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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 41 DIEMKE LT 1003 Erscheinung im öffentlichen jüdischen Leben, bei der die Ziönisten nicht ihr schwerwiegendes Wort mitsprächen. Auch in der Türkei kamen mit dem Beginn der neuen politischen Ära vielverheißende zionistische Keime zum Vorschein. Die jüdische Presse, in hebräischer sowohl wie in andern Sprachen, liegt überall zum größten Teile in den Händen von Ziönisten. Das lebendige hebräische Wort kommt immer mehr in Versammlungen und in privatem Verkehr zur Geltung. Die Sammlungen für die zahlreichen zionistisch-palästinensischen Fonds und Institutionen nehmen von Jahr zu Jahr zu, die Organisation selbst aber rüstet, nachdem die mannigfachen Krisen überstanden sind, zielsicher und kraftbewußt zum X. Kongreß, zum Jubiläumskongreß. Wie läßt sich nun dieses, den „Nüchternen" unlösbar erscheinende Rätsel erklären? Des Rätsels Lösung ist in dem mehr als 3000jährigen wurzelfesten Zusammenhange des Volkes mit seinen Traditionen zu suchen. Das jüdische Volk ist unzertrennbar mit seiner Thora, seinem Heimatslande und seiner Sprache verbunden. In einer oder der andern Epoche mag sich eines dieser Bande etwas lockern, das Volk beginnt sodann zu verdorren; reißen darf aber das Band nicht, wenn nicht zugleich der Lebensnerv des jüdischen Volkes getroffen werden sollte. Das historische Leben ist einem beständigen revolutionären Prozesse unterworfen. Die Auffassung Achad-Haams von der Thora fällt mit derjenigen eines mittelalterlichen Rabbiners nicht zusammen; das Leben im modernen Stadtviertel Tel-Abib zu Jaffa ist demjenigen der biblischen Hirten sehr unähnlich; das Hebräisch Bialiks ist mit der Sprache des Hohenliedes nicht identisch: die Wurzeln sind hier aber unversehrt geblieben; diese aber, und nur diese, sind es, die unserm nationalen Organismus die ewige Lebenskraft geben. Ein Reformjudentum anstelle der Tradition, ein Irgendwo anstatt des gelobten Landes, der Jargon als Ersatz für Hebräisch, dies wäre nationaler Tod. Weder bedeutende Kräfte wie Claude Montefiore, Zangwill, Perez, noch weniger Pygmäen von der Art ihrer Schüler und Nachbeter werden es zustandebringen, das jüdische Volk von seinen Wurzeln zu trennen. Die christliche Welt hat ihre heilige Dreifaltigkeit, das jüdische Volk lebt von seiner Trinitas: Thora, Erez-Israel und hebräische Sprache. Wünschen wir unserm Volke ewiges Leben, so müssen wir an seinen Wurzeln zäh festhalten. Palästinismus und Nationalsprache Ein Essay von Nah um Sokolow I. Im Zionismus liegt ein zeitlich-organisatorisches und ein national-bodenständiges, zugleich auch geistiges Moment; das ursprüngliche Programm entspricht beiden. Aber der Zionist oder die gegebene zionistische Gruppe vergißt sehr oft, daß sie nicht beide Momente in gleich starkem Grade in sich entwickelt hat. Das Organisatorische als das Zunächstliegende, dem gewöhnlichen alltäglichen Sinn, der plebejischen Handgreiflichkeitsmethode sich am meisten Aufdrängende ist oftmals im ersten Stadium maßgebend. Intensiver und sinnfälliger als das nationale Moment, erschöpft es sich aber schneller. Hat es sich einmal ausgewirkt, so kann der Zionismus nur durch seinen nationalen Gehalt und durch ein Verwachsensein mit Palästina sich halten lassen. Aber die betreffende Gruppe entdeckt jetzt, daß sie £ar nicht national-palästinensisch fühlt, sie glaubt daher in echt menschlicher Verallgemeinerung ihres Einzelfalles, daß dieses Gefühl überhaupt nicht bestehe, und ruft nach neuen Kombinationen. Gewiß, wer im Zionismus zunächst und vor allem ein zeitliches materielles, durch materielle Mittel auszuführendes Unternehmen erblickt, kann mit ihm, nachdem sich diese Aussicht nicht erfüllt hat oder momentan nicht erreichbar scheint, nichts mehr anfangen und wirft ihn weg wie eine ausgekernte Nußschale. Das war der Grund des Abfalls der Territorialisten, die mit uns früher ein Stück gemeinsam gegangen sind, bis sich der prinzipielle Unterschied herausgestellt hat. Das war eher ein Zerhauen als ein Lösen des Knotens. Man hatte die einen eines unvernünftigen Rigorismus, die andern einer überspannten Empfindlichkeit bezichtigt. Beides ist falsch. Schuld war nur die Unklarheit; es fehlte der harte Strich, der die Dinge scheidet. Es handelt sich hier nicht um Polemik; Tadel und Verketzerung sind wenig angebracht. Es handelt sich um eine Aufgabe, an deren Lösung alle mit Geduld und Aufrichtigkeit arbeiten müssen. Wir lieben allzusehr die extremen Auffassungen, weil sie uns von geduldiger Kleinarbeit und gerechter Abwägung des Für und Wider entbinden. Forschung und Logik sind aber doch schließlich die einzigen Führer durch das Dunkel großer Probleme. Der Zweck dieses Essays ist, dem Problem des Palästinismus und der Nationalsprache im Zionismus näherzutreten. Mit diesem Problem hängt die Frage der Dauerhaftigkeit der zionistischen Bevvegung zusammen. Den tieferblickenden Köpfen dämmert schon heute die Erkenntnis, daß dies nicht eine Frage der Technik, sondern der Weltanschauung ist. Damit will niemand das Moment der Technik eliminieren. Auch die Technik will zweifellos einen dauerhaften Zionismus schaffen, nur vermag sie es allein nicht, denn dazu bedarf es der Erziehung und der Belehrung. Ich will einige Thesen aufstellen. Ich stelle als ersten — folgenden Satz auf: Zionismus ist gesteigerter, voll entfalteter, höherer und bewußter Palästinismus. Es ist dies das Hinausstreben des jüdischen Volkes aus der Zerstreuung, ßus dem Chaos, aus der ruhelosen Spannung — nach Palästina. Können es nicht alle, so wird es ein Teil tun, aber mit diesem Teil muß sich die Gesamtheit identifizieren. Mein zweiter Leitsatz, der das eigentliche Thema dieser Abhandlung bildet, lautet: Die Popularisierung Palästinas und der Nationalsprache im jüdischen Volke ist möglich und hat zu geschehen auf Grund des engen Verhältnisses Palästinas und der Nationalsprache zu unserer nationalen Gesamtheit, Sprache und Tradition. Manche Beobachter stehen auf dem Standpunkt, daß eine solche Popularisierung überhaupt unmöglich sei. Sie gehen von der Ansicht aas, daß Palästina zu fern liege und daß die Nationalspräche zu alt sei, als daß sich eine direkte Beziehung zwischen diesen und dem Volke überhaupt anknüpfen lasse. Dieser Anschauung trete ich entschieden entgegen. . Ich behaupte, daß kaum ein anderes Moment so tief in unserer Nation

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