Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316446--53775-3347543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
986 DIE^XELT No. 40 promovierte Dr. N. Slouchz in Paris auf Grund einer Dissertation über die Geschichte der neuhebräischen Literatur in den l etzten 150 Jahren. Zur Ritualmordbeschuldigung in Bosnien Der Kaufmann Moritz Stern in Dervent (Bosnien) hat die Klage gegen Marko Petric in Sachen der Ritualmordbeschuldigung zurückgezogen. Bekanntlich hat vor kurzem dieser Petiic die Gattin Sterns beschuldigt, sein Kind zu jüdisch-rituellen Zwecken abgeschlachtet zu haben. Herr Stern ist von der Klage zurückgetreten, weil es zwischen ihm und Petric zu einem Vergleich gekommen ist, der darin besteht, daß letzterer in drei Zeitungen sein Bedauern über die Beschuldigung aussprechen und als Buße dem dortigen Magistrat 500 Kronen zuwenden muß, deren Zinsen an Arme „ohne Unterschied der Konfession" verteilt werden sollen. Die „Zidovska smotra" erklärt sich mit dieser Lösung der Frage bis auf den letzten Zusatz zufrieden, da es ja bekannt sei, wie fast überall die Stiftungen „ohne Unterschied der Konfession" verwendet werden. Vom Gericht sei auch keine exemplarische Bestrafung zu erwarten gewesen. ... Dokumente jüdischer Sektierer ' Aus Cambridge wird uns geschrieben: Zwei Bände der bisher unveröffentlichten „Dokumente jüdischer Sektierer" (Documents of Jewish Sectaries) werden in kurzem von der Cambridge University Press in der Herausgabe des Herrn Dr. S. Schechter, Präsident des jüdischen-theologischen Seminars in New York, veröffentlicht werden. Die Bände enthalten Nachbildungen der zwei Gruppen von Fragmenten, die in der Genizah in Kairo entdeckt wurden, von welchen die meisten jetzt in der Cambridge Universitäts-Bibliothek aufbewahrt und als die Taylor-Schechter-Kollektion bezeichnet werden. Der erste Band enthält Fragmente aus dem Werke eines Sadduzäers und liefert einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der ältesten jüdischen Sekten. An das Original schließt sich eine englische Übersetzung an. Der zweite Band enthält Fragmente des „Buches der Gebote" von Anan, die vom Herausgeber mit Hinweisungen auf die Bibel versehen wurden. Das Jubiläum Harkavis Baron David de Ginsburg-Petersburg veröffentlicht in den jüdischen Zeitungen einen Aufruf, in dem er die jüdische Presse und die jüdisch-literarischen Gesellschaften auffordert, den 75jährigen Geburtstag und das 50jährige Schriftsteilerjubiläum des rühmlichst bekannten jüdischen Historikers und Philologen Abraham Harkavis am 22. Cheschwan d. J. zu feiern. Bücherbesprechung Ist das alles? Eine Antwort an die Kritiker und Nichtkritiker meines Buches; „Das Judentum am Scheidewege." Von Dr. Max Joseph, Rabbiner in Stolp i. P. Berlin 1910. Verlag Jüdische Rundschau. Die Broschüre „Ist das alles?" ist eine Streitschrift. Der Verfasser hat im Jahre 1908 unter dem Titel: „Das Judentum am Scheidewege" ein Buch erscheinen lassen, in welchem er die offiziell herrschende Auffassung, als sei das Judentum wesentlich oder gar ausschließlich eine bloße Religionsgemeinschaft, in ihrer gänzlichen Unhaltbarkeit nachzuweisen sich bemüht und .den nationalen Charakter des Judentums mit Entschiedenheit betont. Die Auffassung des Verfassers hat sich ihm als Resultat einer ernsten, auf breitester Basis geführten wissenschaftlichen Untersuchung ergeben. Er fordert von hier aus im Namen des Genius des jüdischen Volkes den Anschluß an den Zionismus, der allein eine vernünftige und normale Fortentwicklung des Judentums gewährleisten kann. Im Gefühl der tiefsten Besorgnis, daß die herrschende Auffassung das Judentum der trostlosesten Verkümmerung, der sichern Auflösung und dem Untergang entgegenführt, hat der Verfasser zum mindesten die bestimmte Erwartung hegen müssen, daß die Vertreter des offiziellen Judentums das Verhältnis des religiösen zum nationalen Moment im Judentum zum Gegenstand gründlicher Untersuchung machen und so ihren entgegengesetzten Standpunkt wissenschaftlich zu begründen und zu rechtfertigen suchen würden. Sonderbarerweise aber haben sich, von zwei jungen, liberalen Theologen abgesehen, nur Orthodoxe und Zionisten zum Wort gemeldet. Fast ausnahmlos wurde, auch von gegnerischer Seite, zum großen Teil in Leitartikeln, sehr nachdrücklich auf die neue literarische Erscheinung hingewiesen und die Hoffnung auf eine gründliche Untersuchung der vom Verfasser behandelten Fragen ausgesprochen, aber — die Vertreter und Führer des liberalen und offiziellen Judentums schwiegen, schwiegen, obwohl der Verfasser an diese vor allem sein mahnendes, warnendes, tiefernstes Wort gerichtet hatte. Erst als der Verfasser seine Antikritik in der „Jüdischen Rundschau" hatte erscheinen lassen, nahm auch ein'älterer liberaler Rabbiner in der Monatsschrift der liberalen Vereinigung das Wort. Und das war alles! Auf die in diesem Verhalten zutage tretende geistige und moralische Fäulnis im offiziellen Judentum, auf die Oberflächlichkeit, den mangelnden Ernst und die innere Kraftlosigkeit seiner Vertreter lenkt der Verfasser in seiner Broschüre die Aufmerksamkeit. Er setzt sich dann darin mit seinen liberalen und orthodoxen Gegnern auseinander. Er zeigt das Unzulängliche und moralisch Verwerfliche des abstrakten Kosmopolitismus, den seine Gegner vertreten, den phantomartigen Charakter des verbreiteten Missionsglaubens, beleuchtet die vom liberal-assimilatorischen Judentum betriebene Geschichtsklitterung und geht überall den Irrtümern seiner Kritiker im einzelnen nach. Der Verfasser setzt sich dann noch weiter mit der liberalen Vereinigung auseinander und sucht darzutun, daß diese theoretisch und praktisch ein wertloses Gebilde darstelle, das auf die Sicherung der Zukunft des Judentums nicht den geringsten Einfluß üben könne, und schließt dann mit einigen Bemerkungen über die jüdischen Hilfsorganisationen, von deren Tätigkeit er erst dann das Höchste erwartet, wenn sie sich klar und grundsächlich auf nationalen Boden gestellt haben und von der Kraft der nationalen Idee getragen sein werden. Mühsam, Predigten (3 Bd., Verlag Kaufmann, Leipzig). Die Witwe des 1907 verstorbenen Grazer Rabbiners Dr. Samuel Mühsam hat eine Auswahl von Predigten ihres Gatten herausgegeben, und ihr Sohn denselben ein kurzes Vorwort mit biographischen Mitteilungen vorausgeschickt. Die Sprache dieser Predigten ist überall frisch und lebendig, sie atmen Kraft und sind erfüllt von traditionell-jüdischem Geist, den M. mit dem modernen Geist zu verbinden strebt. Man kann sich wohl vorstellen, daß diese Predigten, verstärkt durch den Eindruck der Persönlichkeit, eine starke Wirkung auf die Hörer ausgeübt haben werden. Doch webt in ihnen mehr die achtunggebietende Kraft der eigenen Oberzeugung, als daß sie zugleich auch auf andere überzeugend wirken könnten. Nur selten gehen die Gedanken in die Tiefe. Man fühlt sich wenig befriedigt, wenn M. seine Anschauungen zu begründen sucht, und von der licentia homiletica macht er einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Letzeres hängt allerdings mit einem Vorzug, der fast souveränen Beherrschung des haggadischen Stoffes, zusammen. Die Predigten sind weniger konkreten, aktuellen Fragen, als der Betrachtung der Vergangenheit zugewandt. Aber eine lautere Gesinnung offenbaren sie und Liebe zum Judentum. Gegen den Zionismus verhält sich M. ablehnend, aber seine Gründe sind interessant. Was wollt ihr mit eurem Zionismus, fragt unser Prediger. Uns Juden national machen? Sind wirs denn nicht? National ist unsere Zeitrechnung, national sind all unsere Feste und national sind auch all unsere religiösen Übungen. Für die meisten reichsdeutschen Rabbiner und die liberalen Auch-Juden ist das eine arge Ketzerei. Warum eine Ketzerei? Ja, dafür gibt es Ursachen, aber keine Gründe. In Österreich, das ein Nationalitätenstaat ist, mag der jüdische Nationalismus noch so hingehen, aber in einem Nationalstaat wie Deutschland, gebietet die Schlauheit eine andere Auffassung der jüdische i Religion. Man sieht auch hier die Fesseln geistiger und moralischer Knechtschaft, die die Juden im Golus auf ihrem ureigensten Gebiete mit sich herumschleppen. Wie männlich doch diese geistlichen Herren und ihr Gefolge fühlen. M. b. M. Jugendschriften von W. Jawitz: nn^ bü nniDn unc* ni* bisncy» ^2*? n^M- Berlin, Selbstverlag des Verfassers, ArtilleriesTr. 28." Es ist eine aus den Kreisen der jüdischen Lehrerwelt häufig gehörte Klage, daß es nur so wenige gute Bücher gibt, die dem Schüler auch für die häusliche Lektüre die in der Schule behandelten Materien in gefälliger, anziehender Form darbieten und ihm so das Verweilen in der jüdischen Gedankenwelt auch außerhalb des Prlichtkreises der Schule zur Lieblingsbeschäftigung machen. So wird man denn die Jugendschriften des bekannten Historikers W. Jawitz freudig begrüßen, denn sie sind wohl dazu geeignet, jenem Mangel wenigstens in einem gewissen Umfange abzuhelfen. In erster Reihe gilt dies von dem Werke n:n> das m kurzen, scharf umrissenen Zügen die großen leitenden Ideen des geschichtlichen Werdegangs unseres Volkes darlegt, und vor allem feinsinnig nachweist, wie in jedem Zeitalter das Bestreben, die Thora in Israel und Israel der Thora zu erhalten, in anderer Weise sich geltend macht. Unter der gedrängten Kürze leidet aber die Lebendigkeit und Anschaulichkeit keineswegs, vielmehr hat der Verfasser es geradezu meisterhaft verstanden, dem Leser mit knappen Worten ein geschlossenes lebensvolles Bild jeder Epoche und ihrer führenden Geister zu geben. Kleine charakteristische Anekdoten lassen