Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 40 DIE^ELT 977 Berlin. Allmählich merkt man, daß das Wintersemester herannaht, in dem allein in Berlin politisches Leben zu verspüren ist. Bereits für die Tage zwischen den hohen Feiertagen wird der „Liberale Verein für die Interessen der Jüdischen Gemeinde" in dem Prunksaal der Gesellschaft der Freunde zur Vorübung der Gemeindewahl eine sogenannte Volksversammlung veranstalten, in der aber jede unangenehme Diskussion ausgeschaltet sein soll. Dann werden vonseiten der neuen demokratischen „Jüdischen Wahlvereinigung" die Gegenaktionen sicher nicht ausbleiben. Vielleicht ebenso wichtig wie diese Redeschlachten ist es, daß man in Berlin die ersten Anregungen merkt, die von der Landes- und Ortsorganisation der Histadrüt Ibrijjä ausgehen. Die junge, werdende und werbende Ortsgruppe ist eifrig bemüht, daß endlich einmal die Gelegenheit gegeben werden soll, in Berlin einen guten hebräischen Unterricht auf modern-pädagogischer Grundlage zu finden. Mit einer Reihe von Kursen wird man bereits nach den jüdischen Feiertagen beginnen können. Diese Kurse werden nach Anweisung vorzüglicher einheimischer Pädagogen von Hebräern geleitet, denen das Neuhebräische bereits Muttersprache ist. Außerdem werden von anderer Seite im weitern Verlaufe des Winters weitere Veranstaltungen getroffen werden, die dem immer erneuten Rufe nach der Vertiefung in das" Judentum wenigstens zum Teil Genüge leisten sollen. Auch kann man schon jetzt mit Befriedigung feststellen, daß die im Bunde jüdischer Korporationen vereinigten Vereine jüdischer Studenten einem recht erfreulichen und arbeitsamen Semester entgegengegen, in dem sie neben positiver Arbeit für die jüdische und politische Erziehung ihrer bisherigen Mitglieder auch durch die Gewinnung zahlreicher neuer der Ausbreitung stammestümlicher Liebe zum Judentum dienen. Wer da weiß, daß in Deutschland die jüdischen Studentenvereine die eigentliche nationale Hochschule der jüdischen Jugend sind, daß aus ihnen die zukünftigen Führer unserer Volksbewegung hervorgehen, wird diese Entwicklung mit Freuden begrüßen. Frankfurt a. M. Zur Gründung einer Zionistischen Jugendgruppe fand sich im Saale des ehemaligen Kaufmännischen Vereins ein überaus zahlreiches Publikum ein. Nach der Begrüßung durch Herrn Julius Weil hielt Herr L. Perlmutter ein mit stürmischem Beifall aufgenommenes Referat über „Zionismus und jüdische Jugend," in welchem er an der Hand eines Überblicks über die geistige Verfassung der Judenheit der Gegenwart die Notwendigkeit darlegte, daß durch ein junges, im Sinne der zionistischen Ideale heranerzogenes Geschlecht ein frischer Geist in die Judenheit einziehe. Nach einer scharfen Polemik gegen die Gegner, insbesondere jene, die einen Gegensatz zwischen Zionismus und überliefertem Judentum konstruieren wollen, wies der Redner auf die innere Gemeinschaft zwischen Zionismus und jüdischer Jugend nach, die beide die Zukunft des Judentums darstellen. Redner skizziert dann das reichhaltige Programm, das dem bildenden ebenso wie dem geselligen Moment Rechnung trägt und insbesondere Kurse für jüdische Geschichte, Ten ach, hebräische Sprache, Bücher-undZeitungsschau, Referat- und Diskutierabende bringen wird. Die begeisternden Ausführungen des Referenten, die zur Mitarbeit aufforderten, fanden ihren Widerhall darin, daß sich der neuen Gruppe sofort 57 junge Mitglieder, Damen und Herren, anschlössen. In gehaltvollen Ausführungen begrüßten Herr Dr. Schwarzschild für die Ortsgruppe, Herr Dr. Feuchtwanger für den Misrachi die neue Jugendgruppe. Nach einer sehr interessanten Diskussion wurde dann ein geschäftsführender Ausschuß nominiert, der aus den Herren L. Perlmutter, Josef Bollag- Feuchtwanger, Dr. Gottlieb, Lehrer B. Stern und Frau Bamberg er besteht. Hamburg. In der am 29. September abgehaltenen und von 97 Mitgliedern besuchten Generalversammlung der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona wurde nach Erstattung des Jahres¬ und des Kassenberichts Vorstand und Schatzmeister Entlastung erteilt. Die Ortsgruppe hat im letzten Jahr laut den Ausweisen in der „Jüdischen Rundschau" und ohne die unmittelbar an den N.F. abgeführten Spenden 9634 Jf, für die Organisation aufgebracht, eine Summe, die die von Nicht-Hamburgern während der Kongreßtage gegebenen Spenden nicht enthält. Die vom Vorstand beantragte Erhöhung des Jahresbeitrags der Ortsgruppenmitglieder auf 10 Jt einschließlich Schekel, Landesbeitrag und Lieferung der „Jüdischen Rundschau" wurde mit großer Mehrheit angenommen. Ein Antrag mehrerer Mitglieder betreffend Abänderung des § 5 der Satzungen (Vergrößerung des Vorstands und Fortfall der Kommissionen), führte unter Ablehnung der auf Erweiterung des Vorstands gerichteten Tendenz zu einer Neuregelung der Kommissionen, die, aus je drei Mitgliedern bestehend, 1. Palästina-, 2. die Propaganda-, 3. die N.F.-Angelegenheiten bearbeiten sollen. Dadurch, daß die Kommissionen in internen Ortsgruppen Versammlungen,. womöglich alle zwei Monate einmal den Mitgliedern Bericht über ihre Tätigkeit erstatten, soll das Interesse an den wichtigsten zionistischen Angelegenheiten vertieft und erweitert werden. Zum lebhaftesten Bedauern der Versammlung erklärte der Vorsitzende Dr. Kalmus, daß er aus persönlichen Gründen nicht mehr in der Lage sei, eine Wiederwahl anzunehmen. Die Neuwahl ergab dann: Vorsitz: Rechtsanwalt Bernhard David: weitere Mitglieder des Vorstands: Dr. Chwolles, Estermann, Dr. Halpern, Frau Huldschiner, Dr. Huldschiner, Dr. Kalmus, Leopold Landau, Dr. Victor. Die Gewählten nahmen die Wahl an, Rechtsanwalt David mit einer Rede, die den Verdiensten des scheidenden Vorsitzenden um die Ortsgruppe gerechte und lebhaft akklamierte Würdigung angedeihen ließ. In die Propagandakommission wurden gewählt die Herren Abraham Dr. Besser und Dr. Nathan, in die N. F.-Kommission die Herren Ref. Gottschalck, Heinrich Mayer, Martin Salinger, in die Palästinakommission die Herren Neumann, Dr. Tannenwald, Dr. Weigert, zu Revisoren endlich die Herren Ludwig Mathiason und Mor. S. Wolff. Posen. In der Versammlung der zionistischen Ortsgruppe vom 21. September erstattete unser Delegierter Herr Kareski Bericht über den Frankfurter Delegiertentag. Mit großer Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den Worten des Referenten und bekundete durch wiederholten Beifall ihre Zustimmung zu seinen Ausführungen. An der Debatte beteiligten sich die Herren: Acherek, Wollheim, Dr. Kollenscher, Kareski und Mottek. Zum Schlüsse der Versammlung wurde den Delegierten Dank und Vertrauen ausgesprochen. Österreich Jaroslau. Akad. zionist. Verbindung „Swit": jur. Ludwig Blumenfeld, Senior, med. Wilhelm Schwarzer, Konsenior, jur. Josef Abend, Sekretär. Die Generalversammlung beschloß, den Namen der Verbindung in „Swit-Haschachar" umzuwandeln. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am jo. September iqio abgelaufen war, werden gebeten, die Erneuerung der Abonnements unverzüglich vorzunehmen, damit keine Störungen in der Zustellung der Blätter erfolgen. Posterlagscheine bzw. Zahlkarten an die Abonnenten in Deutschland und Österreich- Ungarn haben wir diesmal direkt per Post eingeschickt und bitten, dieselben zur kostenlosen Überweisung des Abonnementsbetrages zu benutzen. Die Expedition der IVelt" Brief aus Frankfurt a. M. Von unserm Korrespondenten Das religiöse Bedürfnis der Frankfurter Judenheit — das von jeher stark war — ist in der vorigen Woche doppelt befriedigt worden: durch die Einweihung einer neuen Synagoge und durch die Amtseinführung eines neuen Rabbiners. Leider ist beide Male immer nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung befriedigt worden, und ließ den andern sehr unzufrieden, eine Tatsache, die ein grelles Licht wirft auf die Zersplitterung und Gegnerschaft innerhalb unserer hiesigen Judenheit. Die neue Synagoge an der Königsteiner Straße konnte in der Tat nur wenige befriedigen. Äußerlich ein prachtvoller Bau — dessen Wirkung allerdings durch seine Einreihung zwischen Wohnhäusern stark einbüßt — im Innern mit fast verschwenderischer Pracht ausgeschmückt, im vornehmsten Viertel der Stadt, aber die Idee, der die Synagoge dienen soll, kann wirklich nur sehr wenige Jaden befriedigen, nur liberale Juden extremster Richtung. Altjüdische Sitten wurden verletzt, Frauen. und Männer sitzen in einem Räume beisammen, und — was die Synagoge auch allen nationalen Juden, so, unsympathisch, machen muß — das Hebräische ist aus den Gebeten fast ganz ausgeschaltet.