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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 40 DIE^ELT 981 „Aurore" dagegen meint, es handle sich um die Gründung eines neuen Lehrerseminars in der türkischen Hauptstadt durch die Alliance israelite. Neue Denunziation Die bekannte, dem Großrabbinat leider nahestehende Presse hat sich wieder eine neue Denunziation geleistet. Sie richtet sich gegen den „Jüdischen Turnverein Makkabi". Sie behauptet, er sei eine politische Gesellschaft, die Unruhe in der Judenheit stifte, gefährliche Ideen in der Jugend verbreite und Tendenzen gegen das Vaterland hege. Mehr kann man unter der Herrschaft des Associationsgesetzes und des Belagerungszustandes in der türkischen Hauptstadt nicht gut erdenken. Hoffentlich wird es dem Großrabbiner gelingen, im Notfalle diese Behauptungen zu widerlegen, um so mehr, da ja er, der Chachambaschi selbst, Ehrenmitglied des „Makkabi" ist, also an den zitierten gefährlichen und antipatriotischen Tendenzen mit Anteil nehmen und die Verantwortung für sie tragen müßte. Der „Makkabi", unter dem vollen Lichte des Gesetzes begründet, in allen Punkten seiner, natürlich völlig unpolitischen Statuten von den Behörden offiziell bestätigt und unter den Augen der Öffentlichkeit seine heilsame Kulturtätigkeit entfaltend, bleibt unter diesen Denunziationen natürlich vollkommen ruhig und hat gegen den Herausgeber einer diese Lügen verbreitenden Zeitung die Verleumdungsklage angestrengt. Großrabbinat und Justizminister Die ohnehin schon merkwürdigen Vorgänge in der Konstantinopeler Gemeindeleitung haben plötzlich eine noch merkwürdigere Wendung genommen. Wie erinnerlich, war nach der Demission der beiden Ratskörper eine provisorische Kommission von sieben Personen eingesetzt worden, die die interimistische Leitung der Geschäfte und die Vorbereitung der neuen Wahlen zur Aufgabe haben sollte. Wenn diese Kommission drei Wochen lang nicht in Aktion trat, so geschah das, weil der Chachambaschi inzwischen bemüht war, für die neue Körperschaft die Legalisierung durch die Regierungzu erwirken. Es stelltsich nun aber heraus, daß sein Bemühen ein vergebliches war. Der Justizminister Nedschmeddin Bej hat nämlich die Wahl der Kommission, weil im Chachamchane nisamnamessi nicht vorgesehen, für ungesetzlich erklärt und ihr die Anerkennung versagt. Gleichzeitig hat er über die überstürzte Demission des Mischlisch dschismani seine Verwunderung ausgedrückt und das Verlangen gestellt, das derselbe trotz seiner Demission seine Funktionen wieder aufnehme und solange fortsetze, bis ein neuer Mischlisch umumi und aus dessen Mitte ein neuer dschismani neu gewählt sein werden. Damit ergibt sich, daß der Gedankengang des Ministers genau dem unsrerseits entwickelten entspricht und die Opposition des Surija Offendi Pisa in der Umumi-Versammlung durchaus bekräftigt. Die ganze Prozedur war voreilig geplant, schlecht vorbereitet und ungeschickt durchgeführt Die höchste jüdische Autorität hatte sich eingesetzt für eine illegale und verlorene Sache. Jetzt muß man rückwärts. Was der Zurückweisung von Seiten des Ministers noch ein besonders beschämendes Gepräge verleiht, das ist die Haltung, die er dem alten Mischlisch dschismani gegenüber einnimmt. Auf die Bemerkung, daß die Demissionierten die Wiederaufnahme ihrer Amtsfunktionen vielleicht verweigern würden, erwiderte er, er werde sie alsdann persönlich zu sich bitten und im Namen des Judentums und des Vaterlandes die Erfüllung ihrer Pflicht von ihnen verlangen. Der mohammedanische Minister* also muß Juden im Namen ihres Judentums an ihre jüdische Pflicht erinnern. Es scheint aber trotz alledem noch nicht sicher, daß es gelingen wird, die amtsmüden Herren wieder in ihren Ratssessel zu bringen. Denn die vergangene Woche vom Chachambaschi zur Erörterung der Angelegenheiten einberufene Sitzung des Mischlisch dschismani konnte nicht zustande kommen, weil vier von seinen neun Mitgliedern "es vorgezogen hatten, nicht zu erscheinen. Dagegen hat letzten Donnerstag eine Zusammenkunft der Mitglieder der unglückseligen provisorischen Kommission stattgefunden. Der Chachambaschi legte ihnen den Takrir des Justizministers vor, und man beriet, ob man denn nun existieren solle oder nicht Die Meinungen waren geteilt. Schließlich wurde ein Vorschlag Rabbi Nahums angenommen, der dahin ging, die Kommission möge zwar inbetracht dessen, daß er noch erneuerte Schritte zugunsten ihrer Legalisierung zu unternehmen gedenke, bestehen bleiben, aber jedwede Tätigkeit einstweilen bis zur Erledigung der Streitfrage .suspendieren. Das momentane Resultat des Ganzen ist also, daß sowohl der Mischlisch dschismani wie die Kommission zugleich existieren und nicht existieren, und daß im Grunde genommen gerade das eingetreten ist, was der Chachambaschi in der Nationalversammlung um jeden Preis verhindern zu müssen erklärte: daß nämlich er ganz allein der einzige für die Leitung der Geschäfte Verantwortliche geblieben ist. Die Aschkenasim-Frage Nach langer Zeit offenen Zwistes und des Abbruchs aller Beziehungen zwischen der Aschkenasimgemeinde und den Sephardim läßt sich erfreulicherweise wieder die Aufnahme von Ausgleichsverhandlungeri feststellen. Im Namen der ottomanischen Aschkenasimgemeinde hat ihr Rabbiner Dr. Markus Vollmacht bekommen, ihre Sache dem Großrabbinate gegenüber zu vertreten und ein endgültiges Arrangement herbeizuführen. Es haben bereits mehrere Besprechungen zwischen den beiden Rabbinern stattgefunden, und ein Ausgleich erscheint möglich. Sollte dieser jedoch auch diesmal nicht erfolgen oder unabsehbare Verzögerung eintreten, so wird man sich, was lebhaft zu bedauern wäre, auf endgültige kategorische Scheidung der beiden Gemeinden gefaßt machen müssen. Der Wunsch nach Frieden und Einigkeit sowie der % Takt der verhandelnden Männer auf beiden Seiten erfüllen uns aber mit der Zuversicht, daß dieser extreme Fall sich wird vermeiden lassen. Aus Beirut Die unglückseligen Gemeindezwiste in Beirut sind noch weit davon entfernt, aus der Welt zu verschwinden. Die Petition zugunsten des gegenwärtig amtierenden Großrabbiners Danon, die auch in der „Aurore" Abdruck gefunden hatte, wird nun widerlegt durch Briefe, die von anscheinend vertrauenswürdigster Seite diesem Blatte zugegangen sind: Diese Briefe stellen die wahre Sachlage so dar, daß alle Schuld an den Bedürfnissen dem Rabbiner zufällt, der der Gemeinde vom Chachambaschi andauernd mit Gewalt aufgezwungen wird. Nachdem die Gemeinde schon im Dezember vergangenen Jahres in ausführlichem Gesuch, das Rabbi Danon der größten Willkürlichkeiten, der Veruntreuung von Amtsgeldern und des vollkommenen Mangels an persönlicher Würde beschuldigte, seine Absetzung verlangt hatte, ist derselbe Mann heute noch immer im Amte und wird darin von der Zentralautorität des Landes erhalten. Aus Saloniki Zur schmerzlichen Überraschung allerFreunde des ottomanischen Judentums und der großen jüdischen Mutterstadt im besondern hat sich in Saloniki ein heftiger Zwiespalt innerhalb der Gemeinde erhoben. Und zwar ist der bekannte Klub der Jungen „Le cercle des Intimes" in scharfem Gegensatz zu sämtlichen Gemeindeinstanzen, dem Großrabbinat und dem „Nouveau Cercle" getreten. Von der Presse nehmen die Partei des Cercle des Intimes, die „Nation" und die „Epoca," während der „Impartial," der „Avenir" und die „Tribuna Libera" den Gemeinderat unterstützen. Die Ursache des Kampfes, der ungewöhnlich heftige Formen angenommen hat, ist eine recht banale, und uns will scheinen, daß sie nur den Vorwand für andere tief erliegende Differenzen abgeben mag. Seit altersher besaß die große Saloniker „Talmud Thora" ein mit Baracken bestandenes Gelände, dessen Erträgnisse seinem Butget zugute kamen. Um diese Einkünfte zu erhöhen beschloß im Jahre 1900 die Gemeinde, die Baracken abreißen und ein großes neues Gebäude konstruieren zu lassen. Da die Gemeinde aber nicht die nötigen Kapitalien für diese Unternehmung besaß, übertrug sie den Bau an zwei Juden, denen dafür die in bestimmter Höhe festgesetzte Pacht auf fünfundzwanzig Jahre zugesprochen wurde, Das Haus, der „Dschedid-Chon," ist gebaut und seine Mietseinnahmen haben sich im Laufe der Jahre außergewöhnlich gesteigert. Das nahmen gewisse Kreise zum Anlaß, die Auflösung des Pachtvertrages zu verlangen. Zum Fürsprecher dieser Forderung machte sich der „Cercle des Intimes". Die Gemeinde und Rabbi Jakob Meir stehen dagegen auf dem Standpunkte, daß der Kontrakt als völlig rechtsgültig aufrecht erhalten werden müsse, da er in voller Verantwortlichkeit unter Voraussetzung der möglichen Terrainwertänderungen auf Treu und Glauben abgeschlossen worden sei. Über diese Frage ist nun, man sollte es fast nicht für möglich halten, das ganze Gemeindeleben Salonikis ins Wanken geraten. Der „Cercle" und seine Presse versetzen mit allen Mitteln der Demagogie die Bevölkerung in Erregung gegen den Gemeinderat, der auf seinem Standpunkte beharrt, und irritiert durch die maßlosen Angriffe mit dem Gedanken umgehen soll, zurückzutreten. Vielleicht ist es just das, was die Mächtigen des „Cercle des Intimes" erreichen wollen; jedenfalls wäre das ein Unglück für die Gemeinde, die mit bewährter Umsicht geleitet worden war. Also, »Jerusalem, Beirut und nun auch Saloniki in voller Zerrüttung: es steht wahrlieh nicht gut um die Entwicklung der ottonianischen Juden.

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