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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 40 DIEMKE LT v 979« interessante Daten aus dem Leben des Londoner und New Yorker Immigrationswesens der Konferenz mitzuteilen hatten. Zu einem endgültigen Beschlüsse kam es dabei nicht. Das New Yorker Galveston-Komitee erklärte sogar ganz kategorisch, ,daß die Einwanderung der Juden über Galveston nach Amerika durchaus nicht besorgniserregend und demnach ein solches Problem einfach aus der Luft gegriffen sei. Laut den bei der geheimen Konferenz erteilten Aufklärungen des New Yorker Galveston-Komitees sind die in Frage stehenden Einwanderer durch ein Versehen der Verwaltung zurückgeschickt worden; eine systematische Deportation von Galveston-Einwanderern gibt es nicht. Diese Aufklärung hob die Debatte, insofern sie sich auf die Immigrationsfrage bezog, vollständig auf. Näheres über das Hiersein und Tun und Lassen der genannten Herren läßt sich vorläufig nicht ermitteln. Kein jüdisches Geld für Antisemiten Das „Nassan Hospital" in Long Island bildet heute den Sprechstoff der jüdischen Wohltäter New Yorks, die an dem Aufbau sowohl als auch an der Aufrechterhaltung desselben finanziell große Verdienste haben. Der Superintendent dieses Spitals erhält heute die erste wohlverdiente Lektion von Herrn M. L. Schiff, dem Sohne des Jacob H. Schiff, indem dieser in einem an das Spital gerichteten Schreiben jede weitere Stütze energisch ablehnt und sie von der unbedingten Enthebung des Superintendenten von seinem Amte abhängig macht. Dr. Hotcheson, ein Kernamerikaner, ist der noble Leiter (Superintendent) des Spitals, der vor Monaten eine Annonce in die hiesigen Zeitungen rückte, in der tüchtige Spitalärzte gesucht werden. Ein jüdischer Arzt namens Dr. N. Guttman war einer der um den Posten sich bewerbenden Kandidaten, der jedoch vom Superintendenten die briefliche Erklärung erhielt, diß das „Nassan Hospital" keine Juden als Ärzte wünsche, Herr Dr. Guttman übergab das antisemitische Dokument zwecks Veröffentlichung an die Presse, welche jedoch, mit Ausnahme des „Evenig Journal", die Sache totschwieg. Das „Enning Journal", eines der liberalsten Blätter Amerikas, setzte sich seinerzeit mit dem Superintendenten gründlich auseinander und forderte die reichen und wohltätigen Juden zur Zurückziehung ihrer Stipendien fürs „Nassan Hospital" auf. Es wurde in der Tat eine Untersuchung eingeleitet, die die Aussagen des Herrn Dr. Guttman vollinhaltlich bestätigt und Dr. Hotchesons Vergangenheit als Antisemit klipp und klar ans Tageslicht gefördert haben. Stillschweigend war es bei Herrn Schiff schon lange eine beschlossene Sache, daß er diese Anstalt nicht mehr stützen werde, der Krach kam aber erst heute heraus, weil Herr Dr. Hotcheson sich erfrechte, Herrn Mortimer Schiff um neue Geldeinsendungen anzusuchen. Herr Schiff erläßt an sämtliche jüdische Wohltäter Amerikas einen Aufruf, seinem Beispiele zu folgen. „Gegenwehr, nicht Abwehr" wird es von nun ab auch in Amerika heißen. Prof. Gottheil zurück von Palästina Prof. Dr. Richard Gottheil, gewesener Präsident der Federation of American. Zionists und Chef der semitischen Abteilung an der Columbiaer Universität, ist heute von seinem sechzehnmonatlichen Aufenthalt in Palästina, wo er über die amerikanisch-archäologische Schule die Aufsicht hatte, wohlbehalten zurückgekehrt. Prof. Gottheil ist voll des Lobes über die Jungtürken, von denen die Türkei vieles zu erwarten habe. Die seit der letzten 35 Jahre vernachlässigte Türkei wird, behauptet Herr Prof. Gottheil, den Jungtürken noch viel Schwierigkeiten bereiten; es ist jedoch zu erwarten, daß die energischen Neuerer allejs überwinden und dadurch auch die Lage der Juden bessern werden. Schon jetzt will Herr Prof. Gottheil eine Änderung zugunsten der Zionisten wahrgenommen haben. Der Fortschritt läßt sich in keiner Hinsicht verleugnen. Die jüdischen Kolonien seien zufriedenstellend und im Begriffe, moderne Zentren jüdischen Lebens zu werden. Herr Prof. Göttneil wird seine in Palästina gesammelten Erfahrungen in Bälde zur Veröffentlichung bringen. Zionistische Geistliche New York hat mehrere Geistliche, die für den Zionismus in die Schranke treten. Herr Madison C. Peters hat bereits den Rekord hinter sich, auf allen zionistischen Versammlungen von Bedeutung gesprochen zu haben. Jetzt spricht er weniger, macht aber mit seinem Buche „Justice lo the Jews" (Gerechtigkeit den Juden!) keine üblen Geschäfte, obwohl er allmählich zu der Oberzeugung gelangt, daß er bei den Juden mit einem antisemitischen Buche mehr Erfolg gehabt hätte. So wenigstens ließ er sich unlängst hören. Das „Jiddische Tageblatt" hat ihm auf Grund dieser Erklärung ordentlich heimgeleuchtet, und Herr Madison C. Peters, der infolge zu freier Gesinnung aus der Kutte springen mußte, kündigt nun einen vorläufigen Stillstand an. Herr Arcadius Avellanus, mit seinem vollen Namen Dr. Arpad Magyarossy, gab das Priesteramt gleichfalls auf und hat außer Latein, das er mit Erfolg unterrichtet, auch noch für den Zionismus was übrig. Bei einer unlängst stattgefundenen zionistischen Versammlung wies Herr Magyarossy seinen kahlen Schädel und rief seinen jüdischen Gesinnungsgenossen zu: „Seht ihr, wie dieser Kopf ohne Haare, so sieht Palästina ohne Juden aus." Arcadius-Magyarossy wirkt für den Zionismus in ungarischen Kreisen ziemlich erfolgreich und erteilt seinen Landsleuten nicht selten eine gute Lektion. Der Dritte und zugleich der Interessanteste im Bunde ist Herr Pastor Rüssel, Seelsorger der Brooklyner „Tabernacle"-Kirche. Dieser Geistliche kehrte jetzt von einer Palästinareise heim und will die Prophezeiung mitgebracht haben, daß „Gottes Königreich auf Erden nicht mehr fern" sei, und daß es ausschließlich an den Juden ist, dieses ,,goldene Zeitalter" herbeizuführen. Pastor Rüssel verfügt über eine hohe oratorische Begabung, erfreut sich eines guten Rufes und wird von vielen Zionisten sogar ernstgenommen. Er beruft große* Massenversammlungen ein, sendet zionistische Zirkulare niemals ohne Nationalfondsmarken aus und veröffentlicht seine Predigten auch in jüdischen Zeitungen. Ob Pastor Rüssel Mission treiben will oder es mit dem Zionismus aufrichtig meint, darüber ist sich keiner vollständig klar. Sehr leicht möglich, daß auch dieser den andern zwei Geistlichen folgen und aus der Kutte springen, dann Bücher mit jüdischem Inhalt herausgeben und mit Juden Privatgeschäfte machen wird. Jedenfalls hat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch eine Sensation, die es dieses Namens würdig macht. S. ß. New York, 18. Sept. 1910. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Lage der Türkei Wieder ist eine der aufregendsten politischen Wochen für die Türkei dahingegangen. Die Anleihe in Paris ist nicht zustande gekommen, und der Riß zwischen der Türkei und Frankreich hat sich erweitert. Bei der Gelegenheit ist wieder einmal an die tunesisch-algerische Wunde gerührt worden, und ganz besondere Bitterkeit zwischen beide goß die Sensationsnachricht von dem Abschluß einer türkisch-rumänischen Geheimkonvention, die zwar verschiedene halboffiziöse Dementis erfuhr, aber trotzdem der Realität völlig oder in einer verwandten Form entsprechen dürfte. Damit hätte denn die Türkei den entscheidenden außerpolitischen Schritt getan; denn die intimen Beziehungen Rumäniens zu den Dreibundmächten sind zur Genüge bekannt. Am empfindlichsten von dieser neuen Konstellation betroffen ist das heilige Rußland, das zwei Jahre hindurch den Schafspelz der Türkenfreundlichkeit tragen durfte, sich aber nun mit dem unverhüllten Zähnefletschen des echten Wolfes als der alte Erbfeind bekannt hat Die beiden neuen türkischen Kreuzer schon hatten es Väterchen angetan; jetzt, da Rumänien sich anscheinend verbündet hat und daran geh', sich auf dem Schwarzen Meere ebenfalls einen Kriegshafen und eine Flotte zu erbauen, beginnt das Zarentum zu toben und stürzt sich mit Wut an eine Verdreifachung seiner Seestreitkräfte auf dem „echtrussischen" Meere, dessen Neutralisierung gar der bislang so russenfreundliche „Tanin" verlangt hat. An der ganzen Entwicklung ist just diese Erscheinung für uns das Sympathische. Nichts hätte uns bitterer schmerzen können, als das Moskowitertum am Bosporus wieder zu Einfluß, vielleicht gar zu ausschlaggebendem, gelangen zu sehen, und es bindet die Juden wieder fester noch an die Türken, mit ihnen gemeinsam den gleichen Feind zu haben. Wenn der Lauf der Dinge es fügen sollte, daß dadurch auch in Palästina das Russentum matt gesetzt wird, so wird diese Freude für uns besonders realen Boden gewinnen. Die Türkei scheint jedenfalls durch den bereits vollzogenen oder im Gange befindlichen Anschluß an Deutschland-Österreich sehr gestärkt Nur die Geldbeschaffung bleibt für sie eine peinliche Frage, die immer ein schweres Eratwicklungshemmnis bleiben wird, wenn sich nicht wieder bessere politische Beziehungen zu Frankreich ergeben oder das materielle Interesse sich nicht auch in Paris stärker erweisen sollte als hochpolitische Disharmonien. Rußland in Palästina „Seit Jahren", so .schreibt der „Osmanische Lloyd", „arbeitet Rußland mit zäher Energie an der Ausbreitung seines Einflusses in Palästina und Syrien. Die Kaiserlich russische Palästinagesellschaft, hinter der die russische Regierung sich verbirgt, verfügt über sehr bedeutende Geldmittel, mit deren Hilfe sie den russischen

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