Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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976 ' 01E% Herr ein Jude?" „I wo," entgegnete sie, „er spricht doch nicht Hebräisch." Da nahm ich meinen ganzen Stolz zusammen, und mein bißchen Hebräisch, um zu versichern, daß ich ein Jude sei. Es half mir nicht viel, selbst eine süßere Beweisführung in Form von Schokoladebonbons konnte mir auf der Künstlerbank kein besonderes Ansehen verschaffen. Am andern Tage, als ich mich der Schule näherte, — es war gerade Ruhepause, — da grüßten mich Adah und Rachel nebst zwei andern Kunstgenossinnen aus dem Gezweige eines hohen Baumes. „Und du bist doch kein Jude," zwitscherte Rachel neckend. „Jawohl, ich bin ein Jude, genau so, wie du ein Engel bist, trotzdem du heute keine Flügel hast." „lchaber bin kein Engel in der Schule," lautete die prompte Antwort, — (und ich glaubte ihr), „sondern nur in der Theatervorstellung." Da kam der Herr Lehrer, und das ganze Nest flog zur Erde. „Warum ist der Herr kein Jude?" frug Herr Coen. — „Ach" lachte die kleine Gesellschaft, — „er spricht doch das Hebräische so schlecht aus!" Und Rachel, mein kleiner blonder Engel, bewies mir, daß ich sogar das Wort „Jude" falsch akzentuiert hatte. Wahrlich, nun fange ich selbst zu zweifeln an, daß ich ein Jude sei! Oder spricht Rachel mit Engelszungen aus, was unser, der Westjuden Schicksal ist? Sind wir bloß Juden für unsere Feinde? Judenfriedhof auf dem Lido Die Gondel knirscht am Strand, ein heiß Verlangen Trieb mich zu Euch, Ihr stillen Toten her, Ruhlose Wandrer, die zur Ruh' gegangen Am ew'gen Meer. Vertrieben aus dem fernen Heimatlande, Verfolgt, gehetzt, gepeinigt fort und fort — Nun ruht Ihr aus im kahlen Dünensande Am „guten Ort". Euch schrecken nicht der Scheiterhaufen Gluten, Nicht mehr der Pöbelmassen Mordgeschrei, Ihr seht nicht Weib und Kind vom Schwert verbluten, Nun seid Ihr frei!;elt -— No. 40 Frei wie die Hirten, denen einst erklungen Das hohe Lied von Gott und Menschlichkeit, Ihr wart die treuen Hüter, unbezwungen Von Tod und Leid. Ad. Fr. Sonne in Gibeon JTad] Simon Samuel Frug oon FrieDrld) Trjleberger „Sonne, löft von Den enben bes rjlmmels fidj ffdjt, Daß bu es fcrjuftf por dem Scrjmerz Der Dunkelheit? Sonne, bu zlefjft es mit blr! Sd)on Durchbricht TIad)t Me Dinge. Unb tpüb Ift mein IDeg nod) unb weit. Kraft fft mein fjerz nod)! Zs jagt fein Sd)Jag! Sieg Ift mein Flug!.. Dod) rofrbelnbe Schatten brorj'n! Sonne!... Sonne, ftel) ftlll! Sonne, gib Tag!" Da blieb bfe Sonne über ölbeon. Das üolk ftanb auf ben fjöl)n unb ftaunenb fati's: es jcrjroanb bfe JTad)t. Da ftürmts mit Sieg bmab. — ein ölanz lag auf ber Stlrne "Josuas, Der feinen Tagen neue tDeltie gab. * * * Den rjlmmel ipetterfcrjroarz fteljn rolr Im Kampf. 6ng fcftnört ble nacfjt ben Kreis um Blick unb rjanb. Unb fd)on nerbännmert zrolfcrjen Flngft unb Krampf Das fjoffen, bas elnft öräber übenränb. Dod) flackert's einmal auf im Übermaß Der Qual, umkrallt ble gelerglelcrje IDut Des Dunkels nMIber unsre Sdjnpären, Fraß IDIrb lljr ber ITacrjtbetäubten Iffark unb Blut. Unb dod) - Ift fturmfdjiper unfer IDeg unb roelt, Uns trugt nlcfjt 3lel unb Weg. 3äl)lt Schritt um Schritt! Denn nie löfcrjt Blut unb 3elt, roas Blut unb 3eit In's fjerz uns grub: brln fterjt, warum es IlttlJ nur Cld)t gebt! Ci'djt! - Dann löft bas trunkne Spiel Des ölanzes unsrer Sel)nfud)t finftre fjaft, Der Blick rolrb Sieg, ein j'eber Schritt iplrb 3lel, Dann kommt ber Tag ber rjorjelt unb ber Kraft. Dann kommt ber Tag ber reldiften önabe poll, Rn bem bes 3roelfels letzter Dunft fld) brld)t! - ll)r höhnt uns nur? öebt Kampf! Gebt Sturm! Gebt Groll! Dod) gebt uns fld)t! Gebt flcr/t! Gebt Dd)t! Q O O O O O O ]) o o o o o o o 7 AUS DER BEWEGUNG Deutschland Berlin. Die Generalversammlung der Berliner zionistischen Vereinigung, die in diesem Jahre nach dem Frankfurter Delegiertentag stattfand, hat schärfere Gegensätze gezeigt, als das in frühern Jahren der Fall war, so daß die Generalversammlung vertagt und erst in einer zweiten, ebenfalls sehr stürmischen Versammlung am Sonnabend, 1. Oktober, zum Abschluß gebracht werden konnte. Die B. Z. V. ließ in ihren Debatten und Beschlüssen keinen Zweifel darüber, daß sie mit den Verhandlungen und den Ergebnissen des Frankfurter Delegiertentages nicht ganz einverstanden sei. Das kam in dem Bericht des bisherigen Vorsitzenden Dr. Witkovvsky ebenso wie in dem Referat des Herrn Lazarus Barth und in den Debatten zum klaren Ausdfuck. 'Schließlich wurde ein neungliedriger Vorstand gewählt, an dessen Spitze als Hl o o o o o I 3> o o o o o o o Vorsitzender Herr Lazarus Barth steht. Trotz der heftigen Gegensätzlichkeit in der Auffassung der Bedeutung des Frankfurter Delegiertentages ist kein Zweifel, sondern sicher zu erwarten, daß der neue Vorstand ebenso wie der bisherige eifrig bemüht sein wird, unentwegt die Notwendigkeit einer starken Präsidialmacht im Zionismus zu vertreten und ebenso wie der frühere Vorstand die jahrelang vernachlässigte Agitation in Berlin eifrig aufzunehmen. Dazu werden u. a. auch die bevorstehenden Gemeindewahlen in Berlin Gelegenheit bieten, wenn auch die Zionisten sich an ihnen offiziell nicht beteiligen. Denn dafür werden schon die Gegner des Zionismus sorgen, die uns die Möglichkeit geben werden, ohne unserseits in den Wahlkampf einzutreten, die gewohnheitsgemäß von ihnen gegen den Zionismus gerichteten Angriffe in die gebührenden Schranken zurückzuweisen. « Ham-Mabbit.