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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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974 DIE^ELT No. 40 o (, O □□□□□□ o iv» FEUILLETON PALÄSTINA- BILDERBUCH Von H. York=Steiner*) □ □□□□ o °J§ III. Esthers Augen — Kätzchen Ein geschmeidiges Körperchen, ein zartes, olivenfarbenes Gesichtlein, in das die 'dunklen Haare von allen Seiten drängen, feingeschnittene knospende Lippen, ein zart modelliertes Naschen und unter sauber gezeichneten Brauen, dunkle Augen, Augen, aus deren Tiefen ahnungsvolles Leben dämmert, Augen voll Kraft und Glut, wie sie Kindern nur im Orient zu eigen sind. Und diese Augen würden nicht leuchten und glühen, diese Blicke nicht uns erquicken, nicht die Kraft haben, sich an der schönen Welt zu freuen, die in Haifa so köstliche Augenweide bietet, diese Augen würden triefen, schwären, tränen, verdämmern, erlöschen, bis anstatt der lieblichen leuchtenden Sterne weißliche, blöde, starre, blinde Augäpfel das süße kleine Menschenkind für Lebenszeit verkümmern und zerstören. — — Meine Leser werden meinen, es sei genug: ich brauche diese Perspektive nicht weiter auszumalen und die Nerven nicht aufzupeitschen. Das meinte ich auch, als Dr. Auerbach ein Kind um das andere — — — Eigentlich fing die Sache sehr schön an. Die Kinder drängten sich um uns, gaben dem bekannten Arzte und den Fremdlingen ein herzliches Schalom. Dann spielten sie uns die schönsten Kindergartenstücke vor: vom Jäger, der die Vogelmulter schießen will und, den Bitten der Nestlinge Gehörschenkend, das Gewehr beiseitestellt, von den Bauern, die Bohnen säen, und von dem Hunde, der den Hühnern nachstellt. Die kleinen Künstler produzierten sich ebenso behend, ebenso lustig und ebenso unbefangen wie alle Kinder in Palästina, — bis der Arzt mit einem Winke Einhalt gebot. Da war denn die Freude rasch zu Ende: manches Geschichtlein, — das noch vor einem Augenblick freudig geglüht hatte, — erbleichte, und viele, die sich lustig vorgedrängt hatten, schoben sich zurück. Der Arzt nannte einen Namen nach dem andern, die Kinder traten aus dem Hof ins Schulzimmer, das inzwischen zu einem Ambulatorium umgewandelt war. Ein Kind ums andere legte das Körperchen vertrauensvoll rücklings in den Schoß des blonden Mannes, die Augen nach oben; manche lächeln ihn an, bis der beizende Blaustein das Äuglein schließt, das nun von selbst tränt und weint. Die Ganeneth ist nun Krankenschwester, sie reicht den Kindlein Watte, mit der sie die Augen wischen. So sitzt eine Reihe kleiner Geschöpfchen geblendet mit zwei großen Baumwollflocken im Gesicht. Es ist erstaunlich, mit welchem Heroismus diese Kindlein die tägliche Tortur ertragen. Denn der Schmerz muß furchtbar sein, wir sehen es am Toben der Ungebärdigen, die als letzte an die Reihe kommen. Wer sind die Kranken? Es sind zumeist die Kinder von Sephardim, stark arabisiert und mit abergläubischen Vorstellungen vollgesogen. *) Vgl. „Welt", No. 20 und 27. Ein Bübchen trägt einen Zopf, — dem Rabbi Meir, dem Wundertäter, verlobt, darf es vor dem sechsten Lebensjahre sein Haar nicht geschnitten bekommen, — eines der weinenden Kinder ruft seinen Schutzpatron an: o Mussa, o Mussa (o Moses, o Moses). Viele Minuten hindurch dauert das Bändigen und Schreien jener Kinder, deren Schmerzgefühl ein ausgeprägteres ist: es dauerte so lange, daß wir endlich tränenden Auges den Kindergarten verließen. Draußen sagte der Arzt: „Sie sollten auch das kennen lernen, nicht nur das Schöne bei uns." Ich gebe sein kluges Wort weiter. Vielleicht erlebe ich es, daß jeder Kindergarten Palästinas seinen Schularzt bekommt. Um Esthers Augen willen! * * Ich käme von den Kindern nicht los> es gibt aber auch in ganz Palästina nichts Schöneres, nichts Interessanteres und nichts Erquicklicheres als die Kinder. Stundenlang stehe ich in Schulzimmern und Kindergärten, und ich könnte mir von dieser Perspektive aus das ganze Palästina konstruieren. In der Eveline Rothschild-Schule zu Jerusalem durfte ich nicht nur dem Unterricht beiwohnen; man gestattete mir sogar in allen Klassen den englisch erteilten Unterricht zu unterbrechen und hebräisch fortsetzen zu lassen. Dasselbe Kunststücklein kann man in der deutschen Lämmelschule, in den Schulen des Deutschen Hilfsvereins, ja sogar in den meisten französischen Instituten der Alliance versuchen. Wie immer die Unterrichtssprache sein mag, das Hebräische ist den Kindern ein natürliches Ausdrucksmittel geworden. Die Eveline Rothschild-Schule nimmt die Mädchen im zartesten Alter auf und führt sie bis zur vollen Selbstständigkeit, Die Mädchen sind entweder Erzieherinnen, Haushälterinnen, Schneiderinnen, Putzmacherinnen, oder sie lernen sticken, Spitzen knüpfen und weißnähen. Ist das nicht viel? Als ich mich dankbar verabschiedete, sagte die Direktrice Fräulein Landau voll ernster Trauer: „Wissen Sie, daß etwa 40% meiner Kinder von der Gefahr des Erblindens bedroht sind?" Sechshundert Kinder v/erden in dieser Schule erzogen.--- Der Verein „Le man Zion" hat sich einst das Ziel gesteckt, die Juden Jerusalems zur Arbeit und zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu erziehen. Um arbeiten zu können, muß man gesund sein, man begann daher mit hygienischer Arbeit. Und bei dieser blieb man: eine große Apotheke und die Augenklinik, die erste und einzige jüdische, sind nun das Arbeitsfeld dieses segensreichen Vereins. Dr. Erlanger, der prächtige Chef der Klinik, bereist auch die Kolonien zur Inspektion der Augenkranken, er wird auch von Christen und Arabern viel in Anspruch genommen, aber im Augenblick, wo er der Stadt den Rücken wendet, bleiben Tausende von Augenkranken ohne Spezialbehandlung.

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