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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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geneigt, daß sie kritisch und dekompositorisch, radikal und oppositionell veranlagt und zu positivem Schaffen unfähig seien, oder daß ihnen der internationale Charakter von Natur anhafte, daß sie heimatlose Gesellen seien und die Parasitenexistenz ihrem ganzen Wesen nicht widerstrebe. Auf den gleichen Weg des nationalen Wiederaufbaues weist auch die Erkenntnis, daß die Selbsterziehung wegen unserer Weltlage niemals befriedigende Resultate liefern kann. Wir wollen jüdische Bauern und Handwerker erziehen: aber wir wissen, daß die wirtschaftliche Überlegenheit, die höhere Anstelligkeit, Strebsamkeit und Qeistigkeit der Juden sie in der Zerstreuung immer wieder dem Handel und den höhern Berufen zuführen werden. Wir wollen, daß die Juden stets männlich, mutig, mit strenger Selbstzucht, Zurückhaltung und Bescheidenheit und doch mit ruhigem, edlem Stolz, im Bewußtsein ihrer Abstammung gegründet, auftreten sollen. Aber ihre Lage ist alledem sehr ungünstig. Sie sind den Verfolgungen ihrer Feinde dauernd ausgesetzt, ohne alle eignen Mittel, sich ihrer zu erwehren; sie sind mit ihrer ganzen Existenz von ihrer Umgebung abhängig, sie haben Spott und Vergewaltigung zu fürchten: wie soll, zumal im Bewußtsein der herrschenden Abneigung und des herrschenden Vorurteils, die Ängstlichkeit erfolgreich bekämpft, Sicherheit des Auftretens erreicht, Mut und Mannhaftigkeit entwickelt werden! Tastende Vorsicht scheint da allein am Platze zu sein. Man setzt die Juden in der Verwaltung und in der Gesellschaft zurück, man enthält ihnen die Ehren, sozialen Auszeichnungen und Förderungen vor, nach denen doch auch sie ein natürliches, menschliches Verlangen tragen: wie sollten da die moralisch mittelmäßigen Elemente nicht zum Kriechen und Schmeicheln eigens erzogen werden oder auch umgekehrt nicht durch Dreistigkeit und Vordringlichkeit zum Ziel zu gelangen suchen! Wie sollten wir die aus dauernd fließenden Quellen genährte lächerliche Ehrsucht bei so vielen Juden bekämpfen können! Wir wissen, daß wir in unserer prekären Lage gegeneinander Schonung und Nachsicht üben, manche Disziplinwidrigkeit ungestraft lassen müssen, um einen „Chillul haschem" zu vermeiden: wie sollten wir energisch unsere Selbsterziehung betreiben, Sinn für Ordnung und Unterordnung unter uns verbreiten können! Wir werden zurückgestoßen und von der Mitarbeit an den Idealen unserer Umgebung ausgeschlossen, während unsere alten Ideale unter dem Einfluß der modernen Kultur ins Wanken geraten sind: wie sollten Ideallosigkeit und materialistische Gesinnung, gemütloser, zersetzender Witz und ein nagender Unfriede der Seele in unserer Mitte nicht einen günstigen Nährboden finden! Die Zerstörung des jüdischen Geistes und Lebens hat Geringschätzung des Jüdischen, Zerstörung des jüdischen Selbstgefühls, eine abstoßende, ruchlose Selbstkritik und eine widerwärtige Beschmutzung des eignen Nestes zuwege gebracht: wie sollten wir in der Zerstreuung, wo wir fortan nur Träger fremden Geistes sein können, eine neue starke stolze jüdische Kultur aus uns erzeugen und unserm Selbstgefühl einen neuen natürlichen, unmittelbaren Quell erschließen! Und ohne gesundes Selbstgefühl fehlt doch der ganzen moralischen Entwicklung die notwendige, unentbehrliche Basis! Unsere Lage treibt und nötigt immer wieder zur Assimilation. Wir sehen ihre schlimmen Folgen, Gleichgültigkeit gegen die jüdischen Interessen und beschämende Unkenntnis der eigenen Angelegenheiten, Fahnenflucht und feiges Imstichlassen der kämpfenden Stammesgenossen, das Ausscheiden der obern Schichten und unsere zunehmende Wehrlosigkeit: aber wir können das Gesetz der Anpassung, das immer wieder zur Assimilation drängt und die ganze lebende Welt beherrscht, nicht umstoßen! Kurz, überall, wohin wir blicken, rennen wir gegen Schranken an, die auch der beste Wille nicht niederzureißen vermag. Die Verhältnisse sind eben stärker als die Menschen. Solange wir die elementaren Lebensbedingungen des jüdischen Volkes nicht ändern, werden alle Bemühungen, durch Selbsterziehung unter uns bestehende Mängel aufzuheben, nur ganz unerhebliche Teilerfolge erzielen können. In der Hauptsache wird da auch durch die redlichste Arbeit -nichts geändert, und es ist ein so entsetzliches Gefühl, alle Glut der Seele und alle Kraft des Geistes einem aussichtslosen Beginnen widmen zu müssen. Und dieses Gefühl ist um so schmerzlicher, je mehr man die ganz ungewöhnliche moralische Begabung und die natürlichen, starken sozialen Instinkte, das große Selbstvertrauen des jüdischen Volkes und seine Freude am eignen nationalen Leben kennt. Wer die Bibel versteht, weiß das zur Genüge. Nur wenn die Ursachen der mancherlei Schäden behoben sein werden, werden auch diese selbst schwinden. Wir befinden uns eben in einer durchaus anormalen Lage, die unsere moralische Beschaffenheit ebenso unabänderlich bestimmt wie das Urteil der Welt über uns. Wrohl ist es in der Natur des Menschen begründet, daß wir zunächst den leichtern und bequemern Weg eingeschlagen haben, um unsern moralischen Ruf zu restituieren. Am leichtesten ist der Weg der Aufklärung, schon schwieriger der später allgemein von uns betretene Weg der Selbsterziehung. Allein das Schicksal ist unerbittlich und läßt sich von seiner Forderung nichts abhandeln. Seine Forderung, die die von uns gesuchte Formel enthält, lautet: Nicht die Aufklärung der Umwelt und nicht die Selbsterziehung der Juden in der Zerstreuung kann unsere Ehre in den Augen der Völker wieder herstellen, sondern allein jene große nationale Tat, deren Vollbringung der Zionismus mit aller Kraft anstrebt.

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