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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1004 DIE3|KELT No. 41 wurzelt wie Palästina und Hebräisch. Die Freude der Nation an Palästina ist noch heute eine so unmittelbare wie nur jemals. Davon kann sich jeder überzeugen, der Gelegenheit hatte, in verschiedenen Volkskreisen und in verschiedenen Ländern Propaganda zu machen. Auch die so oft gerügte Bereitwilligkeit, die „Chalukah" in Erez Israel zu unterhalten, ist als Symptom anzusehen. Es offenbart sich hierin auf das deutlichste die Anhänglichkeit der Nation an das Land der Väter, aber dieses Bedürfnis ist in dem, worauf es zielt, ein ungesundes. Immerhin erleichtert es uns die Aufgabe der Popularisierung Palästinas wesentlich. Es ist der fruchtbare Boden, der nur des edlen Samens bedarf, um schöne Blüten zu tragen. Letzteres ist auch beim Hebräischen der Fall. Die Frage der Dauerhaftigkeit des Zionismus hängt mit der Frage dieser innern nationalen Kraft zusammen. Was nicht ist, kann auch nicht werden. Eine Kraft ist vorhanden, man muß nur ihren geheimen Regungen nachspüren können. Diese Kraft ist eine ganz eigenartige, und ihr Wert besteht nur in ihrer Eigenart. Daß auch wir moderne touristische Palästina-Touren machen, daß auch wir in vielen Sprachen über Palästina schreiben, mag sehr gut und nützlich sein. Auf diesem Gebiete haben aber andere tausendmal mehr geleistet. Palästina ist für den Zionismus nicht die einzelne Landschaft, nicht nur die so oder anders eingerichtete Kolonie, überhaupt nicht nur ein geographischer Begriff, sondern der Erscheinungskomplex aller typischen Lebensäußerungen der Nation in enger Verbindung mit Sprache und Geschichte. Ein national-empfindender, vom Palästinismus erfüllter Zionist tastet nicht an der Außenseite des formalen Baues einer so oder anders gearteten Vereinigung herum, auch läuft er nie Gefahr, enttäuscht zu werden. Das Zionistseki ist ihm das Natürliche, er spricht aus dem Zentrum heraus, nicht wie die andern von der Peripherie hinein. Die Praxis ist nur ein Aktuellwerden der innern Gesinnung. Mit je größerer Intensität wir den Palästinismus in uns haben, desto mehr Spannkraft und Ausdauer hat unser Zionismus. Nicht das Äußerliche, sondern die intime Beziehung zum Nationalen ist von höchster Bedeutung. Durch die Förderung dieser Beziehung und all der notwendigen Elemente, die dazu gehören, machen wir den Zionismus aus einer zeitlichen zu einer beständigen Bewegung. So gelangen wir — wenn nicht zu einem individuellen, so doch zu einem kollektiven Heimatsgefühl für Palästina. II. Ein wichtiger Bestandteil des nationalen Bewußtseins ist das Heimatsgefühl. Zwar ist der Mensch kein bloßes Produkt von Zone, Klima und Boden (homo sapiens Lin.), wie manche Geschichtskonstruktionen eine Zeitlang auszuführen liebten, sondern ein Herr der Natur — nach dem schönen Wort des Psalmdichters: Hur „etwas weniger als Gott". Aber die Wurzeln des Daseins reichen auch bei ihm herab in das Erdreich, von dem er genommen ist, zu dem er wieder werden soll. Er führt neben dem Leben ini Reiche des Geistes auch ein tellurisches Leben, ist abhängig von Luft und Boden, physisch bestimmt durch das besondere Gepräge der ihn umgebenden Natur, aus welcher heraus, in welche hinein er geboren ist. Nicht anders ist der Zauber genügend zu erklären, in welchen die Heimat uns bannt. Denn wieviel auch an der Ausbildung des Heimatsgefühls die Eindrücke der Kindheit teilhaben, welche das weiche Gemüt formend erfassen und mit ihrem Gepräge alle andern noch so reichen Erinnerungen überdauern: es ist neben diesen geistigen Mächten im letzten Grunde auch etwas Physisches, was uns jenem Zuge wie einer Naturgewalt Untertan macht, daß er mit dem steigenden Alter eher zuals abnimmt, daß den Greis unnennbare Sehnsucht erfaßt, noch einmal die Stätte seiner Geburt zu schauen und den Leib da betten zu dürfen, wo die Väter ruhen. Und ist das Heimweh, das ungestillt sogar zu einer leiblichen Krankheit werden kann, anders zu erklären, als daß unser physisches Dasein sich nicht ohne Wunden von seinem Ursprung loszureißen vermag? — - Unser geistiges Ich reißt sich von ihm los; wir erheben uns über die umgebende Natur, setzen das Bestimmt werden durch ihre Formen und Bildungen um in ein Hineintragen unserer innern Erfahrungen und Stimmungen in ihre Erscheinungen. Auch diese Befreiung vollzieht sich nicht ohne Schmerz. Indem wir uns der Zeit erinnern, da wir uns noch völlig eins mit der Natur fühlten, wird sie uns zu einem verlorenen Paradies, einem Bilde des Friedens gegenüber der Unruhe des Lebens und der Welt. In den wonnigen Genuß mischt sich das Gefühl der Sehnsucht und ein leises Weh, wie ein Heimweh. Wir nennen diese Stimmung, welche ebenso sehr als ein Produkt der Einwirkung der Natur auf uns, wie des Einwohnens unseres Gemütes in sie aufzufassen ist, Naturgefühl. Da sich das Naturgefühl aber nicht in allgemeinen Empfindungen bewegt, sondern von den bestimmten Formen des landschaftlichen Gepräges eine bestimmte Farbe annimmt, so geht es mit seinem tiefsten Wesen noch-mit dem Heimatsgefühl zusammen und wird demselben eine Quelle immer erneuten Wachstums. Die Gleichartigkeit der Heimat wird aber auch eine Gleichartigkeit von Anschauungen und Empfindungen, in welchen die Genossen derselben Heimat sich als Verwandte erkennen, und welche darum unwillkürlich mitarbeiten an der Erzeugung eines Stammesbewußtseins. So muß endlich das Heimatsgefühl als eine Naturmacht wie auf den einzelnen so auch auf die Gemeinschaften ganzer Nationen wirken, und wenn wir den allgemeinsten und höchsten Ausdruck des Stammes- und Volksbewußtseins geradezu Vaterlandsliebe nennen, so führen wir sein Wesen und seine Wurzeln auf die geheimnisvolle Macht der heimatlichen Erde zurück. Zu einer festen Ausprägung solcher Naturbestimmtheit durch die Heimat kann es allerdings nur kommen, wenn ein Volk frühzeitig zur Ruhe und zu festem Sitze gelangt ist, und sie wird um so markierter sein, je mehr Generationen in ihrem Anschauen, Denken und Empfinden von demselben Lande und Boden aus eine gleichartige Einwirkung empfangen haben. Die Athener führtenihre nationale Suprematie auch auf die Autochthonie zurück, daß sie Kinder des Landes selbst zu sein wähnten, nicht Zuwanderer aus fremden Strichen; über das neue Amerika aber, fühlen wir, wird noch manche Generation hingehen müssen, ehe die Rassen der Bevölkerung gleichartig das Bewußtsein durchdrungen und zu einer Einheit verbunden haben wird,

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