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Die Welt · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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970 DIE3 Glaube den Propheten aus der innersten Oberzeugung, aus dem innersten Herzen quoll. Als sie die endgültige Vernichtung des jüdischen Volkes infolge der Sittenverderbnis weissagten, glaubten sie selbst nicht daran, oder richtiger: sie wollten selbst nicht daran glauben. Sobald sie aber Worte des Trostes und der Ermutigung an das niedergebeugte und verzagte Volk richteten, überfloß ihreRede von süßestenHoffnungen, und unerschöpflich ist ihre poetische Kraft in der Ausmalung von glänzenden Bildern aus der verheißenen heirlichen Zukunft. Mitunter waren diese Worte an ein kleinmütiges Geschlecht gerichtet, das für dieses glänzende Zukunftsbild kein Verständnis hatte. Es brütete vor sichin dumpfer Verzweiflung hin, indem es an sich und seine nationale Zukunft nicht mehr glaubte. Aber der Glaube der Propheten an diese Verheißung hat sie nicht getäuscht. Und da sie an die ewige Dauer des jüdischen Volkes glaubten, so wirkten ihre Worte auch in viel%späterer Zeit. Man darf sagen,.daß diese Wirkung stets umso mächtiger wurde, je mehr die Entfernung wuchs seit der Zeit, in der die prophetischen Reden von den beredten Lippen flössen. Geschichtsforscher, die gewöhnt sind, geschichtliche Ereignisse nicht bloß nach ihrer äußern Seite zu betrachten, sie nicht als lose aneinander gereihte Zufälligkeit zu behandeln, sondern als Geschehnisse, die sich durch ein ewiges Gesetz vollziehen, dem eine sittliche Ordnung zugrunde liegt, solche Historiker haben schon längst erkannt, daß in späterer Zeit wohl die prophetische Form aufgehört hatte, nicht aber die prophetische Wirkung. Die Idee des prophetischen Judentums lebte im Zeitalter des zweiten jüdischen Staats fort, nur daß sie immer mehr in die Tat umgesetzt wurde. Allerdings verloren die hohen Ideale vieles von ihrem Glänze, wie es in der Regel Idealen ergeht, wenn sie der Verwirklichung entgegengeführt werden. Der nationale Unsterblichkeitsgedanke hat das jüdische Volk während jener geschichtlichen Epoche mit derselben Stärke beherrscht wie im Zeitalter der Propheten, nur daß er nicht jene schöne poetische Form gefunden wie ehemals. Und mit diesem Glauben kam auch die Gefahr einer maßlosen Übertreibung. Zu großen prophetischen Reden wie in der klassischen Zeit kam es wohl nicht mehr, dafür aber wirkte die erziehliche Kraft der Volksbelehrung, die in der Prophetie wurzelte und aus ihr schöpfte. Einmal hat sich der Glaube an die ewige geschichtliche Berufung des jüdischen Volkes glänzend bewährt; er gab einem heldenmütigen Geschlecht den Mut und die Kraft für die geistige und die politische Unabhängigkeit zu kämpfen, und diese Freiheit in heißem Ringen zu erlangen. Aber auf die Zeit des nationalen Aufschwungs kam eine solche des Niedergangs infolge des blinden Wütens und der Selbstzerfleischung im unaufhörlichen Parteihader. Bei der Betrachtung dieser geschichtlichen Vorgänge hat man das Gefühl, daß der Glaube an die Unvergänglichkeit Israels ihm zum Verhängnis geworden ist. Das Volk verlor jedes Verständnis für das Mögliche oder Unmögliche; es hatte keine richtige Vorstellung mehr von den Dimensionen. Während beispielsweise aus dem ersten Makkabäerbuch neben Mut und Selbstvertrauen auch staatsmännische und staatserhaltende Klugheit hervorleuchtet, während dieses Buch den gesunden Sinn eines reifen, tapferen und vorsichtigen Volkes atmet, trat in der spätem nationalen Schrift immer [ELT No; 40 der Glaube an Wunder hervor, der das menschliche Handeln überflüssig macht oder es zu den waghalsigsten Unternehmungen verleiten kann. Eine Folge dieser nationalen Vorstellungen war, wenigstens zum großen Teil, der unglückliche große Krieg gegen Vespasian und Titus. Die neuere Geschichtsforschung hat ergeben, daß der Krieg an sich gar so nicht aussichtslos war; er würde bei der bewunderungswürdigen Tapferkeit der jüdischen Patrioten ein glücklicheres Ergebnis gebracht haben, wenn nicht die unglückselige Kriegsführung das Verderben herbeigeführt hätte. Das Volk hatte ein großes Ziel vor Augen und brachte für dessen Erreichung die größten Opfer. Aber in ihm lebte der Glaube an das unausbleibliche Eintreffen eines Wunders. Der Glaube an die Unzerstörbarkeit des jüdischen Volkes nahm den Charakter des Aberglaubens an. Es erschien alles möglich, alles erreichbar und deshalb auch alles anwendbar. Nach der schrecklichen Katastrophe schlug *die Stimmung um, und in weiten Teilen des jüdischen Volkes trat Mutlosigkeit und Verzweiflung ein; der Glaube an die ewige Dauer Israels schien vernichtet. Es tauchte damals die Redewendung auf, daß ein Knecht, den sein Herr fortgejagt habe, diesem Herrn nicht mehr vor Gesicht erscheinen dürfe; er muß sich eben einen neuen Herrn' suchen. Und in der Tat schickten sich viele Juden an, einen neuen Herrn zu suchen, die Bande des Judentums endgültig zu lösen, die Zukunft nicht mehr im Fortbestand des jüdischen Volkes zu erblicken, sondern in dessen völliger Auflösung. Mit einem fast beispiellosen Eifer arbeitete Paulus und seine Anhänger an dem Auflösungsprozeß des Judentums, vom Standpunkt ausgehend, daß weder das jüdische Volk noch das Judentum eine Zukunft habe. Dogmatisch spielt zwar die Apostelgeschichte in der Zeit vor der Zerstörung Jerusalems durch Titus, tatsächlich aber gingen diese Ereignisse erst viel später vor sich, als die jüdische Hauptstadt verwüstet und das nationale Heiligtum in Trümmern lag. Außer mancher Sage besitzen wir kein geschichtliches Zeugnis für die frühere Trennung der neuen Religionsgemeinschaft von der Muttergemeinde. Hingegen steht es fest, daß gegen Anfang des zweiten Jahrhunderts in Palästina wie in manchen Ländern der Diaspora der Zersetzungsprozeß im Judentum sehr weit gediehen war. Nicht in den Jahren zwischen 30 und 70 sei alles geschehen, wie Adolf Harnack unkritisch meint, sondern erst in den Jahren zwischen 70 und 132. Im hadrianischen Krieg, der das letzte große Ringen des jüdischen Volkes um seine politische Freiheit war, erscheint die Spaltung bereits vollendet. Alle, die den Glauben an die nationale Unsterblichkeit verloren hatten, hielten sich von diesem nationalen Kampfe fern oder standen ihm sogar feindlich gegenüber. Ohne den heimatlichen Boden, ohne all die unerläßlichen Bedingungen eines nationalen Lebens überdauerte der größte Teil des jüdischen Volkes diese schwere Krisis nur durch die Kraft des Glaubens an die nationale Unsterblichkeit Die Zeit brauchte nicht etwas Neues zu schaffen, denn der Gedanke war vorhanden, er lag aufbewahrt im religiösen Schrifttum, daß das Volk aus der schrecklichen Katastrophe gerettet hatte. Im Herzen der Führer lebte ja diese Hoffnung, daß dem jüdischen Volk eine große nationale Zukunft bevorstehe. Aber es galt, in den breiten Volksmassen diesen Glauben zu erhalten,, dem zerstörenden Pessimismus

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