Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316446--53760-3347528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 40 DIE3§KELT 971 entgegenzutreten, aus dem damals die Entfremdung in nationaler Hinsicht und die Preisgabe des Judentums hervorgingen. Mehr als je zuvor wurde gerade in jener Zeit auf diesem Glauben aufgebaut. Man kann die weisen Maßregeln der damaligen Volksführer nicht genug bewundern, die es verstanden haben, das Volk auf Schritt und Tritt, bei jedem Vorgang des individuellen und des öffentlichen Lebens daran zu erinnern, daß es sich in einem Zustande des Provisoriums befand. Immer wurde die Erinnerung an die nationale Vergangenheit wachgerufen und gleichzeitig die Hoffnung auf eine große Zukunft dem Qemüte eingeprägt. Wir sehen ja, wieviel heutzutage zerstört werden muß, mit welcher Maßlosigkeit die einzelnen Glieder des Judentums ausgerenkt werden müssen, um diesen Unsterblichkeitsglauben zu zerstören. Dabei merken sie garnicht, daß dieses Zerstörungswerk unzureichend ist. Oder sie merken es, können aber keine ganze Arbeit leisten. In alle Poren des Judentums ist dieser Glaube gedrungen; es gibt nichts in ihm, das mit dieser Hoffnung nicht in loserer oder engerer Verbindung steht. Um das Judentum von diesen Bestandteilen zu „säubern", muß man es von Grund aus niederreißen. Sie spotten über die rabbinische Deutungskunst, die ihnen spitzfindig und haarsträubend waghalsig erscheint, und sie selbst sind fortwährend bemüht zu deuteln und zu symbolisieren, um doch wenigstens etwas erhalten zu „dürfen". Es ist klar, mit dem nationalen Unsterblichkeitsglaubeil steht und fällt das Judentum. Für die Zukunft denke ich mir eine neue jüdische Religionsphilosophie, die diesen Gedanken mehr in den Vordergrund stellen wird. Sie wäre keine Neuerung, denn das ganze jüdische Schrifttum, von der Bibel bis auf die neuere Zeit, wird ja von diesem Prinzip beherrscht, und der letzte große Religionsphilosoph Xachman Krochmal hat ihm große Aufmerksamkeit zugewandt. Er hat auch die Grundlage geschaffen, auf der eine systematische geschichtliche Religionsphilosophie in dem angegebenen Sinne aufzubauen wäre. Der Gedanke muß nur mehr in den Vordergrund treten und von jedem Dogmatismus losgelöst werden. Denn was früher ein Glaube war, ist jetzt durch die geschichtliche Entwicklung zur Tatsache geworden. In diesem Prinzip vereinigen sich für uns jetzt Religion, Philosophie und Geschichte. Es wäre sehr zu wünschen, daß sich ein Berufener dieser geistigen Arbeit unterzöge, und zwar rein objektiv wissenschaftlich, voraussetzungslos und abseits vom Getriebe des Parteilebens. Nach manchen Versuchen, deren Wert ich nicht herabsetzen möchte, wäre es jetzt an der Zeit, die Philosophie der jüdischen Geschichte zu begründen, deren Idee die nationale Unsterblichkeitslehre des Judentums wäre. Die moralische Wiederherstellung der Juden Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp Es ist eine ernste, höchst bedeutsame Tatsache, auf die wir in diesen Zeilen hinweisen möchten, Sie ist wohl schon gelegentlich einmal gestreift,, aber unseres Wissens in ihrer Tragweite noch nicht dargelegt- und gewürdigt worden. In jedem Falle erscheint es uns als notwendig, daß diese Tatsache beleuchtet und auf die einfachste, kürzeste Formel gebracht werde, damit sie auf das Bewußtsein aller denkenden Juden wirken könne. Es ist unzweifelhaft wahr, wenn auch tief schmerzlich, daß das jüdische Volk sich unter den andern Völkern nicht des besten Rufes erfreut, daß der jüdische Name in der Welt keinen allzu guten Klang hat. Tief schmerzlich muß dies für jeden Juden sein, zumal wenn er, wie natürlich, die Gemeinschaft, der er durch sein Blut angehört, nicht nur liebt,* sondern auch Grund zu haben glaubt, sie unbeschadet der auch ihr anhaftenden Mängel, rein objektiv, um ihrer Fähigkeiten, Leistungen und Verdienste willen hochschätzen zu müssen. Er empfindet naturgemäß das Urteil der Welt als ein Vorurteil und fragt sich, wie ihm zu steuern sei. Alle guten Juden haben sich diese Frage längst vorgelegt, und sie meinten dem Vorurteil zunächst mit der rechten Aufklärung begegnen zu sollen. In der Tat war dies das Nächste, woran man denken konnte. Die historischen und statistischen Tatsachen sollten reden, sie sollten jedem Unbefangenen, sie sollten der billig und gerecht urteilenden Welt beweisen, daß die Juden weit, weit besser seien, als ihr Ruf. Diesen Weg beschritt schon Mendelssohn mit der Übersetzung der „Rettung der Juden" von Manasse ben Israel; hier liegt das Leitmotiv der ausgedehnten Forschungen, die Zunz zum Vater der jüdischen Wissenschaft gemacht haben, und Jost, der noch vor ürätz eine jüdische Geschichte schrieb, läßt es sich vor allem angelegen sein, überall aufzuzeigen, welche wackern, biedern Bürger die Juden im Grunde stets gewesen seien. Alle AbwehrtätigkeLt in der neuern antisemitischen Periode geht in gleicher Weise darauf aus, an der Hand eines reichen historischen und statistischen Tatsachenmaterials die Verkehrtheit des über die Juden herrschenden Vorurteils zu erweisen. Die öffentliche Meinung aufzuklären, das galt und gilt als die Pflicht und Aufgabe aller guten Juden und aller edlen Judenfreunde. Anderseits meldete sich bald auch die jüdische Selbstkritik, deren Anfänge bereits über hundert Jahre zurückreichen, mit der Forderung, daß wir unsere Selbsterziehung energisch in die Hand nehmen müßten. Die Selbstkritik ist von Hause aus ein Vorzug des durchaus ethisch gerichteten jüdischen Volksgeistes. Sie hat freilich manchmal, besonders in der neuern Zeit, bei Individuen, denen gerade die notwendigste Voraussetzung für gesunde, heilsame Selbstkritik, die Liebe zum eigenen Stamme, völlig abgeht, recht häßliche Blüten getrieben, die sich wie eine Karikatur jenes Geistes ausnehmen, der eine wirkliche Selbsterziehung ernstlich erstrebt. Ein Jude, der lieblos die Juden kritisiert und verurteilt, übt nicht nur ein ungerechtes und gänzlich wertloses Werk, er fällt damit auch ein Verdammungsurteil über sich selbst, nicht nur, weil er selbst Jude ist, sondern weil er die Vorbedingungen für den moralischen Kritiker im wichtigsten Punkte nicht erfüllt. Es hat aber in der neuem Zeit auch an einer moralisch berechtigten Selbstkritik nicht gefehlt. Die Bestrebungen der Kulturvereinler von 1819 waren nach ihren Motiven durchaus zu billigen, wenn sie auch sehr bald ergebnislos im Sande verlaufen mußten. In unserer Zeit sind vor allem die Bne-Brith-Logen die Vertreter * einer berechtigten und verständig geübten Selbstkritik. Sie suchenlhre Mitglieder in stiller, langer Arbeit moralisch günstig zu beeinflussen und zu erziehen.