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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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998 DIE^ELT No. 41 Die praktische Palästinaarbeit im Gefüge unseres □ □ Programms □ o Von Dr. O. Thon, Krakau Es werden wohl andere fachmännisch über Einzelprobleme der Palästinafrage in dieser ausschließlich dem ganzen Komplex der Palästinafrage gewidmeten Nummer schreiben. Umfang, Möglichkeiten und Aussichten der Palästinaarbeit werden wohl hier ausführlich, gründlich und erschöpfend genug behandelt werden. Ich aber möchte bloß einige mehr allgemeine Bemerkungen machen über die grundsätzliche Stellung, die die praktische Paläsi inaarbeit im Gefüge unseres Parteiprogramms einnimmt, beziehungsweise einnehmen soll und muß. Es scheint mir nämlich, daß ein klares Wort auch klären wird. Der lebhaft, mitunter auch geradezu hitzig geführte Streit der Meinungen, wie er vor, auf und nach dem Hamburger Kongresse zutage trat, hat bis zur Stunde noch zu keiner Klärung geführt. Und doch kann ich den Eindruck nicht los werden, daß hier häufig in der Hitze des Gefechtes aneinander vorbei geredet wird, ohne daß es sich tatsächlich um eine schwere und entscheidende prinzipielle Differenz handeln würde. Es kann sich bloß um die Bestimmung des Ortes handeln, den die praktische Palästinaarbeit im Ganzen der zionistischen Arbeit einnehmen soll. Dagegen scheint mir die häufig mit ganz übertriebener Energie unterstrichene Antinomie: „praktische und politische Zionisten" weder in den tatsächlichen FraktionsVerhältnissen innerhalb des Zionismus, noch auch in den effektiven Unternehmungen und Versuchen irgendwie begründet zu sein. Ein Augenblick besonnener und leidenschaftsloser Überlegung dürfte also durchaus notwendig sein. Vielleicht führt uns eine ganz kurze Rekapitulierung des historischen Werdeganges der genannten Antinomie am besten mitten in unser Thema hinein. Als vor ungefähr einem halben Jahrhundert das Interesse europäischer Juden sich Palästina zuzuwenden begann, lag diesem Interesse kein großzügiger, sozusagen geschichtsbildender Gedanke zugrunde. (Die Chalukah, die weit früher ansetzt, übergehe ich mit Absicht, da sie nie Werte schuf; sie kann nur als ein negativer zerstörender Faktor für Palästina in Betracht kommen, wenn sie auch als Symptom von einer geschichtsphilosophischen Betrachtung nicht wird übersehen werden dürfen.) Die Männer von der Alliance wollten in Palästina die dort wohnenden Juden durch Schulen und ähnliches der Zivilisation zuführen. Abeir als ein Zukunftsplan, ein jüdischer Immigrationsort, wenn auch nur für einen kleinen Bruchteil des jüdischen Volkes, galt ihnen Palästina nicht. Es war einfach ein zivilisatorischphilanthropischer Wirkungskreis, wie viele andere auch, wie der Balkan, Marokko usw. Die zweite Phase des Palästinainteresses zeigt schon eine wesentliche Vertiefung der Auffassung und bedeutsame Hinausschiebung des Zieles. Die Choveve-Zion, — ich spreche nur von denen, die sich um das Odessaer Komitee scharten, — gründeten zunächst ihr Palästinainteresse auf das tiefe historische Nationalbewußtsein, und dann war ihnen Palästina eine — Hoffnung. Eine Hoffnung, aber noch lange nicht ein Plan im bewußt bauenden Sinne des Wortes. In Palästina sollen soviel als möglich Kolonien gegründet und soviel als möglich Juden angesiedelt werden. Die Tiefsten und Klarsten suchten dort bloß das jüdische Kulturzentrum, während es den minder klaren Köpfen auch rasch eine wirtschaftliche Hoffnung geworden ist. Sie beachten eben nicht, daß die Kolonisation in dem Tempo und mit den Mitteln, wie es damals nur lange Zeit möglich war, erst etwa nach einem Jahrhundert oder gar einem halben Jahrtausend eine Lösung der ökonomischen Frage hätte bringen können. Die dritte Phase des Palästinainteresses steht schon unter dem Zeichen Herzls. Er hat ihr das Gepräge gegeben. Den ideologischen Unterbau hat er von den Choveve-Zion allmählich ganz übernommen, aber das Ziel hat er abgesteckt. Aus der frühern Hoffnung ist durch Herzl ein Plan geworden, ein fester und großzügiger Plan. Der politische Zionismus ist entstanden, das heißt: Palästina ist ein nationalpolitisches Ziel geworden. Nicht um eine Anzahl von zerstreuten Kolonien von nur sehr geringer Kohäsion soll es sich fürderhin bei der Besiedlung v®n Palästina handeln, sondern um eine Heimstätte für das jüdische Volk, um einen Judenstaat, wie er sich im ersten kühnen Anlauf einigermaßen überschwenglich ausdrückte. Und mit einem Schlage gewann er für seine große Idee fast alle Choveve-Zion, bis auf eine verschwindend kleine Zahl solcher, die ihre ihnen liebgewordene Beschäftigung der kleinen Sammlungen nicht lassen wollten. Diese nannten sich die „praktischen* Zionisten, im nicht ganz klaren Gegensatze zu den politischen Zionisten, die mit Herzl das große Ziel mit großen Mitteln in großen Schritten erreichen wollten. Indessen muß zugegeben werden, daß dieser Gegensatz damals wenigstens einen Schein von Berechtigung hatte. Wohl griff auch damals der Gegensatz nicht so tief, daß er bis zu den Prinzipien gereicht hätte, aber in der Taktik gab es immerhin starke Differenzen. Tatsächlich hat Herzl jahrelang von keinem Versuche einer Arbeit in Palästina wissen wollen. Er sah das große und ganze Ziel viel zu nahe, zum Greifen nahe, als daß er hätte eine Zersplitterung und Abbröckelung der Kräfte zulassen können. Er bremste, um die ganzen Kräfte für den unmittelbar bevorstehenden großen Siegeslauf gesammelt zu halten. Die diplomatischen Scheinerfolge, — die wohl auch in ihrer Wiederholung wirkliche Erfolge hätten werden können, — die er erreichte, mußten ihm naturgemäß das Ziel so nahe rücken, daß ihm jede Teilarbeit nur als Ablenkung erschien. Die andern aber, die an Herzls Arbeiten nicht teilnahmen, auch in die bedeutsamsten Einzelheiten nicht eingeweiht werden konnten, dabei aber von früher her gewöhnt waren, etwas Positives, wenn auch Kleines, zu tun, zu arbeiten, wurden ungeduldig. Ihr Temperament, ihr Tatendrang verlangte nach sieht- und greifbaren Leistungen, nach — praktischer Arbeit. So hatte der Gegensatz zwischen „praktisch* und „politisch* seine Begründung in der Verschiedenheit der Taktik. Nun hat sich auch das geändert. Es ist eigentlich nach innen und nach außen eine volle Umwandlung der Verhältnisse eingetreten. Unser geborenes Diplomatengenie haben wir verloren. Herzl, der eine in ihrer überschaubar gewordenen Ganzheit geradezu über-

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