Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Rabbi Jakob Meir geht Es scheint nun doch, daß der Großrabbiner von Saloniki sich entschlossen hat, nach der heiligen Stadt zu gehen. Vielleicht hat eben der Ausbruch des innern Krieges in Saloniki ihn zu diesem Entschlüsse veranlaßt. Es verlautet, er habe die Annahme des Amtes des Rischon le Zion zugesagt, wenn jetzt erneut alle Jerusalemer Parteien mit dem formellen Wunsche an ihn herantreten würden. Ein von allen Gemeinden und Parteien Jerusalems unterfertigtes Schreiben in diesem Sinne soll nun bereits bei ihm eingelaufen sein und ihn zur positiven Entscheidung bestimmt haben. Saloniki geht infolge dieses Entschlusses einer sehr trüben Zukunft entgegen. Einen Mann gleich Jakob Meir wird es schwerlich wieder finden. Die Entwicklung der Saloniker Talmud-Thora Die ganze Stadt ist sich einig darüber, daß mit dem Engagement des bekannten Pädagogen Jizchak Epstein ein glückliches Los gezogen wurde. Mit jugendlicher Entschiedenheit und unermüdlicher Aiiedauer geht er an die Reformen heran und bringt sie zur Durchführung. Das Rieseninstitut ist so auf dem besten Wege zu einer modernen hebräischen Musteranstalt zu werden. Auch sonst geht tiefe Wirkung von der Persönlichkeit Epsteins aus. Er hält häutig große Vorträge über allgemein kulturelle und jüdische Fragen, die von immer wachsenden Zuhörermassen besucht Werden und zu Bewunderung und Begeisterung hinreißen. Der letzte dieser Vorträge hatte, wie schon berichtet, zum Thema: „Das Nationalgefühl bei den Völkern." Rabbaniten und Karäer Diese beiden getrennten Auffassungen religiösen Judentums haben im Laufe der Diaspora unsers Volkes so oft im Kampfe zueinander gestanden, daß dieser ein ständiges Kapitel in der jüdischen Geschichte ausmacht. An diese alten Kampfzeiten wird man erinnert, wenn man die augenblicklich in karäischen Kreisen der türkischen Hauptstadt herrschende Aufregung beobachtet. Veranlassung gab ein Artikel in der „Aurore", der „horreur des sectes" betitelt war und gegen die scharfe Scheidung von Sephardim und Aschkenasim zu Felde zog. Darin war en passant gesagt, die Sephardim könnten, wenn ihre absolute Trennung von den Aschkenasim fortdaure, durch ihre Isolierung in ähnlichen Verfall geraten wie die Karäer. Dieser Ausdruck, der absolut nicht verletzend gemeint sein sollte, hat die empfindlichen Gemüter unter unsern karäischen Volksgenossen schwer getroffen. Sie sahen darin offenbar ihre Existenzberechtigung in Frage gestellt. Ein äußerst heftiger Gegenartikel in der „Turquie" gab diesen Empfindungen mehr als lebhaften Ausdruck. Ohne mit den ihm in der Erregung entgegengeschleuderten Invektiven zu rechten, hat nun der Verfasserdes ersten Artikels seinen Standpunkt erneut in der „Aurore" präzisiert und dabei zwar die historische Berechtigung seines Urteils festgestellt, gleichzeitig jedoch keinen Zweifel darüber gelassen, daß es ihm nicht um eine Verschärfung der Trennung zwischen uns und den Karäern zu tun sein kann, sondern im Gegenteil die Herstellung engerer Beziehungen erstrebt werden müsse, die wie nichts andres zur Wiederbelebung und Hebung des karäischen Volksteils führen könnten. Bei dem herzlichen Verhältnis, das just in Konstantinopel seit dem Besuche Nahum Sokolows in der Karäersynagoge zwischen den hiesigen Nationaljuden und den Karäern, die aufrichtig treue Volksgesinnung zu erkennen gaben, sich angebahnt hatte, erscheint diese ganze Kontroverse lediglich ein unliebsames Mißverständnis, das, hoffen wir, bald spurlos vorüber sein wird. So ernst wir eine Heranziehung dieses versprengten Volkselements wünschen, so ernst besteht auch auf seiner Seite dazu die Neigung. Wenn die Realisierung auf sich warten läßt, so ist, darauf muß der Gerechtigkeit halber gebührend hingewiesen werden, zum größern Teil die abweisende Haltung der Nichtkaräer schuld, die die Karäer hierzulande von ihrem engem Verkehr und zumal von der Blutmischung durch die Ehe rigoros ausschließen. Kleine Nachrichten Der erste jüdische Korporal in der Türkei ist der junge Juda ben Mosche aus Saloniki, der vor einem Jahre als Freiwilliger in die Armee eingetreten war, und dessen militärische Leistungen ihm frühzeitige Beförderung eingetragen haben. Der Vormarsch des „Makkabi" In allen Sektionen des Makkabi hat mit Einsetzen des Herbstes von neuem fieberhafte Tätigkeit begonnen. Unglaublich ist der Andrang der noch schulpflichtigen Jugend. Die Turnhalle zu Balat wird allwöchentlich zweimal während der Übungsstunden der Jugendriege von Hunderten von Kindern umlagert, die auf der Straße draußen noch wenigstens einen Schimmer der weißen Flanells und der blauen Magendawids oder den Widerhall eines hebräischen Kommandoworts erhaschen möchten. Jetzt, da die Abteilungen alle organisiert und in Gang gekommen, mußte an die bessere Ausstattung der vielen Turnhallen gedacht werden. Es ging nicht mehr an, daß die Halle von Pera ihre Geräte dahin und dorthin ausleihe. Es haben daher sämtliche- Einzelsektionen auf eigene Rechnung und Gefahr die Anschaffung einer vollkommenen Geräteaustattung beschlossen. Die Opferfreudigkeit unter der turnenden Jugend aller Vororte bei dieser Gelegenheit war außerordentlich, viele taten fast über ihre Kraft. Und so ist es denn gelungen, die ganz bedeutenden Bestellungen zu machen; das Eintreffen der Geräte wird in einigen Wochen erwartet. Nach den Feiertagen, wenn dann alles Erforderliche zur Stelle sein wird, wird das Turnen einen neuen und viel größern Aufschwung nehmen. Die „Amicale" in den Spuren des Makkabi Die Segnungen des Kulturwerks der Makkabisten werden bereits bei ihren Gegnern sichtbar. In Kreisen der Alliance hat man gelernt, die Bedeutung der Leibesübungen für die hiesige Jugend zu schätzen. Auch will man nicht, daß die Schulen der Alliance länger hinter denen des Hifsvereins in dieser Beziehung zurückstehen. Es heißt daher, daß die „Amicale", von der man sonst bisher kein Lebenszeichen vernommen, nunmehr Schritte getan hat, um das Turnen vorläufig in drei Schulen der Alliance einzuführen. Es sollen für die Hallen der drei Schulen in Hasköj, Balat und Galata Geräte bestellt sein und Turnlehrer demnächst angestellt werden. Das ist, wenn sich die Mitteilung bewahrheitet, eine höchst erfreuliche Entwicklung. Der Makkabi wird dadurch in seiner übergroßen Aufgabe zu einem Teile entlastet, und die Basis für seine weitere Wirksamkeit unter der herangewachsenen Jungmannschaft wird festere Fundierung finden. Aus der Gemeinde Es ist ein Verein mit dem Namen „MorS newuchim" in Bildung begriffen, dessen Aufgabe es ist, die arme jüdische Schuljugend den Missionsschulen und den ihnen verwandten Anstalten zu entziehen und in jüdischen Schulen unterzubringen. * * * Der nationale Verein „Bne Israel" hat sich mit dein Verein zur Verbreitung der türkischen Sprache „Tamin lisson osmanie" fusioniert. Die hebräischen Abendkurse sind in regelmäßigem Fortgang. Ein hebräischer Abendkursus für Kinder erhielt über 350 Anmeldungen und konnte eben wegen dieses außerordentlichen Zuspruchs nicht beginnen, weil kein geeignetes Lokal zur Verfügung stand. Es schweben gegenwärtig Verhandlungen mit dem Großrabbinat wegen Überlassung eines iSchulgebäudes zu diesem Zwecke. Der Verein geht damit um, einen hebräischen Kindergarten in Hasköj zu eröffnen. Im Laufe des dreimonatlichen Bestandes des Vereins sind sechs öffentliche Vorträge veranstaltet worden, der letzte davon am 10. September von Redakteur Sei uto, Herausgeber der „Aurore". An derselben Stelle sprach acht Tage später Redakteur M. A. Almalech aus Jerusalem über die hebräische Dichtung des Mittelalters und speziell über Leben und Werk Jehuda Halevys. Am 18. Sept. endlich Redakteur Maurice J. Cohen im Saale des „Makkabi" in Balat über das Thema: „Das Volk ohne Führer". Alle drei Vorträge waren sehr stark besucht und übten tiefe Wirkung. Unter dem Eindrucke der prachtvollen Rede des Herrn Almalech, der in glühenden Farben auch die Poesie des heute entstehenden Palästina schilderte, stiftete unser wackerer Gesinnungsgenosse Apotheker Barsilai einen Ölbaumhai n von hundert Bäumen. * * * Am Beginn des Ramasan, des Fastenmouats und der Theatersaison der Türken, ist durch den berühmten Schauspieler Burhaneddin Bey das Drama „Dreyfus" des jüdischen Autors M. J. Loria zur Aufführung gebracht worden. Das Stück erntete großen Beifall; Burhaneddin Bey richtete in der Folge ein Glückwunschschreiben an die „Aurore". Aus der Provinz Talaat Bey, der Minister des Innern, befand sich dieser Tage auf einer Reise in Adrianopel. Dort wandte sich die Ehefrau jenes armen Juden, dessen Haus durch die Behörden gewaltsam zerstört worden war, an den Minister mit der Bitte, ihre Sache einer neuen Untersuchung zu unterziehen. Taalat Bey, der sich in spaniolischer Sprache mit der Frau unterhielt, versprach^ s;ch ihrer anzunehmen..— Der Minister war übrigens vor einer Reihe von