Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 ELT 985 Der Emigrationskongreß in Wien verschoben Wie bekannt war der Zusammentritt eines Kongresses in jüdischen Emigrationsangelegenheiten in Wien geplant, und es waren die Vorbereitungen so weit gediehen, daß der Kongreß schon für September 1910 in Aussicht genommen war. Die Umfrage bei den in Betracht kommenden, sehr maßgebenden Persönlichkeiten und Körperschaften hat ergeben, daß die Mehrzahl der Eingeladenen unter Kundgebung ihrer Sympathie sich gerne bereit erklärten, an dem Kongresse und eventuellen Vorkonferenzen teilzunehmen. Mit dieser Bereiterklärung wurde aber von sehr maßgebender Seite dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die Tagung des Kongresses in der ersten Hälfte des Jahres 1911 stattfinden soll, und sind dankenswerte Anregungen bezüglich der weitern, als notwendig erscheinenden Vorarbeiten gegeben worden. Mit Rücksicht auf diese Umstände wird der Zusammentritt des Kongresses erst zu einem spätem Zeitpunkt erfolgen. Der genaue Termin wird seinerzeit bekanntgegeben werden. Zum Andenken an Königs Eduard VII Das von den Juden Londons zum Andenken des Königs Eduard VII. geplante Denkmal soll in Qestalt eines Hospitals erstehen, das in Stepney Green errichtet wird. Die Kosten des Baues, der mit 50 Betten ausgestattet werden soll, werden sich auf 3 bis 400 000 Mark belaufen. Der Bauplatz ist bereits für 100 000 Mark angekauft. Eine Hilfsaktion für die Juden Galiziens Die neuerliche Verschiebung der Enquete betreffs der galizischen Judennot hat nicht bloß den politischen Schwindel der maßgebenden Kreise Galiziens in seiner ganzen Erbärmlichkeit an den Tag gefördert, sondern soll auch manches Positive nach sich gezogen haben. Dem Vernehmen nach soll die J. K. A., die infolge des offiziellen Beschlusses des Landtages auf Einberufung einer Enquete auf die Notlage der galizischen Juden aufmerksam gemacht wurde, beschlossen haben, eine Hilfsaktion einzuleiten, um die schreckliche Not der galizischen Juden zu Jindern. Wie ma.ti aus gutinformierter Quelle erfährt, ging die J. K. A. auch sofort ans Werk und beschäftigte sich eingehend mit dieser Frage, sammelte bei verschiedenen Institutionen und Einzelpersonen das diesbezügliche Material, mit der Absicht, solches einer ad hoc nach Lemberg einzuberufenden Konferenz der jüdisch-philanthropischen Gesellschaften vorzulegen. Auf Anraten der Wiener „Allianz" zog es die Ika vor, mit der Einberufung der erwähnten Konferenz bis nach der Enquete zu warten, damit der galizischen Landesregierung nicht der Wind aus den Segeln genommen wird. Nun aber, d-a die Enquete wiederum auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, will die Ika nicht länger warten, zumal die akute Schänkerfrage ein sofortiges Eingreifen erfordert, und geht jetzt daran, nächstens eine Konferenz der verschiedenen Gesellschaften, wie,, Allianz", „Israelitische Union", „Hilfsverein der deutschen Juden und „Hilfsverein der galizischen Juden" sowie bekannter jüdischer Persönlichkeiten Galiziens nach Lemberg einzuberufen, an der sich wahrscheinlich auch der Vorstand der Pariser Ika und Vorsteher anderer großer Organisationen persönlich beteiligen werden. Die Beratungen dieser Konferenz sollen dem Ausfindigmachen von neuen Arbeits- und Erwerbsrnöglichkeiten für die elenden galizischen Juden gewidmet sein. Zieht man die enormen Kapitalien, welche der „J. K. A." zur Verfügung stehen, sowie die ernste Ansicht, die man bei ihr im Gegensatz zur galizischen Landesregierung voraussetzen muß, den Juden tatsächlich zu helfen, in Betracht, so darf man von dieser Aktion vieles erwarten. DasEnde eines kroatischen Antisemitenhäuptlings Die in Orsijek erscheinende zionistische Halbmonatsschrift „Zidovska smotra" berichtet, daß der berüchtigte kroatische bzw. serbische Antisemitenhäuptling Milan Obradovic, welcher seit Jahren die kroatischen Länder mit seinen antisemitischen Broschüren und Flugzetteln reichlichst versorgte, ohne daß er seitens der Staatsanwaltschaft trotz wiederholter Anzeigen irgendwie darin behindert worden wäre, seine judenfeindlichen Hetzereien bis auf weiteres eingestellt hat und sich nun mit dem Verkauf von Fischen befaßt. Milan Obradovic hat die kroatische Öffentlichkeit, insbesondere die Einwohner Belovars, wo er sein Domizil hat, von diesem seinem neuen Unternehmen mittels Flugze4tel verständigt. In diesem Flugzettel beklagt sich Obradovic über die Verhältnisse in Kroatien, die derart traurig seien, daß Journalisten und Literaten hierzulande von der Feder allein nicht leben können . . . Die Wahlen in Südafrika Am 15. September wurde das Ergebnis der Wahlen für das erste Parlament der „Vereinigten Staaten von Südafrika" bekannt gemacht. Danach sind drei Juden ins Parlament gewählt worden : Mr. Max Langermann (Nationalist) für Krugersdorp, Mr. Lionel Phillips (Unionist) für Yeoville und Mr. Morris Alexander (Schwiegersohn des Professors Dr. S. Schechter, Rektors des Jüdischen Seminars in New York) für einen Bezirk in Kapstadt. Mr. Alexander ist Mitglied des Großen Aktionskomitees der Zionistischen Organisation. Rechtsbeistand für jüdische Immigranten Um die Bestimmungen, die kürzlich vom englischen Minister des Innern veröffentlicht wurden, wirkungsvoll zu machen, hat die vor kurzem in England ins Leben gerufene erste LogeV.O.Bnei Brith einen Plan ausgearbeitet, demgemäß den Einwandern bei ihren Berufungen an das Immigration Board Beistand geleistet werden soll. Die Loge hat sich die Mitarbeit einiger Rechtsanwälte gesichert. Auch Londoner Ärzte sollen an diesem Werke teilnehmen. Man hofft, daß die jüdische Gemeinde dem Aufrufe, zur Begründung eines dem besagten Zwecke dienenden Fonds beizutragen, Folge leisten wird. Jüdisches Arbeitsnachweisbureau Am 29. September wurde im East-End von London ein jüdisches Arbeitsnachweisbureau eröffnet. Diese Gründung ist das Ergebnis einer Konferenz, die vor einigen Monaten stattgefunden hat 400000 Mark für Wohltätigkeitszwecke Die Vollstrecker des Vermächtnisses der in London verstorbenen Louisa Sophia Lady Goldsmid haben jetzt wieder einen Teil ihres hinterlassenen Besitztums im Betrage von 400000 Mark unter 70 Wohltätigkeits-Institutionen verteilt. Von dieser Summe fallen 80 000 Mark den jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in England zu, verschiedene Genesungsheime erhalten 100 000 Mark. Wohltätigkeit eines jüdischen Kaufmannes Mr. Adolph Ahrens, ein Kaufmann in Manchester, hat anläßlich se:nes 70jährigen Geburtstages £ 5 000 für verschiedene Manchester Wohltätigkeitsanstalten gestiftet. Das Königliche Krankenhaus und das jüdische Viktoria - Gedächtnis-Hospital erhalten jedes £ 1000. Fünf andere Institutionen erhalten je £ 500, zwei je £ 200, und ein £ 100. Jüdische Volksmusik Die Verwaltung des Vereins für jüdische Volksmusik (Petersburg, Nicolaistraße 12, qu. 23) ersucht uns um Veröffentlichung folgender Zeilen: Im Moment des Erwachens des nationalen Bewußtseins der Juden, welches sich durch das lebhafte Interesse an der jüdischen Kulturarbeit ausdrückt, muß auch die jüdische Kunst und in erster Linie die Musik in Erwägung gebracht werden. Das jüdische Volkslied, welches die Stimmung und die Erlebnisse, die Leiden und Freuden des jüdischen Volkes vollständig wiedergibt, dient als Gegenstand des ernsten Studiums. „Der Verein der jüdischen Volksmusik", welcher sich die Mitwirkung an der Entwicklung der jüdischen Volksmusik zum Ziel gestellt hat, hat schon bei Beginn seiner Tätigkeit verschiedene Volksmotive zu sammeln begonnen. Er hat jetzt die erste Serie jüdischer Volkslieder herausgegeben und bittet alle, denen das Judentum am Herzen liegt, ihm bei der Verbreitung der erschienenen Volkslieder energisch zn helfen. Auf allen musikalischen Abenden, in der jüdischen Schule, in der Familie, überall soll man das jüdische Lied hören, und man soll dasselbe in den Vordergrund schieben. Der weitere Erfolg der Tätigkeit des Vereins in dieser Richtung hängt ausschließlich von dem Widerhall ab, welchen dieser erste Versuch finden wird. Mit Bestellungen wende man sich an die jüd. nat akad. Verbindung „Zephirah" Czernowitz, Liliengasse 17. Eine Dissertation über Bialik An der philosophischen Fakultät der Universität Rom wird zu Beginn des nächsten Semesters ein junger jüdischer Gelehrter auf Grund einer Dissertation über die Gedichte Ch. N. Bialiks zum Doktor promovieren. Es ist dies der zweite Fall, daß einer europäischen Universität eine Dissertation aus dem Gebiete der modernen hebräischen Literatur vorgelegt wird. Vor acht Jahren