Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316446--53767-3347535
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

978 DIE3^ELT No. 40 Ihrem treu-deutschen Empfinden entsprechend, haben die liberalen Juden das Deutsche dem Hebräischen vorziehen zu müssen geglaubt. Dabei geben die liberalen Juden in ihren Aufrufen vor, das Hebräische fördern zu müssen! Wie sie diese doppelte Haltung mit ihrer Parole in Wahrheit treu vereinbaren können, dies zu erklären bleibt Justizrat Breslauer überlassen. An sich genommen, war die ganze Synagoge überflüssig, da sie nur für wenige extreme Heißsporne gebaut ist. Daß sie das ganze Jahr hindurch leer bleiben wird, ist ganz klar, und in Frankfurt geht schon der Witz herum: „Jom-Kippur-Abend wird verkündet: Nächsten Rosch-haschonoh betet man um 6 Uhr 20." Bei den großen Kosten, die die Synagoge verursacht hat, klingt es wie eine Ironie, wenn man die Bestimmung hört, daß dieselbe an Wo chentagen geschlossen bleibt, und statt dessen eine besondere Synagoge zur Verfügung steht, die ganze — 32 Plätze faßt. Dabei belaufen sich die Kosten auf 1*4 Millionen Mark, die man hier einfach hinausgeworfen hat, während der Neubau des Hospitals aus Geldmangel verschoben werden muß. Wahrlich, wenn die Sache nicht so tragisch wäre, bötesie guten Stoff für eine Farce. Die Einweihung, zu der sich alle Spitzen der Behörden eingefunden hatten, fand Mittwoch, den 28. September, abends 6 Uhr statt. Justizrat Dr. Blau hielt die Eröffnungsrede namens der Gemeinde, in der er darauf hinwies, daß die Gemeinde als solche in religiösen Fragen neutral sei und die einzelnen Richtungen befriedigen müsse, weshalb denn auch diese Synagogegebaut worden sei. Als ob die Hauptsynagoge nicht die „großen" religiösen Bedürfnisse der liberalen Gemeindemitglieder zur Genüge befriedigen kann! Rabbiner Dr. Seligmann hielt die Predigt, db oratorisch ein Meisterstück, inhaltlich in der Ausführung zweier an Wert verschiedener Gedanken gipfelte. Während der eine Teil, der die ideale Größe des Judentums schilderte, durch die Wahrheit der Ausführungen und die Begeisterung des Vortrages auf die Zuhörer einen ungemein tiefen Eindruck machte, ließ der andere Teil, der in einer Apologie für das liberale Judentum gipfelte, diese kalt, und erweckte zu sehr den Eindruck einer Entschuldigung. Und qui s'exuse, s'aecuse! Wir wollen hoffen, daß mit dieser Synagoge die Ansprüche der liberalen Gemeindemitglieder, die der Gemeinde am wenigsten eintragen, vollständig befriedigt sind, und daß der Vorstand in Wahrung seiner Neutralität jetzt wieder mehr für die Bedürfnisse des traditionell gerichteten Teiles der Gemeinde sorgen wird. Auch dieser hat in derselben Woche einer Fe i er begangen, die Amtseinführung des neuen Rabbiners Dr. Nobel. Dieser war Donnerstag, den 29. September aus Hamburg eingetroffen, und war am Bahnhof von Vertretern des Vorstandes und des Ausschusses der Gemeinde sowie der Ritualkommission und des Synagogenkomitees der Synagoge am Boerneplatz empfangen worden. Am darauffolgenden Freitagabend fand die Amtseinführung statt. In seiner Antrittspredigt betonte Dr. Nobel, das Werk seiner Vorgänger, der großen Frankfurter Rabbiner, fortsetzen zu wollen und im Geiste seines Vorgängers, Markus Horowitz, für die Einheit und den Frieden im Judentum wirken zu wollen. Doch auch dieses feierliche Ereignis befriedigte nur einen Teil unserer Judenheit, während ein anderer teilnahmslos, teils sogar mit gegnerischen Gefühlen, abseits blieb. Die imselige Zersplitterung ist eben so weit fortgeschritten, daß die hiesige Judenheit sich nicht einmal in der Freude einen und keine Feier gemeinsam begehen kann. m Erfreulicherweise machen aber auch die Bestrebungen innerhalb der Frankfurter Judenheit Fortschritte, die eine Einigung aller Juden anstreben. So ist vorige Woche ein neuer zionistischer Jugend verein (siehe an anderer Stelle. D. Red.) gegründet worden, dem eine Anzahl Mitglieder beigetreten ist, und dessen Programm noch von einem dam bestimmten vorbereitenden Ausschuß festgesetzt werden soll. Hoffentlich wird die Jugendgruppe, eifrig auf die nationale Heranbildung ihrer Mitglieder bedacht, gute Fortschritte machen und in wahrhaft zionistischem Sinne arbeiten. Einige Tage später wurde auch eine Ortsgruppe der Weltorganisation für hebräische Sprache und Kultur gegründet, die den Zweck verfolgt, die Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur unter der Frankfurter Judenheit zu verbreiten. Nach verschiedenen Ansprachen der Herren Redakteur S. H. Gold mann, des bekannten Historikers S. P. Rabbinowitz (Schefer), des Redakteurs S. Sois und einem Referate des Herrn N. Goldmann, wurde ein vorbereitender Ausschuß gewählt, dem mehrere angesehene Persönlichkeiten der Stadt verschiedener Richtungen angehören. Der Verein, der Kurse zur Erlernung des Hebräischen errichten und Vorträge in hebräischer und deutscher Sprache veranstalten wird, kann gerade in Frankfurt viel Gutes und Ersprießliches wirken und sehr zur Förderung des Hebräischen beitragen. Allerdings ist es dazu notwendig, daß er von allen Kreisen der hiesigen Judenheit, in erster Linie der zionistischen, tatkräftigst unterstützt wird. Brief aus Saloniki In der europäischen Türkei hat sich der Zionismus anfangs sehr schnell verbreitet. In Monastir, Andrianopel, Istip, Strumnitza, Osküb usw. entstanden zionistische Vereine und Komitees. Es wurden 300 Schekel verkauft. Aber infolge der Preßpolemik und besonders infolge des neuen Gesetzes, welches die Koalitionsfreiheit stark eingeschränkt hat, hörten einige dieser Vereine auf zu existieren. Andere wieder gerieten in eine recht unsichere Lage. Alles in allem hat sich jedoch die Begeisterung in Saloniki nicht vermindert; sie ist tiefer und ernster geworden; sie wäre jedoch auch lebhafter und stärker geworden, wenn der „Cercle Bene Sion" nicht mit materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hätte, die ihn an der Arbeit hinderten. Trotz dieser Schwierigkeiten aber setzen die Mitglieder des Cercle Bene Sion die Arbeit für die zionistische Idee unbeirrt fort. DieMajorität der Bevölkerung ist dem Zionismus günstig gestimmt. Es erscheinen hier folgende bedeutendere Zeitungen: „El Avenir" (dem Zionismus günstig), „El Imparcial-4 (neutral), „La Tribuna Libera" (anscheinend unserer Bewegung sympathisch), „La Nation" (unbestimmt) und Ja Epoca" (gleichfalls unbestimmt). Der bestehende Cercle Bene Sion hat ungefähr 100 Mitglieder und besitzt ein geräumiges Lokal in einer der Hauptstraßen der Stadt. Sein Präsident ist Herr Abraham Maliah, Vizepräsident Herr David Florentin, Sekretär Herr Josef Usiel. Durch den Cercle Bene Sion sind im vergangnen Jahre 1100 Schekel eingenommen sowie über 100 Aktien des 'J. C. T. verkauft worden. Ferner ist auch eine sehr rege Propaganda zugunsten des Jüdischen Nationalfonds eingeleitet und schließlich ein Ölbaumhain auf den Namen Saloniki gestiftet worden. Es wurden auch mehrere Vorträge über jüdische Thematas veranstaltet, so über die Geschichte des Judentums, die Moral des Judentums usw. Diese Vorträge übten einen tiefen Eindruck aus und fanden stets zahlreiche Zuhörer. Gegenwärtig werden Vorbereitungen getroffen, um nach den Feiertagen Freikurse in der hebräischen Sprache und in der jüdischen Geschichte zu veranstalten, für welche die Einschreibelisten bereits aufgelegt wurden. Brief aus Amerika (Von unserm Berichterstatter) Dr. Paul Nathan in New York Die Judenheit New. Yorks beherbergt jetzt einen hohen Gast in der Person des Herrn Dr. Pauf Nathan, des Vertreters des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der sich jetzt zum erstenmale auf amerikanischem Boden befindet. Die Zeit .seiner Ankunft war nur wenigen Eingeweihten bekannt, und auch über das Ziel seiner Reise nach Amerika gehen hier verschiedene Gerüchte um. Der Umstand, daß er sich Herrn Dr. S. Lewin, den gewesenen Dumaabgeördneteh, als Reisebegleiter mitbrachte, gestaltet das Rätselraten in den hiesigen jüdischen Kreisen noch vielseitiger und komplizierter. Dr. Lewin ist jetzt zum drittenmale in den Vereinigten Staaten und hat nach wie vor seine guten Gründe dafür. Selbst die amerikanische Presse ergeht sich über die Visite des Herrn Dr. Nathan in Erörterungen, sie weiß aber darüber nur soviel zu berichten, daß er die Lage der Juden in Amerika studieren wolle. Im Hause des berühmten Philantropen Jacob H. Schiff werden jedoch hinter Schloß und Riegel geheime Beratungen gepflegt, die nach der Auffassung vieler von tiefgehender Bedeutung für die zionistische Sache sein können. An dieser Beratung' im Hause des Herrn Jacob Schiff nahmen die Herren Dr. S. Lewin, Karl Stettauer, Richter Nathan Bijtur, Dr. M. Waldman, Sekretär der Vereinigten Wohltätigkeitsvereine New Yorks, u. a. m. teil. Diese Zusammensetzung von größtenteils für wohltätige Anstalten sich interessierende Juden läßt darauf schließen, daß es sich hier um eine philantropische Angelegenheit handelt. Ihr Korrespondent erfährt von gut informierter Quelle, daß sich die Auseinandersetzungen im Hause des großen jüdischen Multimillionärs tatsächlich nur auf diesen Gegenstand beschränkten. Dr. Nathan berichtete aus^ seinen reichen Erfahrungen auf dem Gebiete der Philantropie innerhalb seiner Tätigkeit im Deutschen Hilfsverein, während die Herren Stettauer und Waldman verschiedene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.