Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1002 'DlE^ELT No. 41 u ü II—1] ALLGEMEINES LJ u □ Palästina und andere Länder Von M. Ussischkin, Odessa Sieben Jahre sind es her, seit Dr. Herzl dem VI. Zionistenkongreß das Ugandaprojekt unterbreitet hat, jenes Projekt, das zur Entstehung der territorialistischen Bewegung, zum Zwiespalt in der zionistischen Partei und zur Gründung der Ito führen sollte. Nun ist es an der Zeit, das Fazit dieses historischen Ereignisses endgültig zu ziehen. Glänzende Perspektiven hatten sich zunächst den „Landsuchern" eröffnet. Das furchtbare Elend der Juden in Rußland, Rumänien und zum Teil auch Galizien machten das Schlagwort von der „unverzüglichen Hilfe", von der Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens, wo auch immer, ungemein populär. Führer der Territorialisten wurde Zangwill, eines der einflußreichsten Mitglieder der zionistischen Partei, ein Mann von großem europäischem Rufe, ein hervorragender Redner und, was die Hauptsache ist, ein beharrlicher Arbeiter von kolossaler Energie. Viele wertvolle Kräfte stießen zur neuen Organisation, so die sogenannten „rein politischen" Zionisten einerseits und die stürmische Jugend anderseits. Ja, sogar unter den angesehensten Zionisten Westeuropas, die sich formell der neuen Organisation nicht angeschlossen hatten, fand der Territorialismus, in der ersten Zeit wenigstens, vielfach verhehlte, bisweilen auch offenkundige Sympathie. Bald begannen auch viele hervorragende Finanzmänner und Politiker in England und Nordamerika ihre Sympathien für die Sache kundzugeben und ihre Hilfe in Aussicht zu stellen. Noch wichtiger war, daß der Territorialismus das Wohlwollen vieler Regierungen gewann. Landangebote erfolgten in Hülle und Fülle: Uganda, Kongo, Südmarokko, Cyrenaika, Mesopotamien, Mexiko, Australien, — lauter Namen, die die jüdischen Massen in hoffnungsvolle Erregung versetzten, und schließlich die letzte Etappe — Galveston. Wie stand es nun indessen mit denen, die Palästina treu .blieben? Alles gestaltete sich ungünstig für sie: die Spaltung in der Partei, sodann während der ganzen sieben Jahre dumpfe und offenkundige Unzufriedenheit und Reibungen in den Reihen der Organisation, eine starke gegenseitige Erbitterung, — die Folge des VI. und VII. Kongresses, der Zusammenbruch des Charterismus und im Zusammenhange damit das merkliche Abflauen der in ihren Hoffnungen auf „rasche Erlösung" getäuschten Volksmassen, die ablehnende Haltung der jüdischen Finanzmänner, Gelehrten und Politiker dem Zionismus gegenüber. In ihrem Hasse gegen den Zionismus reichten sich in rührender Eintracht die Hände Claude Montefiore aus London und Rabbiner Breuer aus Frankfurt, Salomon Reinach in Paris und der Jerusalemer Rabbi Dowtsche. Die Stürme der russischen Revolution knickten die jungen Reiser und ertöteten die ideale Stimmung nationaler Traditionen. In Erez-Israel selbst brachte der alte „Jischub" dem Zionismus unverhohlen Feindseligkeit entgegen, während der größte Teil des neuen „Jischub" mit Ben-Jehudah an der Spitze sich dem aggressiven Territoriälismus anschloß. Die türkische Regierung des alten Regimes mit ihrer allgemeinen verrotteten Wirtschaft sowohl als auch mit ihrer speziellen Judenpolitik tat alles, um die Entwicklung der jüdischen Kolonisation zu unterbinden; aber auch bei den Männern des neuen Regimes ist vorläufig von einem lebhaften Wunsche einer diesbezüglichen Kursänderung nicht viel zu merken. In Rußland nehmen die Repressivmaßnahmen der Regierung gegen die Zionisten immer größere Dimensionen an, während die Volksmassen unter der ungeheuren Bürde unsäglicher Leiden ökonomisch zugrundegehen, moralisch degenerieren und an „entfernte Ideale" nicht zu denken vermögen. Und was sehen wir nun am Ende dieser siebenjährigen folgenschweren Entwicklung? Das Resultat ist ganz unglaublich für Personen, die historische Erscheinungen nur „nüchtern* zu betrachten pflegen. Einen TerrLtorialismus gibt es nicht mehr, weder im Leben noch in der Literatur; der Galvestonkrach ist der letzte Akkord seiner „praktischen" Tätigkeit, die „Unterhandlungen" mit dem australischen Premierminister — der letzte Akkord seiner „theoretischen" Propaganda. Vom „Wohlwollen" der Financiers und Diplomaten ist nichts als eine angenehme Erinnerung zurückgeblieben. Von den Sympathien der Massen und der Begeisterung der Jugend ist keine Spur geblieben, während Zangwill selbst in seiner splendid isolation seinen „Schmelztiegel" in die Welt hinausschickt. Das Traurigste an der Sache ist aber, daß die Zuckungen einer sterbenden Bewegung und in die Gruft gesenkter Hoffnungen nicht einmal Bedauern hervorzurufen vermögen, denn man hat es hier nicht mit einer Tragödie, sondern lediglich mit einem Melodrama zu tun. Und wie steht es in Palästina? Langsam, aber beharrlich und unentwegt geht hier unsere Sache vorwärts. Während dieser sieben Jahre ist die jüdische Bevölkerung in Palästina um 30000 Seelen gewachsen; neue Positionen, neue Vorposten wurden geschaffen: Ber-Jacob, En-Ganim, Atlit, Magdalah, Beth-Dshen,' Mizpah, Kinereth, Huldah, Beth-Arif; in den Städten — eine Reihe neuer jüdischer Stadtteile in Jerusalem, Tel-Abit) in Jaffa; auf dem Gebiete des Handels und der Industrie — der Athid und die Filialen der A. P.C. in Jaffa, Jerusalem, Hebron, Haifa, Beirut. Und nun gar die kulturellen Errungenschaften: das Hebräische Gymnasium, das in Aufschwung begriffene Beth hassefer lebanoth zu Jaffa, der Bezalel, das Lehrerseminar, das werdende Technikum, die landwirtschaftliche Versuchsstation, die Zeitschriften „Ha-chinuch", „Ha-poel ha-zair" und „Ha-achduth", die Bücherverläge „Koheleth" und „Leam", und — a^n pm« jnn«.— die Entwicklung und der ungeahnte Aufschwung des Hebräischen als unersetzbare . Volks- und Umgangssprache. Und in den Golusländern? In-Rußland, * Österreich und zum Teil auch Deutschland gibt es keine mehr oder weniger bedeutsame