Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 41-42 (17.10.1910)
- Date
- 1910-10-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1000 SIEGELT Nö. 41 waren solche Einzeltaten für die Werbearbeit nicht notwendig, weil andere Taten da waren: der Kongreß, die Bank, der Ausbau der Organisation und, — ich möchte das Paradoxon riskieren, — Herzl selbst war eine wunderbare augenfällige Tat. Jetzt aber können uns nur effektive Schöpfungen in Palästina Massen heranziehen. Damit im Zusammenhange, aber darüber hinausgehend, ist eine andere Bedeutsamkeit der praktischen Palästinaarbeit, nämlich die kulturelle Seite unserer Bestrebungen. Palästina soll und muß ein jüdisches Kulturzentrum, nämlich ein Zentrum jüdischer Eigenkultur, werden. Wohl auf keinem Gebiete hat das Vierteljahrhundert jüdischer Palästinaarbeit so klare, unbestreitbare und unverwischbare Erfolge aufzuweisen als auf dem der jüdischen Kultur, besonders in Beziehung auf die Wiederbelebung und den Ausbau der hebräischen Sprache. Und das quillt und wächst von Tag zu Tag geradezu zusehends. Erstklassige Dichter und Schriftsteller hat Palästina bis jetzt noch nicht hervorgebracht. Da ist es vorläufig noch bloß empfangend und nicht gebend. Aber für die Kernigkeit, Ausdrucksfähigkeit und den reichen Wortschatz der hebräischen Sprache hat schon bis jetzt Palästina Erstaunliches geleistet und leistet es mit jedem Tage mehr. Das hat einen großen Propagandawert und einen noch größern Eigenwert. Den Propagandawert erkennt man, wenn man. sieht, welche Begeisterung ein hebräischsprechendes Palästinakind in Europa hervorruft. Das ist wieder so ehre konkrete Gestalt eines Gedankens. Noch wesentlicher ist aber der Eigenwert dieser Tat. Sie ist eine positive grundlegende Kulturschöpfung, wie die Sprache bei einem jeden lebenden und lebenwollenden Volke, und sie ist die Möglichkeit einer vollen, aus der ganzen Fülle des Lebens quellenden hebräischen Literatur. Und zu diesem Erfolge führt zweifellos jede praktische Arbeit in Palästina. Nicht nur die direkt und unmittelbar darauf gerichtete, wie Schulen, Verlagsgesellschaften, Zeitschriften und dergl. mehr, sondern geradezu alles, was Juden, in Palästina ansammelt und eine Jugend dort wachsen läßt. Schließlich möchte ich noch ein WoH über die wirtschaftliche Bedeutsamkeit der praktischen Palästinaarbeit sagen. Ich habe diesen Punkt an die letzte Stelle geschoben, weil er nach meiner Ansicht vorläufig noch der schwächste Punkt ist. Damit Palästina eine entscheidende und endgültige Lösung der ökonomischen Judenfrage werden soll, wird wohl irgendeine kapitalistische oder politische Großtat vorangegangen sein müssen, oder es wird noch eine gute Weile dauern. Täuschen wir uns nicht. Mit den Mitteln und in dem Tempo, wie wir kolonisieren können, wenn die Millionen und Milliarden abseits liegen bleiben und lieber in brasilianischen Werten oder gar in russischen Staatsanleihen angelegt wrerden als in Palästinaschöpfungen, — ist für absehbare Zeit Erkleckliches nicht zu erreichen. Da müßten wir schon sehr bedeutenden Sukkurs an Kapital haben, das übrigens kollektiv auch von den Sehrreichen, Reichen und Sehrwohlhabenden aus unsern eignen Reihen aufgebracht werden könnte, w^enn sie an den Zionismus nicht nur mit Gefühl und Kleingeld, sondern auch mit Unternehmungsgeist und Großgeld herantreten würden . . . Leider deuten noch keine Anzeichen darauf hin, daß sich ein solcher kollektiver Kapitalsukkurs vorbereitet. Und so müssen wir noch auf eine politische Großtat warten, die ich nicht nur für möglich, sondern für sehr wahrscheinlich halte, weil sie mir nicht nur für uns, sondern auch für die Türkei geradezu eine historische Notwendigkeit zu sein scheint. Wenn die Herren Jüngtürken sich erst ordentlich häuslich eingerichtet haben und — klüger geworden sein werden, wird sich üirer Einsicht zweifellos die Erkenntnis erschließen, daß eine jüdische Großkolonisation ein Glück für den türkischen Staat sein wird. Sie werden \vohl eine grandiose Einfuhrprämie auf jüdische Emigranten schaffen müssen, um sich einen sichern Stock von produktivsten, treuesten und kultiviertesten Staatsbürgern zu gründen. Bis dahin fällt unsere praktische Palästinaarbeit in wirtschaftlicher Beziehung für die Gesamtjudenheit nicht so stark ins Gewicht. Aber immerhin, — zu. sehr darf auch hierin die praktische Palästinaarbeit nicht geringgeschätzt werden. Nach einem noch wohl nicht formulierten, aber vielleicht doch zu formulierenden Gesetze der wirtschaftlichen Anziehung, die etwa in kubischem Verhältnisse steht zur vorhandenen Masse, ist anzunehmen, daß jede Handlung, jedes Industrieunternehmen Menschen, und zwar immer mehr Menschen heranziehen werden. Und ist auch das Tempo zu langsam und die einzelnen Leistungen nicht sehr ansehnlich, so kommt doch allmählich für uns ein Grundstock an Menschen zusammen, der unerschütterlich bleibt. Also auch in wirtschaftlicher Beziehung ist die praktische Palästinaarbeit ein Weg, der ein gut Stück dem Ziele näherführt. Das ist also die praktische Palästinaarbeit, wie wir sie heute leisten können und immer intensiver leisten sollen, im Gefüge unseres Programms: Ein vornehmstes Mittel zu unserm Zweck, ein sicherster und gangbarster Weg zu unserm Ziele. Das ist viel, sehr viel, aber noch mehr dürfen wir in ihr nicht sehen. Sonst fallen wir aus unsrer Bahn und verwischen das Eigengepräge unsres Programms. Sonst werden wir hoffnungslose Konkurrenten der JCA. Die JCA mag wohl in jeder kleinen Kolonie, die sie in Palästina gründet, eine geschlossene Tat sehen, — sie hat 20 jüdischen Familien Brot und Unterkunft gegeben. Dazu ist sie da. Für den Zionismus aber könnte so etwas bloß die Bedeutung eines Samens haben. Für den Hilfsverein mag jede Schule, die er in Palästina eröffnet, die Bedeutung einer geschlossenen Tat haben, — er hat 100 Kindern Unterricht und Zukunft gegeben. Dazu ist er da. Für uns kann so etwas bloß die Bedeutung eines Keims haben. Nein, wir dürfen, nicht hinter Herzl zurückfallen. Das Endziel, die Heimstätte für das jüdische Volk, darf und soll nicht aus unserm Bewußtsein schwinden, damit wir uns nicht verlieren. Das wollen wir wohl nicht, und das wollen, glaube ich, auch unsre Gegner nicht, sofern sie dem Judentum wohlwollen. Denn ein Judentum ohne Zionismus könnte nicht mehr so recht rückgratstark und widerstandsfähig bleiben.