Eigenartigkeit durch alle Kreise des Volkes, desto einheitlicher der Volkscharakter; je reicher die Anlage, je tiefer hineinreichend in das allgemein Menschliche und je höher hinaufreichend in das Ewige, desto verheißungsvoller die Entwicklung der Nation. Aber auch hier wiederum bedarf es der gemeinsamen Kennzeichen des Verständnisses und der Verständigung, als welche die Glieder einer Nation sich sofort als Geistesverwandte erkennen. Solches Kennzeichen ist zunächst die Sprache. In ^ler Sprache berührt sich jene Naturbestimmtheit eines Volkes, von welcher wir soeben handelten, mit der ursprünglichen Geistesbestimmtheit, auf welche wir jetzt einzugehen haben, in unmittelbarster Weise. Sie ist das geheimnisvolle Band, welches die natürliche Welt mit dar geistigen zusammenhält, das Medium, welches den leisen Stufengang, der durch alle Glieder der organischen Welt hindurchgeht, fortsetzt und von der sinnlichen Welt in die unsinnliche überleitet. In ihrem Gewand, dem Ton, mit der Sinnenwelt zusammenhängend, gehört ihr Inhalt, der Gedanke, der geistigen an. Sie wird zum Berührungspunkt der Natur- und Geisteswelt. Ist dies der Fall, so wird auch die Besonderheit der Natur eines Landes, einer Heimat in der Sprache ausgedrückt sein, und der Zauber, welchen, von allem Inhalt abgesehen, allein schon ihr Klang und ihre Tonfarbe auf unser Gemüt ausübt, ist, weil derselben Quelle entsprungen, demjenigen vergleichbar, mit welchem die Bilder der Heimat selbst uns berühren. Indem die Sprache der gELT 1005 reinste Spiegel, der unmittelbarste Abdruck des ganzen Empfindungs- und Seelenlebens der einzelnen Menschen ist, in allen seinen Tiefen und Höhen, wie der unendlichen Wechselwirkung aller Strömungen des geistigen Lebens in den größern oder kleinern Kreisen von Familie, Geschlecht, Stamm, Nation —, gibt sie lautlich in Melodien und Klangfarbe, geistig in der Höhe und Tiefe des Empfindungsgehalts, alle Stimmungen nicht nur des einzelnen Gemütes, sondern auch alle diejenigen Nuancierungen und Schattierungen wieder, welche An lagen, Erfahrungen, der Fortgang der geistigen Entwicklung einer heimatlich umschlossenen Gemeinschaft, einer ganzen Nation erzeugen. So finden sich in den verwandten Tönen der Sprache die Seelen selbst als Verwandte wieder; die Gleichartigkeit des Empfindens, Anschauens, Denkens wird aus den heimatlichen Lauten herausgefühlt, wie die heimatlichen Töne umgekehrt ein Anklingen verwandter Empfindungen hervorrufen Es setzt die nationale Sprache die Stammesgenossen in unmittelbarsten Kontakt, und Sprachgefühl wird gleichbedeutend mit dem Heimatsgefühl. Darum stehen aber auch Sprachgeschichte und Seelengeschichte in engster Wechselwirkung. Die Sprachentwicklung begleitet wie in dem Einzelmenscheri so auch in der Volkspersönlichkeit die Seelenentwicklung. Je reiner, je ungestörter sich das geistige Leben eines Volkes entwickelt hat, desto reiner, schärfer, einheitlicher wird auch das Gepräge der Sprache sein, und desto ursprünglicher, unmittelbarer, kräftiger wird sie ihrerseits wieder imstande sein, das Bewußtsein der Stammesverwandtschaft zu erhalten, das Nationalgefühl zu nähren und zu stärken. Wie wir es für eine Schädigung am geistigen Leben eines Kindes halten müssen, wenn man es nötigt, in der Zeit seines erwachenden Seelenlebens von vornherein zugleich mit der heimatlichen Zunge eine fremde zu lernen, und damit in die angeborene Seele eine fremdartige pflanzt, so ist die Entwicklung eines Volkes weniger glücklich, dessen Sprachentwicklung durch die Aufnötigung einer fremden Zunge und durch dauernde Vermischung mit fremden Bestandteilen gekreuzt wurde. Und weiter: Je organischer auf dem Grunde des einmal gewonnenen Bestandes die Sprachentwicklung fortschreitet, je lauterer sich in ihr der Prozeß vollzieht, welchen jede Sprache an sich erfährt, daß sie mit dem wachsenden Innenleben der Nation an lautlicher Fülle zwar einbüßt, an Gehalt aber um so fähiger wird, ein adäquater Ausdruck der sich immer mehr vertiefenden und immer abstrakter gestaltenden Bildung einer Nation zu werden, desto tiefer werden ihre Wurzeln auch hineinreichen in das nationale Leben, desto fester die Bande sein, mit welchen sie die Stammesgenossen innerlich verknüpft. Die Sprache ist das Gefäß, in welchem das geistige Leben eines Volkes in seinen allgemeinsten Formen zusammengehaltenwird. Wird esbeschädigt, so leidetauch der Inhalt. Verkümmerung und Schädigung der Sprache ist gleichbedeutend mit der Verkümmerung des geistigen Lebens, der innern Entwicklung selbst. Solange ein lebendiges Gefühl für die nationale Sprache in einem Volke vorhanden ist, so lange steht es mitten drinnen im Strom des nationalen Lebens. Führt eine Sprache vollends aber zurück auf eine ungebrochene Ursprünglichkeit und einheitliche Kontinuität des Fühlens und Denkens, so liegt darin die sicherste Gewähr eines lebendig schaffenden Stammesbewußtseins, einer geistigen natio-