Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Schon aber bricht sich mehr und mehr die Erkenntnis Bahn, daß es mit der Belehrung und Erziehung allein nicht getan ist, daß gewisse soziale Grundverhältnisse, die gegebene wirtschaftliche Schichtung der Juden und ihre ganze anormale politische Lage die Abstellung von Mängeln erschweren oder gar unmöglich machen. Was haben die Jahrzehnte hindurch fortgesetzten Bemühungen, was hat die mit so viel Eifer betriebene Aufklärung und Selbsterziehung genützt? Wir sind bis heute damit kaum weiter gekommen als am ersten Tage. Unser Ruf ist nicht besser geworden, und die Abneigung gegen uns hat sich nicht verringert. Was folgt daraus? Die Unentwegten sagen, wir müssen eben die Bemühungen fortsetzen, so lange fortsetzen, bis wir endlich durchdringen und siegen. Wer sich aber durch die Geschichte, durch die Erfahrung und die besonnene Erwägung der gegebenen Tatsachen belehren läßt, der wird nachdenklich werden und sich fragen, ob denn die bloße Aufklärung und Selbsterziehung wirklich der richtige und ausreichende Weg ist, um die Ehre unseres Volkes zu heben oder wiederherzustellen. Gibt es psychologische, sozial- und völkerpsychologische Einsichten, die einen andern Weg nötig machen, um die Ehre des jüdischen Volkes wiederherzustellen? Diese Frage wollen wir kurz untersuchen. Unsern W7ert tragen wir wohl in uns selber, aber unsere Ehre haben wir bekanntlich bei andern. Die andern schenken uns die Ehre nicht freiwillig, sie schenken sie überhaupt nicht, die Ehre muß ihnen, selbst wider Willen, abgenötigt und abgerungen werden. Der einzelne Mensch gilt im allgemeinen so viel, wie er leistet. Nach dem Eindruck seines Handelns, seiner Gesinnungen, soweit sie zutage treten, nach dem Eindruck seiner Fähigkeiten, seiner Gesamtpersönlichkeit bestimmt sich das Maß der Achtung, die ihm in seinem Kreise gezollt wird. Soll er in der Achtung steigen, dann kann er dies nur durch Betätigungen erreichen, die für alle Welt seine Höherwertigkeit deutlich dokumentieren. Bei einem Volke ist es nicht anders. Im allgemeinen wird ein Volk nach seinen Leistungen, nach seinen offenbarten geistigen, moralischen und wirtschaftlichen, mit einem WTorte; nach seinen kulturellen Fähigkeiten geschätzt. Wie über den einzelnen Menschen, können sich aber auch über ein ganzes Volk unter ungünstigen Verhältnissen falsche Auffassungen und Vorurteile bilden. Bei den Juden ist dies, wie schon bemerkt, leider in sehr hohem Maße der Fall. Wohl kennt man ihre Leistungen von früher, ihre welthistorische Bedeutung, ihr zähes, treues Ausharren im Mißgeschick, ihre makkabäischen Heldentaten, ihre überwindende Kraft. Unterrichtete und besonnene Nichtjuden geben das alles zu. Allein unser Ruhm ist alt, er liegt etwas weit zurück, und wer und was bürgt dafür, daß wir auf der langen, bösen Reise durch die europäische Kulturwelt ganz die alten geblieben sind? Dazu kommt, daß das Gros der Gebildeten von diesen Dingen naturgemäß eine wenig klare Kenntnis besitzt. Was soll man nicht alles wissen und welchen zwingenden Grund hat man denn, sich um diese Dinge und die Angelegenheiten der Juden zu kümmern! Anderseits lehrt die Erfahrung, daß wir fast gar keine Möglichkeit haben, mit unserer Aufklärung an die meisten Leute heranzukommen. Was tut die Welt, wenn sie sich ein Urteil über die Juden bilden will? Sie schlägt, wie natürlich, den nächsten und bequemsten Weg ein. Man nimmt die Juden, wie sie heute sind, nicht ohne daß man große Mühe hätte, sich dem herrschenden Vorurteil zu entziehen, das gerade die Mängel der Juden ganz unbewußt unter bengalische Beleuchtung bringt. Die instinktive und durch die Jahrhunderte genährte Abneigung, genährt auch durch gewisse im Golus erworbene Eigenheiten der Juden, sieht diese in einem wenig vorteilhaften Lichte, in das von einem nur quasi-wissenschaftlichen, aber geschickt operierenden Rassenantisemitismus retrospektiv sogar das jüdische Altertum wider alle historische Wahrheit getaucht wird. Was aber die Leistungen einzelner Jtrcfef im 19. Jahrhundert, die ganz gewiß nicht gering waren, betrifft, so verlieren sie sich für den Blick der meisten Nichtjuden in der Kultur ihrer Wirtsvölker, oder sie werden ihr als der Nährquelle gar ohne weiteres zugerechnet, jedenfalls tritt in ihnen für die Welt die jüdische Gesamtheit als erzeugende Kraft und aus sich selbst schaffender Kulturfaktor nicht zutage. Daraus ergibt sich klar, wie allein die moralische Restitution der Juden in den Augen der Völker bewirkt werden könnte: Nicht durch lendenlahme Aufklärung^ sondern allein durch die große, tapfere Tat, durch die Tat nicht dieses und jenes Juden, sondern der jüdischen Gesamtheit, mit andern Worten, durch eine nationale Tat, die die Erweckung des nationalen Bewußtseins und Willens zu ihrer Vollbringung voraussetzt, nur durch sie können die Juden moralisch rehabilitiert werden. Der wirtschaftlich-kulturelle Wiederaufbau des jüdischen Volkes, trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten, wäre eine solche und die einzig mögliche Tat, eine Tat, deren achtunggebietendem Charakter sich die gesamte Kulturwelt nicht würde verschließen können. Die Schwierigkeiten sind ja so groß und so mannigfach, die notwendigen moralischen Leistungen so kolossale, und die Aufgabe ist eine so einzigartige, daß eben deswegen manche glauben, sie seien überhaupt nicht zu bewältigen. Aber einerseits sind die jüdischen Stammesempfindungen, wenn sie auf die rechte Bahn gelenkt werden, so mächtig und so wirksam, die Anfänge des schwierigen Werkes so verheißungsvoll, und anderseits ist die Erkenntnis, daß ein anderer Weg zur Wiederherstellung unseres Rufes nicht gegeben ist, eine so klare und sichere, daß auch weniger kühne und unternehmende Geister wohl den Mut sollten aufbringen können, an die uns vom Schicksal gewordene, unausweichliche Aufgabe heranzutreten. Der Erfolg der vollbrachten Tat kann nicht zweifelhaft sein. Wollen wir ein Beispiel, so erinnern wir an die Japaner. Die hohe nationale Leistung ihrer raschen kulturellen Erneuerung, die dann durch den Erweis ihrer militärischen Überlegenheit über die Russen nur noch besiegelt worden ist, hat einen so starken moralischen Druck auf die gesamte Kulturwelt ausgeübt, daß sie letzterer die Anerkennung des hohen nationalen Wertes der Japaner aufgezwungen hat. Der nationale Wiederaufbau des jüdischen Volkes würde wegen seiner viel größern Schwierigkeiten eine weit gewaltigere Leistung darstellen, um so größer würde aber auch deren Ruhm und die wohltätigen Folgen für den Ruf des jüdischen Volkes sein. Man wird dann nicht mehr sagen können, daß die Juden der schweren Handarbeit durchaus ab-