Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316446--53764-3347532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
OCR text
No. 40 DIEXqKELT 975 Wir brauchen einen Augenarzt in Jaffa und später noch in Haifa, sobald erst Dr. Auerbach sein Spital hat und Räume für eine Klinik schafft. Wahrlich, es scheint, daß, wenn sich einige Dutzend Zionisten entschließen könnten, hier im Lande praktische Arbeit zu leisten, es ihnen allen so erginge wie dem Verein Le man Zion, — sie würden ihre hochfliegenden Pläne in einer Klinik oder in einem Spital begraben. Spitäler? In Jerusalem gibt es doch deren vier für die Juden. Gewiß, aber welchen Belegraum bieten sie? „Schäre Zedek", diese stolze Gründung, bei dessen Bau ich vor zehn Jahren so schöne Stunden verbrachte, hat nur für 25 Betten die Mittel, Raum jedoch für deren achtzig. Ohne dieses Hospital, dem einzigen, das Isolierpavillons hat, — dem einzigen mit allen modernen Einrichtungen; denn Bikur-cholim baut erst neu, — wäre Jerusalem das Opfer einer furchtbaren Meningitis-Epidemie geworden. Das Unglück aller dieser Anstalten ist ihre Abhängigkeit von Wohltaten. Bei uns werden die Hospitäler und Schulen von den Behörden unterhalten, hier von milden Gaben, die von auswärts kommen — oder ausbleiben. Diese wirtschaftliche Konstruktion Jerusalems hat die vielen bekannten Obelstände im Gefolge, deren peinlichster der ist, daß ein harmlos geselliges Leben ebenso ausgeschlossen scheint wie ein soziales Zusammenarbeiten nach außen. Einer gegen alle und alle gegen einen, das ist vorläufig die Losung in Jerusalem. Diese Stadt ist physisch und moralisch ungesund, diese Stadt, die so schön ist, daß man sie lieben kann, ohne von ihrer unsterblichen Bedeutung zu wissen, die gesund genug sein könnte, um ganz Judäa als Sanatorium zu dienen. Es wird langsam besser. Jeder von uns, der frei und unabhängig hierherkommt, vereinigt einige Gruppen um sich, und unser Gesinnungsgenosse Prof. Gottheil versuchte es sogar, die Kollelim aller Schattierungen zu einem Verband zusammenzuschließen, zu einer Großgemeinde. Früher oder später wird das geschehen müssen, wenn die Juden Jerusalems in der neuen Ära der Konstitution eine würdige Stellung einnehmen wollen. Langsam dringt auch die Überzeugung durch, daß man in Jerusalem arbeiten muß: — Talmudjünger tun sich zusammen um eine kleine Kolonie mit Milchwirtschaft zu gründen; — man ist bereit, zu erwerben, von der Arbeit zu leben und von Jerusalem den Fluch zu nehmen, daß es fast ausschließlich von Almosen lebt oder von den Benefizien eines Wallfahrtortes. Etwa die Hälfte aller Juden wird von der Chaluka beteilt, und wenige können davon leben, — alle übrigen arbeiten auch heute hart, wenn auch unfruchtbar. * * * Wo haben mich Esthers Augen hingeleitet? Und wo sind die versprochenen wohlgefälligen Bilder? Je nun, ich habe nur versprochen zu schildern, was mir gefällt: MirgefälJt es, daß die Juden etwa vier Millionen Francs jährlich für Jerusalem aufbringen; es mag ein Teil unproduktiv verwendet werden, — aber es gefällt mir, daß noch so viel Sinn für die alte Heimat latent im Judentum ruht. Von diesen vier Millionen werden Schulen und Spitäler erhalten, und was verschenkt wird, rollt als Erwerb weiter. Arbeit, Arbeit braucht Jerusalem, aber es kann auch keinen Centime von dem missen, was es heute bekommt, trotzdem die Chaluka dem gesunden Erwerbsleben im Wege steht. Jerusalem ist ein Schaustück der ganzen Welt; die Zahl der Touristen steigt jährlich; immer mehr Leute gehen mit dem härtesten Urteil über die Juden von Palästina heim. Sie sehen nicht die jüdische Arbeit in Palästina, sie sehen nur die armen, wenig gepflegten, siechen Juden von Jerusalem. * * * In Haifa geleitete mich ein kluger Knabe den ich nach der Zahl der Juden in der Stadt frug: Etwa 2000, meinte er zögernd; es war ihm sehr wenig, fast schämte er sich der geringen Zahl. „Aber, setzte er eifrig hinzu, „hier in Haifa sind alle Juden Brüder, einer ist getreu zum andern." Der Knabe kam aus Jerusalem hierher, — er merkt trotz seiner Jugend den Unterschied. Vielleicht treffe ich ihn nach abermals zehn Jahren in Jerusalem, wo er mir von seiner Vaterstadt Ähnliches wird sagen können. In Haifa ist es für Kindesaugen so, wie der Knabe sagte. Das konnten wir einen Tag später sehen, als die hebräische Schule uns eine Theatervorstellung bot. Das Spiel fand in der Hotelhalle statt, — auf einer wirklichen Bühne von wirklichen Künstlern. Denn all die kleinen Darsteller waren auf den Brettern genau so lieb, genau so natürlich wie im Leben. Ist das nicht höchste Kunst? Mehr noch als die Künstler, die ich trotz der deutlichen Aussprache nicht immer verstand, weil sie doch hebräisch spielten, fesselte mich das Publikum, — Damen in Kleidern, die in jeder Großstadt gute Figur machen würden, neben Frauen, deren Haupt nie ein moderner Hut verunziert hat, und neben einem Herrn in Smoking ein Mann in derbem, grauem Tuch. Alle aber peinlich sauber, die Kinder sogar zierlich geputzt. Es sind zumeist Aschkenasim, eingewanderte Russen und einige Deutsche. Der interessanteste Zuschauer war mir Matatjahu Katz. Matatjahu war bekanntlich der Vater der Makkabäer. Hoffentlich wird auch der junge Herr Katz Vater eines Heldengeschlechts. Die Aussichten sind gut, — denn er lebt ausschließlich von Milch, wovon sich das gesamte Publikum überzeugen konnte. Zum Glück geschah es in einer Spielpause, denn sonst wäre die Aufmerksamkeit zu sehr abgelenkt worden. „Kätzchen trinkt,'4 flüsterte es in der Runde, ernst und selbstverständlich sagten es die Frauen, kichernd die Mädchen. „Haben Sie gesehen, wie Kätzchen getrunken hat?" frug einer den andern. Wahrlich, es war ein lebendes Bild außer der Reihe; sie stellten auf der Bühne kein besseres. Nahe um Mitternacht schloß man mit dem Bilde „die Freiheit". Es war sehr schön. Ich habe es nicht ganz verstanden, denn hoch oben stand Rachel als Engel und winkte mir mit der jüdischen Fahne. Und ich sah nur ihr blondumlocktes Köpfchen; ich meinte, sie winke mir. Ob sie mich überhaupt gesehen hat? Ich glaube kaum, denn in den Augen Rachels und im Ansehen Adahs stehe ich nicht sehr hoch. Auf der vordersten Bank saßen in den Pausen die Künstler, und dort stellte ich mich als eine Art Kollege vor. Ich wurde von den jungen Damen recht mißtrauisch aufgenommen. Den Grund erfuhr ich bald. Die zehnjährige Adah frug die kleine Rachel: „Ist der