Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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980 DIE^ELT No. 40 Einfluß geschickt auszubreiten und zu festigen versteht. Die Palästinagesellschaft unterhält gegenwärtig 102 Schulen im Orient, darunter ein Lehrerseminar in Nazareth und ein Frauenseminar in Betlehem für Kinder orthodoxer Eltern. In jeder Schule hängt das Bild des russischen Kaisers. Jährlich werden Unmengen von diesen Bildern unter die Orthodoxen in Syrien verteilt. Viele Araber haben in ihren Wohnräumen das Bild des russischen Zaren an der Wand. In Jerusalem besitzt die russische Mission ein ganzes Stadtviertel, das von dicken Mauern umgeben, den Eindruck einer stark befestigten Zitadelle macht. Bis jetzt unterstanden alle russischen Organisationen in Palästina und Syrien der höchsten russischen geistlichen Behörde, dem Heiligen Synod in Petersburg. Die russische Regierung fand aber augenscheinlich, daß diese Behörde vor allem geistliche Interessen im Auge hatte und die politische Propaganda nur als Nebenfach betreibt. So beschloß denn die Regierung, die Schulen der Kaiserlichen Palästinagesellschaft in Palästina . und Syrien von jezt ab unter die Leitung des Ministeriums des Äußeren zu stellen, damit dessen Tätigkeit mehr in Einklang mit den politischen Interessen Rußlands im nahen Orient gebracht werde. Trotz dieser „LaTsierung" sucht Rußland natürlich auf der Basis der kirchlichen Einflüsse die Erweiterung seiner Macht in Palästina. Das allgemein zugegebene Anwachsen derselben in den letzten Jahren "befriedigt es noch nicht; Es will die faktische Führung der Orthodoxie in Palästina, die noch das Griechentum innehat, um jeden Preis. Es behauptet, das Griechentum habe kein moralisches Anrecht auf diese Führung, da es weder politische, noch militärische Macht besitzt, und sich völlig unfähig erwiesen habe, dem Katholizismus und Protestantismus aus Palästina zu verdrängen. Die westliche Christenheit habe überhaupt kein Anrecht auf Palästina, das die eigentliche Einflußsphäre der östlichen Christenheit bilde. Die russische Presse fordert nun, durch geschickte Agitation das Interesse der russischen Volksmassen für Palästina zu wecken. Gewaltige Pilgerzüge aus Rußland würden das russische Ansehen in Palästina von selbst heben. Die Gründung russischer Schulen und Hospitäler im Heiligen Lande würde dann den russischen Einfluß endgiltig sicherstellen. Die Presse hofft, daß die offizielle Türkei die russischen Bestrebungen in dieser Hinsicht fördern werde. Diese Hoffnungen allrussischer Blätter erscheinen reichlich naiv. Die offizielle Türkei wird es sich mehrmals überlegen, ob sie es zulassen, geschweige denn fördern soll, daß eine feindliche Großmacht in einer ihrer schönsten Provinzen wie in einer eroberten schalten und, ganz wie unter dem schwärzesten alten Regime, alles aufwendet, um zu unverhüllter, mit moralischen und halbmilitärischen Kraftstationen befestigter. Alleinherrschaft zu gelangen. Deutschland in der Türkei Kein Zweifel, daß das Deutschtum in der Türkei seit einiger Zeit wieder außerordentliche Fortschrilte macht. Türkische Offiziere studieren in Deutschland, deutsche Instruktoren heben die Wehrfähigkeit des ottomanischen Reiches. Die Handelsbeziehungen werden tagtäglich vielfältiger und enger. Deutsches Kapital und deutsche Initiative rücken immer mehr auf jene Posten ein, die der abwärtsgehende französische Einfluß verlassen muß. Die deutsche Sprache wird immer mehr eine der im ökonomischen Leben der Türkei notwendigen internationalen Idiome. In der Richtung dieser Entwicklung liegt es, daß eine außerordentliche Generalversammlung der Aktionäre der „Deutschen Orientbank", die am 22. September in Berlin tagte, beschloß, das Aktienkapital der Bank auf 32 Millionen Mark zu erhöhen. Diesem allgemeinen Fortschritt des Deutschtums entspricht jedoch bekanntlich seine augenblickliche Stellung in Palästina nicht. Diese wird im Gegenteil von Tag zu Tag mehr gefährdet. Das deutsche Blatt in Konstantinopel hat unterm 9. und 21. d. Mts. wieder neue alarmierende Telegramme erhalten. Die erste dieser Depeschen meldet, daß drei Kolonisten von Wilhelma auf ihren Ländereien von den Einwohnern des Dorfes Tireh angefallen und schwer mißhandelt wurden. 'Der andern zufolge wurden im Waldgebiet von Betlehem neuerdings 110 Eichbäume gefällt. Die Diebe schössen auf die Waldhüter. Deutsche Kolonisten wurden bei der Verfolgung von dreißig Fellachen mit Gewehren und Revolvern bedroht. Es verlautet dahei, daß die deutschen Kolonien ein gemeinschaftliches Memorandum sowohl an die deutsche Botschaft in Konstantinopel wie an die Regierung in Berlin gerichtet haben, in dem ihre unhaltbare Situation dargelegt und um wirksame Hilfe gebeten wird. Die allgemeine Unsicherheit in Syrien Die Unsicherheit des Lebens und Besitzes ist gegenwärtig kein Vorzug ausschließlich Palästinas, sondern ganz Syrien hat unter ihr zu leiden. So sind jüngst die Beamten und Arbeiter der Eisenbahn Tripolis—Horns, die schon jeher Angriffen der Bevölkerung ausgesetzt war, wieder einmal von dieser beschossen worden. Gepäck und Pferde des Unternehmers wurden gestohlen. Der Unternehmer protestierte beim Arbeitsministeriurn und drohte mit Arbeitseinstellung und Stellung von Schadenersatzansprüchen an die Regierung. Es ist nicht gut daran zu zweifeln, daß diese fortdauernden Nöte und Reklamationen auf allen Seiten, von jüdischen und deutschen Ansiedlern und von ausländischen Unternehmern endlich doch die türkische Regierung veranlassen werden, energisch einzugreifen und ein für allemal die unruhige syrische Bevölkerung zur Räson zu bringen. Hoffentlich wird der Drusenkrieg, den die Regierung in diesen Tagen begonnen hat, zu schnellem Abschluß kommen, damit die im Dschebel Drus vor sich gehende Pazifierung und Herstellung fester, durch starke Garnisonen behüteter Ordnung bald auch auf das ganze Syrien Ausdehnung finden. Genau wie das ewig raub- und mordlustige Albanien nach dem Zeugnis der letzten Reisenden durch die Aktion Mahmud Schafket Paschas heute bis in die kleinsten und entferntesten Landflecken beruhigt und behütet erscheint, so müßten auch hier bis in die Bergschtuchten hinein und bis an die östliche Wüste hinüber endlich der neidische Fellache und der wilde Beduine der strengen Macht des Staates begegnen, die ihn vor Ausschreitungen ebenso schützt wie zurückhält. Noch einmal die ausländischen Lehrer Immer noch droht dem ohnedies schwergeprüften jüdischen Schulwesen der Türkei der schwere Schlag, daß alle in ihm tätigen ausländischen Lehrer plötzlich auf das Pflaster geworfen werden. Nachdem die Regierung beschlossen hatte, daß Lehrer fremder Untertanenschaft in den Landesschulen nicht mehr unterrichten dürfen, übermittelte ein Takrir des Ministeriums dem Großrabbinate die Order, daß alle ausländischen Lehrer der jüdischen Schulen unverzüglich zu entlassen seien. In Anbetracht der verhängnisvollen Wirkung, die die Ausführung dieser Order für das jüdische Schulwesen haben müßte, das der vollkommenen Desorganisation verfallen würde, erwiderte der Großrabbiner in folgender Weise: Die meisten aller in Betracht kommenden jüdischen Lehrer seien im Lande geboren und erzogen und voller Ergebenheit und Anhänglichkeit für die Türkei, so daß von ihrer Amtsführung für die patriotische Erziehung der jüdischen Jugend nichts zu fürchten stände; im übrigen würde das Großrabbinat dafür Sorge tragen, daß in Zukunft keine weitern ausländischen Lehrer mehr an den jüdischen Schulen Anstellung finden. Die Regierung ersuchte hierauf in einem neuen Takrir um Mitteilung der Namen aller ausländischen Lehrer an den jüdischen Schulen und Bezeichnung der Fächer, in denen sie unterrichten. Es gibt nun drei Möglichkeiten für die endliche Regierungsentscheidung. Sie kann entweder das Verlangen des Großrabbiners ablehnen und auf der Entlassung der Lehrer bestehen, oder sie kann ihm entsprechen, aber nur für diejenigen Lehrer, welche (nach? den Ausführungen des Großrabbiners) in .der Türkei geboren und erzogen sind, oder sie kann alle in ihren Ämtern belassen. Die letzte Eventualität scheint noch Aussichten zu haben. Aber angenommen selbst, sie würde Wirklichkeit, so wäre die Lage immer noch trübe, ja verzweifelt genug. Es scheint auf alle Fälle jeder neue Zuzug von auswärtigen Lehrkräften für die Zukunft unterbunden. Das bedeutet einen bösen Stillstand in der Entwicklung. Es existiert bekanntlich in der ganzen europäischen und asiatischen Türkei nicht mehr als ein einziges Lehrerseminar, das des Hilfsvereins in Jerusalem, und außerdem nur noch die „ficole normale Orientale" der Alliance in Paris, welche ottomanische Lehrer vorbereiten können. Alles übrige Lehrermaterial wird, von einigen Ausnahmen abgesehen, von vornherein als mindergeeignet, zum Teil als minderwertig angesehen werden müssen. Dieses ganze Heer pädagogisch Minderwertiger wird auf viele Jahre hinaus unersetzbar bleiben, da der Zuzug vom Auslande abgeschnitten ist. Arn allermeisten leiden muß Palästina, das in seinen vom Anslande herbezogenen Lehrern unstreitig das wertvollste Personal, die eigentliche moralische Hebekraft des Landes besitzt; und im ganz besondern leiden muß auch das Hebräische, dessen Kenntnis bei den ottomanischen Juden leider nur ein sehr beschränktes ist. Mögen auch noch so eilig, was wir pessimistisch genug sind, in Zweifel zu ziehen, neue Lehrerseminare für ottomanische Juden gegründet werden, — so muß doch zumindest ein Jahrfünft vergehen, ehe die ersten Resultate derselben sichtbar sein können. Darum ist der neue, eigentlich gegen die Griechen und Bulgaren zielende Erlaß des Unterrichtsministeriums ein schwerer, f fast unverwindbarer Schlag auch für uns Juden. Dem „Journal de Salonique" zufolge soll das Zentralkomitee der Alliance die Möglichkeit ins Auge gefaßt haben, die „£co!e normale Orientale" aus Paris nach Konstantinopel überzuführen. Die